Die kalten Wirbel … Waren sie immer noch da? Packten sie mich diesmal fester, ließen mich nicht mehr los?
Vor dem Eingang der Schlucht blieb ich stehen, konnte mich nicht überwinden weiterzugehen. Die Panik vom Morgen flackerte wieder auf. Ich hätte Fria nicht hierherbringen dürfen. Wie eigennützig war ich gewesen? Was, wenn ihr etwas zustieß? Wegen mir …
Auch sie war still, hielt sich einen Ärmel vors Gesicht.
»Warte auf mich – hier, wo man noch ein bisschen was sieht«, flüsterte ich. Dann war wenigstens jemand in der Nähe, jemand, dem ich zurufen, der Hilfe holen konnte.
»Warum? Wir machen das gemeinsam! Wie findet man diese blöden Kröten?«
Fria war die Beste! Sie hatte nur leider keine Ahnung, worauf sie sich hier einließ. »Sie sitzen in den Ritzen der Felsen. Wenn du etwas Glitschiges spürst, hast du eine gefunden.«
»Ernsthaft?« Sie sah mich angewidert an. »Bin ich froh, dass ich keine Heilerin geworden bin!«
Dabei waren die Kröten das geringere Übel. »Du brauchst sie nicht zu suchen, ich mache das. Es ist nur …« Wie sollte ich es ihr sagen, ohne, dass sie mich für verrückt hielt und das gleich jedem erzählte? Solche Geschichten verbreiteten sich im Dorf wie ein Lauffeuer und als Schankmaid bei den Drei Linden war Fria nicht zum ersten Mal der Span, der alles zum Lodern brachte.
Sie sah mich erwartungsvoll an. »Jetzt drucks nicht so herum.«
»Heute Morgen … da war etwas dort drinnen, im Nebel … und es stinkt noch fürchterlicher als sonst.«
»Geht das überhaupt?«, murmelte sie durch ihren Ärmel hervor. Einen Moment sah sie zum Himmel hinauf. »Komm schon, bringen wir es hinter uns, möglichst, bevor es dunkel wird.«
Sie hatte recht – wie finster die Wolken inzwischen aussahen! Ich nahm all meinen Mut zusammen. »Ja, bringen wir es hinter uns.«
Wir gaben uns die Hände und gingen voran, hinein in die Schlucht und den dichten Nebel. Ich starrte in den warmen Dampf, suchte nach den Wirbeln. Jeden Moment erwartete ich die kalte Berührung. Wäre doch Malve hier. Er hätte mich wieder gewarnt. Ich umschloss Frias Hand fest, war ihr unendlich dankbar, dass sie mitgekommen war.
Sie erwiderte meinen Griff. »Wie weit willst du gehen?«, flüsterte sie.
Ich drehte mich zu ihr, sah sie kaum noch im Nebel.
Spürte sie es auch? Dass hier etwas nicht stimmte …
»Ein paar Schritte noch. Dort sollten Kröten sitzen.« An der Felswand, die ich im Nebel nicht sah. Zaghaft streckte ich meine Hand aus, hoffte, Stein zu spüren – und nicht irgendetwas anderes.
Endlich. Der Fels, feucht und unnatürlich warm. Ich lehnte mich mit dem Rücken dagegen. »Wir sind da«, wisperte ich. Hier war es heute Morgen passiert. Die kalte Berührung. Ich starrte in den Nebel, fühlte mich wieder beobachtet.
Wo waren sie, die Wirbel?
»Bleib genau hier stehen. Ich suche nur schnell eine Kröte.« Und mein Amulett!
Wie viel Überwindung es kostete, Frias Hand loszulassen. Ich sah gerade noch ihre Umrisse. Mich umzudrehen und an der Wand nach den Kröten zu tasten, schaffte ich nicht – selbst, wenn ich wusste, dass meine beste Freundin direkt neben mir stand. Konnte sie nicht fröhlich vor sich hinplappern, so wie sonst immer?
Ich rutschte die Wand hinunter und hockte mich hin, tastete den Boden ab, fuhr zwischen die Steine hinein. Mit ein bisschen Glück stießen meine Finger ja nicht nur auf eine Kröte, sondern auch auf das Amulett.
»Verbena?«
»Ja.«
»Bei Mavanja, du bist ganz nahe.« Hörte ich da Angst in ihrer Stimme?
Ich hob den Kopf, sah hinauf – dorthin, wo ich sie vermutete. »Ich hätte dich nicht bitten sollen, entschuldige. Aber ich bin so froh, dass du da bist.«
Da spürte ich es. Es klatschte auf meine Stirn. Eiskalt.
Ich schrie.
Und Fria mit mir.
Ich schirmte meinen Kopf mit den Armen ab, kauerte am Boden. Mein Herz pochte.
Weitere Tropfen prasselten auf uns herab. Es begann zu regnen.
Hatte ich mich wegen eines Wassertropfens so erschrocken? Ich lachte auf, erhob mich und umarmte Fria. »Tut mir leid, ich dachte, es wäre … etwas anderes.«
»Verbena …« Es klang vorwurfsvoll. Doch auch sie ließ sich in die Umarmung fallen, sichtlich erleichtert.
Der Nebel wurde vom Regen weggewaschen. Nun sahen wir die enge Schlucht. Feuchtschwarze, zerklüftete Felswände zu beiden Seiten und dazwischen der Nebelbach, recht schmal, sodass beiderseits ein wenig Ufer blieb. Das war das Beste, was passieren konnte! Lieber pitschnass nach Hause kommen, als hier länger blind herum zu tasten.
Doch aus dem Augenwinkel bemerkte ich eine Bewegung. Vielleicht drei Schritte entfernt. Da war sie wieder, die Gänsehaut, die meinen Nacken entlang lief.
Ich schaute genauer hin. Nichts.
Oder doch?
»Siehst du das?« Zaghaft streckte ich einen Finger aus.
Fria erstarrte.
Ich wollte laufen, aber meine Beine gehorchten mir nicht. Da war etwas, ganz sicher, auch wenn ich mehrmals hinsehen musste, um es zu erkennen.
Durchscheinend, aber doch sichtbar stand da jemand. Direkt vor uns.
Er tat einen Schritt auf uns zu. Mein Schrei versiegte in der Kehle. Fria klammerte sich an mich. Ich wich nach hinten aus, prallte gegen die Wand.
Er streckte die Hand nach uns aus.
Ich packte Fria, zog sie den Fels entlang, rannte los und rutschte aus, fiel auf eine glatte Steinplatte. Fria konnte sich gerade noch halten, presste sich gegen die Wand.
Eine eiskalte Hand griff nach mir, glitt durch mich hindurch. Mich fröstelte.
»Weg von mir!«, zischte ich.
Der Geist ließ von mir ab, seine Hände erhoben.
Ich wischte mir über das nasse Gesicht, konnte nicht glauben, was ich sah.
Er streckte mir eine Hand entgegen. Wollte er mir hochhelfen?
Diese Nase, woher kannte ich diese Nase?
»Ulrik?«, flüsterte Fria.
War das wirklich …? Ich sah genauer hin.
Er drehte sich Fria zu und verbeugte sich.
Sie hielt den Atem an, stand wie gelähmt an der Wand.
Er ließ die Schultern sinken und wandte sich wieder mir zu. Ich spürte die kalte Berührung seiner Hand, als er versuchte, mich hochzuziehen.
Auch ich wich aus. Konnte das wahr sein? War ich mitten in einer Schauergeschichte? Ein Geist stand vor mir!
»Seid das wirklich Ihr, Euer Hochgeboren?«
Er kniff die Lippen zusammen, nickte.
Mir schossen die Tränen in die Augen. »Es tut mir so leid! Wir haben nach Euch gesucht.«
Fria stimmte ein: »Wir alle. Aus beiden Dörfern.«
Ich rappelte mich auf. So gerne er wollte, er konnte mir nicht helfen, der Schemen, der er nun war. Er ging einige Schritte weiter in die Schlucht hinein. Seine Lippen bewegten sich, aber wir hörten ihn nicht.
Fria griff wieder nach meiner Hand, sah mich fragend an.
Ich hob die Schultern.
Dann winkte er uns, ihm zu folgen.
»Er will uns etwas zeigen«, sagte Fria.
»Mutter des Lebens, was ist ihm passiert? Hier an diesem schrecklichen Ort …«
Frias Griff um meine Hand wurde fester. Unsere Blicke trafen sich wieder. In ihren Augen spiegelte sich die Angst, die ich selbst empfand.
Aber wir waren es ihm schuldig. Er war einer von uns – selbst, wenn er der Sohn des Barons war. Er war der Einzige der von Seggensees, der sich nicht zu gut gewesen war, sich mit uns abzugeben.
Er wartete an einer Biegung des Bachs. Wie viel Zeit hatte er hier verbringen müssen, gefangen im Nebel, nicht einmal ein Schatten seiner selbst? Neun Monde war es her, dass Korvinus den jüngeren Bruder gesucht und nie gefunden hatte.
Fria und ich folgten ihm zaghaft in die Schlucht hinein. Dorthin, wo der Gestank noch unerträglicher war.
Als wir ihn erreichten, zeigte er hinauf und wir sahen die Brücke, die sich über die Klamm spannte, von unten. Dann ging er weiter um die Kurve, bedeutete uns mitzukommen.
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