Bereits diese eine Veränderung – die heftigen, auffälligen Gefühle Ihres Kindes willkommen heißen und unterstützen - kann für Sie und Ihr Kind eine riesige Wirkung haben. Ihr Kind wird allmählich besser schlafen, essen, abwarten, bis es an die Reihe kommt, besser mit seinen Geschwistern spielen und große und kleine Widerstände überwinden. Die traditionellen Methoden brauchen Sie nicht mehr.
Und langfristig wird sich Ihnen Ihr Kind vermutlich selbst in der Adoleszenz noch nah fühlen. Es wird seine Welt erweitern, aber Sie werden auch einen Platz darin bekommen. Ihr Kind wird viele Male getobt und dabei schlechte Gefühle aus seinem System gejagt haben und wird somit stabiler sein und weniger dazu neigen, risikoreich zu leben oder zu rebellieren.
Wenn Sie ganz Ohr bleiben, definieren Sie schließlich auch Fehlverhalten neu. Jemanden schlagen, verletzen, etwas grapschen, bocken und Süßigkeiten aus dem Küchenschrank mopsen, rechtfertigt weiterhin das Setzen einer Grenze. Aber Weinen, Wutanfälle und hässliche Worte während des Abschüttelns negativer Gefühle landen nicht mehr im Topf schlechten Benehmens. Sie bekommen ihren eigenen strahlenden Behälter mit der Aufschrift: Heilungsprozess. Dem fügen Sie nur noch das Zuhören bei. Da kommen Sie dann ins Spiel.
Viele Eltern erstaunt es, dass das Hören der leidenschaftlichen Gefühle Ihrer Kinder kein schlechtes Benehmen fördert. Vielmehr wird dadurch die Spannung aufgelöst, die schlechtes Benehmen erst entstehen lässt. Durch das Zuhören wird dem Kind sozusagen ermöglicht, seine Emotionen „auszuscheiden“, eine Chance, übriggebliebene Gefühle aus verletzenden Situationen hinauszubefördern. Dem Kind diese Systemreinigung zu gestatten, wird seine Resilienz fördern und das Gefühl der Verbundenheit zu Ihnen stärken.
Zwar toleriert dieser Ansatz das Freisetzen von Emotionen, erlaubt aber kein entgleistes Verhalten. Sie werden lernen, rasch einzugreifen, wenn Ihr Kind zeigt, dass es sich nicht mehr regulieren kann. Ruhig werden Sie dazwischengehen, um Inakzeptables zu verhindern. Das könnte heißen, die Hand auf den Arm des Kindes zu legen, sobald es ihn zum Werfen erhebt, oder ihm den Arm um den Leib zu legen und es von der Schwester wegzuziehen, wenn es sie an den Haaren zu zerren versucht. Das ist keine Bestrafung. Damit machen Sie nur die Situation für alle Beteiligten sicher und hören anschließend Ihrem Kind zu, damit es seine eigenen Gefühle wahrnimmt und sie loslassen kann. Eine sinnvolle Grenze gefolgt von Bleib-Ganz-Ohr unterstützt das Kind darin, wieder ins Spielen zurückzufinden und seine Emotionen regulieren zu können. Und mit der Zeit wird das Übermaß zurückgehaltener Gefühle in ihm abgebaut, sein Selbstbewusstsein schnellt nach oben und es glänzt mit Kreativität und Forschergeist.
Wann ist Bleib-Ganz-Ohr angebracht?
Wenn Sie die Wahl haben, dann versuchen Sie diese Strategie des Zuhörens erstmals, wenn Sie sich mit Ihrem Kind allein in einer geschützten Umgebung aufhalten. Denn Erwachsene sind ja nicht gerade für ihre Toleranz gegenüber weinenden Kindern bekannt. Sie werden sich aber die Freiheit wünschen, dem Kind Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, und dabei wahrzunehmen, wie es Ihnen selbst die ersten Male geht.
Hier folgen einige Situationen, in denen Bleib-Ganz-Ohr nützlich ist:
• Wenn Ihr Kind wegen eines blauen Flecks oder Kratzers weint.
• Bei einem tränenreichen Abschied.
• Wenn es weint, weil ihm etwas verwehrt wird.
• Wenn es etwas schaffen will und dabei plötzlich einen Wutanfall bekommt.
• Wenn es vor lauter Angst in Tränen ausbricht.
• Wenn es angespannt und ärgerlich ist.
• Wenn seine Gefühle verletzt wurden.
Das sind längst nicht alle affektbeladenen Situationen in denen Bleib-Ganz-Ohr von Nutzen ist, aber bestimmt haben Sie verstanden, worum es geht.
Der Bericht einer stellvertretenden Schulleiterin zeigt, wie Bleib-Ganz-Ohr bei einem jungen Menschen sogar in schulischer Umgebung große Veränderung bewirken kann. Sie arbeitet schon lange in einer einkommensschwachen, seit Generationen von Bandenkriminalität gebeutelten städtischen Gemeinde.
Eineinhalb Jahre hatte ich mit einem Schüler der Junior Highschool gearbeitet, der schon mehrmals wegen kleinerer Verhaltensauffälligkeiten zu mir geschickt worden war. Jedes Mal machte er völlig dicht und bezeichnete sich als einen „schlechten“ Jungen. Ich glaube nicht an so etwas, also versicherte ich ihm immer wieder, dass mir viel an seinem schulischen Fortschritt lag und ich von seiner Leistungsfähigkeit überzeugt war.
Bei nahezu jedem Besuch in meinem Büro hatte er etwas zu beweinen. Eines Tages fragte ich, was ihm wirklich zu schaffen machte, und weil ich mit Hilfe von Bleib-Ganz-Ohr allmählich sein Vertrauen gewonnen hatte, gestand er mir seine Befürchtung, niemand würde ihn lieben, und zählte angebliche Beweise dafür auf. Ich hörte ihm zu und beteuerte, er sei wertvoller, als er selbst es wüsste. Auch traf ich mich mit seiner Mutter und hörte ihr zu. Als sich die Gelegenheit ergab, erklärte ich ihr die Wunschzeit und ermutigte sie, damit zu experimentieren, was sie auch tat. Bis zum März letzten Jahres hatte sich bei der Mutter viel getan. Sie hatte eine positive Einstellung gewonnen, die auf den Jungen abfärbte.
Nach einigen Bleib-Ganz-Ohr-Sitzungen mit mir und Wunschzeit mit seiner Mutter konnte der Jugendliche spüren, dass er geliebt wurde, und erreichte gute Schulleistungen. Im März dieses Jahres erzählte er mir stolz, dass er seinen Notendurchschnitt deutlich verbessert hatte. Auch seine Körperhaltung hatte sich verändert. Statt missmutig mit hängenden Schultern dazustehen, begann er sich aufzurichten und zu lächeln. Ab und zu umarmte er sogar einen Lehrer.
Im Juni erfuhr er, dass er zum Jahresabschluss eine sehr begehrte Auszeichnung bekommen würde, die pro Jahrgangsstufe nur einem Schüler oder einer Schülerin für „besonders gute Fortschritte“ verliehen wurde.
Es dauerte anderthalb Jahre, doch mit einer großen Portion Bleib-Ganz-Ohr meinerseits und Wunschzeit mit seiner Mutter gelang es uns, Vertrauen herzustellen und eine sehr positive Entwicklung in Gang zu bringen. Dies führte zu bleibender Veränderung bei diesem jungen Mann, der nun eine weitaus vielversprechendere Zukunft vor sich hat.
Wie geht Bleib-Ganz-Ohr?
Das Ziel besteht darin, Ihr Kind in seinem aufgewühlten Zustand mit freundlicher Aufmerksamkeit und Unterstützung zu umgeben. Es wird Ihnen zeigen, wenn es so weit ist. Ihr Kind wird in Tränen oder einen Wutanfall ausbrechen, vor Angst schreien oder vor Zorn beben. Vermitteln Sie Ihrem Kind Halt, während es vor Emotionen überquillt. Hören Sie zu. Vertrauen Sie darauf, dass Ihr Kind gerade genau das Richtige tut, um wieder zu sich kommen zu können. Die ersten Male wird es sich wie die verrückteste Idee anfühlen, die Sie jemals ausprobiert haben. Aber konzentrieren Sie sich auf Ihr Kind und bieten Sie ihm Ihre liebevolle Zuwendung an. Seine Psyche funktioniert; es hat einen gesunden Instinkt! Hier folgt genauer, was zu tun ist:
• Nähern Sie sich und gehen Sie in Augenkontakt. Wendet sich Ihr Kind ab, so hören Sie weiter zu und bieten ihm nach einer Weile nochmals Augenkontakt an. Erinnern Sie es sanft an Ihre Anwesenheit: „Ich bin genau hier, mein Schatz. Schau, ein Küsschen für die Finger.“ Sie brauchen nicht drängen. Wenn es Augenkontakt aufnimmt, aber noch nicht fertig ist, wird es jetzt heftiger weinen. Sie zu sehen ist beruhigend und verstärkt den emotionalen Heilungsprozess.
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