Mein Blick fiel auf das Bild des Gesuchten. Es verschlug mir den Atem. Sogar sein immer leicht nach oben gezogener Mundwinkel, dieses wissende Schmunzeln, war perfekt getroffen.
»Lies vor!«
Ich brauchte einen Moment, meine Stimme zu finden.
»Gesucht. Tot oder lebendig. Belohnung 2000 Kronen.«
»2000 Kronen? So viel war es noch nie! Wer ist das?«
»Valdemar von Vernon.« Ich sah noch einmal hin. Diesen Namen hatte ich noch nie gehört … aber das Bild! Neben dem gezeichneten Kopf war ein rundes Siegel abgebildet, eines mit drei Bäumen.
Hatte Alraune recht gehabt? War er doch adelig? Es war das gleiche Wappen, das auch den Griff von Valerians Dolch zierte. Genau der Dolch, der in meiner Kammer unter dem Bett lag.
»Ein Familienerbstück«, hatte er gesagt, als er ihn mir, knapp nachdem er schwer verletzt bei uns erwacht war, beschrieben hatte. Und direkt davor hatte er mir offenbar eiskalt ins Gesicht gelogen und sich unter falschem Namen vorgestellt.
Mein Blick wanderte hinunter zur Beschreibung. Mit belegter Stimme fuhr ich fort: »Angeklagt wegen Hochverrats. Begabt und gefährlich! 20 Winter, mittlere Größe, dunkelbraunes Haar, braune Augen.« Ich las es wieder und wieder. Es musste er sein. Wer sonst?
»Was ist mit dir?«
Ich sah zu Fria auf. »Erkennst du ihn nicht?«
»Valdemar von Vernon? Nein.« Sie sah noch einmal genauer hin, schüttelte den Kopf.
Ach, Fria hatte ihn nie ohne die Augenbinde gesehen! Seit er bei seinem Unfall erblindet war, hatte er sie in der Öffentlichkeit immer getragen. Aus gutem Grund, offenbar!
Ich streckte zwei Finger aus und verdeckte die Augenpartie des Bildes.
»Valerian!« Schon wieder viel zu laut.
»Pssst!«
»Aber er hieß doch Gundermann … von diesem teuren Geschäft in Kronenburg?«
Ich nickte langsam. Hatte irgendetwas von dem gestimmt, was er uns erzählt hatte?
»Und überhaupt … Valdemar!? Was für ein unpassender Name!«
Fria sprach mir aus der Seele.
»Moment, stand da ›begabt‹? Hast du das gewusst?«
Ich erstarrte. Dieses Detail war nicht gelogen. Er hatte sich lange bemüht, es zu verbergen, aber ich war ihm auf die Schliche gekommen. Unsicher, wie ich antworten sollte, starrte ich zu Boden.
Fria warf mir einen schiefen Blick zu. Zum Henker, sie erkannte sofort, was ich dachte. »Wirklich? Er ist begabt? Was kann er? Warum hast du es mir nicht erzählt?«
»Er war nicht gefährlich. Und über Begabungen spricht man nicht!« Wenn Alraune und später auch Valerian mir etwas eingebläut hatten, dann das.
»Deshalb war er auf einmal weg? Ist er geflüchtet?«
Es zu leugnen ergab keinen Sinn mehr.
»Du wusstest es und hast es nicht gemeldet?«
»Ist dir nicht klar, was das bedeutet hätte?«, zischte ich sie an. »Dann hätten gleich drei Scheiterhaufen gebrannt – nur weil Alraune und ich ihn beherbergt haben. Korvinus sucht doch nur nach einer Ausrede, uns auflaufen zu lassen.«
Schmallippig betrachtete sie mich. »Und Alraune und du?«
»Was ist mit uns?«
»Du bist auch begabt, richtig?«
Redlich bemühte ich mich, so empört wie möglich auszusehen. Dabei wäre es ein Wunder gewesen, wenn sie mein Herz nicht klopfen hörte, so laut wie es gerade pochte. »Wie kommst du denn darauf?«
»Lüg nicht! Du bist so komisch, seit … seit letztem Jahr.«
»Danke aber auch!« Ich stemmte die Hände in die Hüften, wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
»Ich meine das ernst! Was ist los mit dir? Du bist so verschlossen, hast ständig Ausreden. Ich dachte, wir sind beste Freundinnen. Mir kannst du alles sagen!«
»Dir? Du erzählst doch alles im Dorf herum!« Meine Güte, hatte ich es jetzt zugegeben? Schnell fügte ich hinzu: »Valerians Begabung geheim zu halten war – und ist immer noch – nötig, weil die Hüter sonst wieder vor unserer Tür stehen! Verstehst du das nicht?«
Ihr Gesichtsausdruck versteinerte. »Glaubst du das wirklich?«
»Das glaube ich nicht nur, das weiß ich!« Leider. »Sag mir irgendetwas, was du nicht sofort weitererzählt hast.«
Sie schwieg.
Ihre Augen wurden glasig. »Wenn du das so siehst … gehab dich wohl!« Damit drückte sie mir die Steckbriefe in die Hand und stapfte davon.
»Fria, warte!«, rief ich ihr nach.
Doch sie drehte sich nicht um.
Ingrun, bewahre mein Geheimnis . Wenn sie all das nun im Dorf verbreitete! Ich warf die Rolle neben den Köcher und lief ihr nach.
»Fria, bitte, erzähl nichts über den Steckbrief. Dass wir Ulrik gefunden haben, in Ordnung, aber nichts über Valerian, bitte.«
Sie schnaubte und rannte davon.
Ich sah ihr nach, bis sie hinter einer Biegung verschwand, konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Dann kehrte ich um und hob die Schriftrolle auf, wischte den Schmutz außen ab. Noch einmal rollte ich sie auf, starrte auf das Bild in meiner Hand.
Den ganzen Winter hatte ich mir wieder und wieder vorgestellt, wie es gewesen wäre, wenn wir gemeinsam aufgebrochen wären. Aber er war weg, hatte mich zurückgelassen, uns belogen, die Drachenzahnessenz gestohlen! Trotzdem wurde mir bei seinem Anblick so warm ums Herz wie schon lange nicht mehr, und tief in mir hoffte ich für ihn, dass er es tatsächlich bis in die Baronie Hellenfels geschafft hatte.
Schnaubend schüttelte ich den Kopf. Das musste ein Ende haben! Weder Finn noch er waren gut für mich.
Mit klammen Fingern blätterte ich durch die Bögen. Es waren fünf, alle über Valdemar von Vernon oder wie auch immer er wirklich hieß.
Valdemar.
Fria hatte recht, dieser Name passte nicht zu ihm. Vielleicht machte es das einfacher, ihn zu vergessen.
Ich sah hinauf zur Burg. Würde Korvinus den Bezug zwischen dem Steckbriefbild und dem Blinden aus der Heilerei herstellen? Valerian war über alle Berge, aber Alraune und ich mussten dafür geradestehen, dass wir einen Verräter beherbergt hatten, egal ob wir das damals wussten, oder nicht.
Diese Post durfte Korvinus nie erreichen, zumindest nicht in leserlicher Form.
Gesteuert von dieser Gewissheit, gingen meine Beine hinüber zum Nebelbach. Ich tunkte jeden Bogen einzeln in die gelbe Brühe, egal wie brüchig das Pergament schon war. Valerians Bilder zerflossen vor meinen Augen. Genauso wie ich seine Bilder vom Pergament wusch, musste ich es mit meinen Gefühlen für ihn tun. Es hatte keinen Sinn, ihm noch länger nachzuhängen.
Ich rollte die verschwommenen Pergamente wieder ein und steckte sie zurück in den Köcher. Doch sie wollten nicht hineingleiten. Etwas verkeilte sich.
Ach, der Brief!
Ich drehte den Behälter um, bis die kleine Rolle mir entgegen rutschte, wendete sie in meinen Händen. Das Siegel war durch die Hitze in der Nebelschlucht geschmolzen. Das Wachs hatte sich als dünnes, rotes Rinnsal ins Papier gesogen. Sollte ich wirklich?
Egal! Genauso wie die Steckbriefe würde auch dieses Schriftstück ein Bad im Nebelbach nehmen müssen.
Ich zog das Band ab und rollte den Brief auf.
Kronenburg, den 27. Tag des 5. Mondes 765
Werter Freund!
Schön, Euren Bruder kennengelernt zu haben. Bestimmt wird er bald genauso für unsere Sache brennen, wie Ihr es tut!
Anbei übersende ich Euch Steckbriefe eines besonders gefährlichen Begabten. Der flüchtige Valdemar von Vernon ist Gedankenleser und wird nichts unversucht lassen, unseren Zielen zu schaden. Es ist dringend, ihn zu finden und auszuschalten. Zögert nicht, seine Vergehen unmittelbar zu ahnden. Ebenso alle Personen, die er mit dem falschen Gedankengut angesteckt hat.
Für die kommenden Monde werde ich mich auf Reisen begeben und zur Insel Tempesta segeln. Dort wurde mir ein Alchimist empfohlen, der in der Lage sein soll, einen Trank herzustellen, mit dem es möglich sein wird, Begabte von Nicht-Begabten zu unterscheiden. Wenn das gelingt, steht einem reinblütigen Rohnland im Namen Mavanjas nichts mehr im Wege!
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