• Stellen Sie sich auf eine längere Sitzung ein. Bleib-Ganz-Ohr ist oft zeitaufwändig. Große Gefühle tauchen geballt auf, und es dauert, bis sie sich aufgelöst haben. Wenn Bleib-Ganz-Ohr für Sie völlig neu ist, wird Ihr Kind wahrscheinlich einiges an Gefühlen durchzuarbeiten haben.
• Sprechen Sie in sanftem Tonfall, auch dann, wenn Ihr Kind Sie als schlechteste Mutter, schlechtesten Vater der Welt beschimpft. Vertrauen Sie einfach darauf, dass Sie genau die richtige Person an der Seite Ihres Kindes sind, während es diese schrecklichen Gefühle loswird.
• Hören Sie zu. Sagen Sie wenig. „Mir tut leid, dass es so schwer ist“ oder „ich bin hier für dich da“ oder „Schätzchen, ich merke, dass du ganz aufgewühlt bist“, mag zwar hilfreich sein, das Zuhören ist jedoch der Schlüssel. Kim John Payne schreibt in seinem Buch Simplicity Parenting: „Je mehr Sie sagen, umso weniger hören Sie zu.“ Das sehe ich ebenso. Doch wenn Ihr Kind um sich schlägt, wird eine leise Litanei beruhigender Worte während seines Kampfes mit unsichtbaren Kräften zu seinem inneren Halt beitragen.
• Sanfte Berührungen können hilfreich sein. Probieren Sie es aus. Kinder unterscheiden sich stark in ihrem Wunsch nach Berührung. Ist sie hilfreich, werden dadurch wahrscheinlich die Gefühle verstärkt. Ist sie eher fehl am Platz, hören die Kinder mit dem Weinen auf oder reagieren ärgerlich. Sie müssen Ihre Aufmerksamkeit nicht über die Berührung oder Umarmung zeigen, obwohl Ihr Kind beim Freisetzen seiner Emotionen allmählich mehr Nähe suchen wird.
Falls Ihr Kind einen Wutanfall hat, ist es meist am besten, ohne Tuchfühlung näher zu rücken, es sei denn, Sie müssen es davon abhalten, sich selbst zu verletzen. Lassen Sie Ihr Kind toben. Es braucht die Bewegung. Wenn Ihr Kind es mag, können Sie es in den Arm nehmen, wenn es fertig ist. Arbeitet es sich durch Ängste hindurch, dann wird das Im-Arm-Halten zu einer Herausforderung. Vielleicht braucht es Gerangel und Kampf mit Ihnen.
• Sorgen Sie für seine und Ihre Sicherheit. In den Fängen tiefsitzender Ängste reagieren die Kinder manchmal wild und mit dem Impuls, zu verletzen. Weil Sie zuhören, macht Sie das zum Hauptangriffsziel. Der Umgang mit diesen stürmischen Reaktionen ist nicht einfach. Nützliche Hinweise bekommen Sie in Kapitel 11, Ängste auflösen, und Kapitel 12, Aggressionen überwinden .
Lassen Sie Ihr Kind entscheiden, wann es fertig ist. Die kindlichen Gefühle sind von einer Größe und Tiefe, die Sie weder ermessen noch vorhersagen können. Manchmal genügt dem Kind ein dreiminütiges Ausweinen, um hinterher fröhlich und klar zu sein. Besonders wenn Bleib-Ganz-Ohr für Sie neu ist, werden anfangs die Ausbrüche Ihres Kindes wahrscheinlich länger dauern, da es seit seiner Geburt einiges an Heilung aufzuholen hat.
Ihrem Kind zu erlauben, sich ganz und gar auszuweinen, lässt sich damit vergleichen, es ausschlafen zu lassen. Beim Weinen wie auch beim Schlafen ist die Psyche mit wichtiger innerer Arbeit beschäftigt, sozusagen mit Hausputz. Alles wird ordentlich aufgeräumt, die Batterie wird aufgeladen. Das Gehirn sortiert Informationen und speichert sie ab. Und dieser Prozess vollzieht sich in einem bestimmten Tempo, das weder Ihr Kind noch Sie bewusst steuern können. Wenn Sie Ihr Kind vorzeitig wecken, werden Sie einen aus dem Gleichgewicht geratenen kleinen Griesgram vor sich haben, der Sie den ganzen Tag immer wieder an Ihren Fehler erinnern wird. Dasselbe gilt fürs Weinen. Wenn Sie Ihrem Kind nicht bis zum Ende seines inneren Aufruhrs zuhören können, hat es zunächst keine weitere Möglichkeit, die schwierigen Gefühle aus der Tiefe seiner Psyche zu entsorgen. Diese beeinflussen jetzt das Verhalten des Kindes und signalisieren, dass in ihm nicht alles in Ordnung ist.
Falls nötig, können Sie Bleib-Ganz-Ohr dennoch kurzfristig abbrechen. Sobald Sie selbst aus der Fassung geraten, sollten Sie sogar unbedingt damit aufhören. Sagen Sie dann einfach Ihrem Kind, dass Sie zwar momentan nicht länger zuhören können, aber dafür ein anderes Mal. Danach versorgen Sie Ihr Kind mit einem Imbiss, einem Bad oder einer seiner Lieblingsbeschäftigungen. Zwar wird es dann nicht in Bestform sein, aber Sie brauchen eine Pause und die Möglichkeit, sich Ihrer eigenen Gefühle zu entledigen. Ihrem Kind wird bald etwas Neues einfallen, um die unterbrochene Heilung neu anzustoßen.
Wie können Sie sichergehen, dass Bleib-Ganz-Ohr keine Form seelischen Zwanges ist? Während Sie seinem inneren Aufruhr zuhören, spürt Ihr Kind das Schlimmste, was es an Gefühlen in sich trägt! Hat es sich schon einmal bedroht, in Panik, in der Falle, hilflos, verlassen, manipuliert oder entsetzt gefühlt, dann wird es genau diese Gefühle erneut erleben, während es die schwierigen Momente in der Geborgenheit Ihrer Anwesenheit verarbeitet. Wie vermeiden Sie, Ihr Kind dabei unabsichtlich zu verletzen?
Vier Empfehlungen werden Ihnen dabei helfen, damit Bleib-Ganz-Ohr wirklich zu einer heilsamen Partnerschaft zwischen Ihnen und Ihrem Kind führt.
• Lassen Sie Ihr Kind selbst Zeit und Ort wählen. Entweder wird es Ihnen signalisieren, dass es aus dem Lot ist, indem es eine Grenze herausfordert, die den Heilungsprozess auslöst, oder es bricht ohne äußeren Anlass in Tränen oder Wut aus. All dem begegnen Sie mit Zuhören, bis Ihr Kind wieder im Einklang mit sich selbst ist.
• Halten Sie zwischen sich und Ihrem Kind ein gesundes Kräftegleichgewicht aufrecht, indem sie Bleib-Ganz-Ohr mit etwa ebenso langen Phasen an Wunschzeit und Ganz-Ohr-Spiel ausgleichen. Diese Strategien, in denen das Kind führt, überlassen ihm wieder die Zügel der gemeinsamen Beziehung.
• Laden Sie eigene Gefühle regelmäßig bei einem einfühlsamen Zuhörer ab. Dies vertieft Ihre Erkenntnisse, Sie entwickeln sich selbst weiter und vermeiden, Bleib-Ganz-Ohr dann einzusetzen, wenn Sie sich nur halbherzig mit Ihrem Kind verbinden können. Gehen Sie vor allem jeder Versuchung aus dem Weg, Bleib-Ganz-Ohr als Strafe oder Drohung einzusetzen.
• Beenden Sie Bleib-Ganz-Ohr, sobald Sie ärgerlich werden. Wie Ihnen die Erfahrungsberichte in Teil III zeigen werden, erleben Eltern, die Bleib-Ganz-Ohr mit den anderen vier Strategien des Zuhörens ausgewogen kombinieren, bei Ihren Kindern beispiellose Verhaltensänderungen. Ein vierjähriger Junge, der nicht für sich selbst einstehen konnte, weist auf einmal ein viel älteres Kind zurecht; eine Siebenjährige entwickelt Großzügigkeit gegenüber der kleinen Schwester. Kleinkinder und Vorschulkinder gehen direkt auf Menschen oder Situationen zu, die Ihnen zuvor Angst eingejagt hatten; ein Kind fährt nach einem schmerzhaften Fahrradsturz weiter und versucht noch einmal, den herausfordernden Berg zu bezwingen, und eine Fünftklässlerin schneidet hervorragend in einem Lernprojekt ab, obwohl sie zunächst überzeugt war, es nicht zu schaffen. Solche Veränderungen stammen nicht von jungen Menschen, die sich von Erwachsenen beherrscht fühlen. Sie stammen von Kindern, die von Spannung befreit sind und reichlich gelassene Unterstützung genießen durften.
Bedeutsame Verletzungen werden über Aufruhr wegen Kleinigkeiten geheilt
Sobald Sie sich daran gewöhnt haben, dass unsere Kinder ihre tiefsten Gefühle an winzige Probleme heften, werden Sie mit Bleib-Ganz-Ohr entspannter umgehen. Bemerkenswerte Verhaltensänderungen können sichtbar werden, nachdem Ihr Kind lange und heftig über einen zerbrochenen Lippenstift geweint hat, oder darüber, dass der Bruder den begehrten blauen Kindersitz ergattert hat.
Ihr Kind wird von winzigen Unstimmigkeiten getriggert, weil es von seinen eigentlichen verletzten Gefühlen, leicht derart betäubt wird, dass es diese nur indirekt abladen kann. Eine Vierjährige reagiert vielleicht während der Dienstreise ihres Vaters gereizt. Ihr Verhalten entgleist, doch auf die Frage, „Vermisst du den Papa, Schätzchen?“, folgen ausdrucksloser Blick und die Antwort „Nein“. In Wahrheit fühlt sie sich jedoch todunglücklich und davon so überwältigt, dass sie seine Abwesenheit nicht beweinen kann. Sie fühlt sich betäubt. Ihr Schmerz ist zu groß, als dass sie ihn offen angehen kann.
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