Ist es nicht absolut verrückt, dass Hélène heute meine Frau und die Mutter meiner Kinder ist? In unserer Beziehung gab es einige Unterbrechungen, aber wir haben nie aufgehört, miteinander zu sprechen und uns zu vertrauen. Ich bin überzeugt, dass ich ohne sie in meiner sportlichen Karriere nicht so erfolgreich gewesen wäre. Sie gab mir die emotionale Stabilität, die ich brauchte. Ich habe ihr nie etwas vorgemacht, was es bedeuten würde, wenn sie sich dazu entschlösse, ihr Leben mit meinem zu teilen. Erst kürzlich erinnerte mich Hélène daran, was ich als Vierzehnjähriger mal zu ihr sagte: »Wenn du meine Frau wirst, wirst du mich öfter im Fernsehen sehen als in echt …«
Das zeigt mir, dass ich schon damals innerlich wusste, was ich wollte. Ja, ich wollte so wie die Typen auf den Postern in meinem Zimmer sein. Das war mehr als nur eine Laune: eine Flamme, die noch immer nicht erloschen ist.
Kapitel 2
Auf den Spuren meines Idols
Nach seinem Jahr im Internat in Font-Romeu beschloss Simon, in die Alpen zu gehen, in die Sportschule von Villard-de-Lans. Zunächst als Internatsschüler und später in seinem eigenen Appartement. Er trainierte wie ein Verrückter, machte mehr als alle anderen, und sein Trainer, Thierry Dusserre, erkannte schnell, dass er ein vielversprechendes Talent vor sich hatte. Simon war so – alles oder nichts. Er vereinte damals zwei Seiten in sich, von denen alle Trainer träumen: die des unterwürfigen Mönchs und die des Soldaten. Vermutlich ging es Simon, dem Jungen aus den Pyrenäen, auch darum, von den anderen Skiläufern, die aus den Alpen kamen, akzeptiert zu werden. So oder so ließ er sich jedenfalls nicht davon abhalten, sich ganz dem Training hinzugeben, wodurch er sehr schnell Fortschritte machte.
Die seltenen Male, die er nach Hause kam, waren für mich wie die Rückkehr des Messias. Wir waren nun nicht mehr in dem Alter, in dem Jungs sich mit Fäusten unterhalten. In dieser Hinsicht waren wir viel friedlicher geworden. Mein Bruder war jetzt mein Idol, und ich wollte mehr denn je in seine Fußstapfen treten.
Ein- oder zweimal haben wir ihn in Villard besucht. Es erfüllte mich mit Stolz, die Leute in seinem Umfeld kennenzulernen. Er war Teil des Elitezweigs (filière d’excellence) und galt als der beste französische Junior-Biathlet. Schon bald würde er der beste der Welt sein; daran bestand kein Zweifel, weder für ihn noch für mich. Bei einem Lauf mit seinem Trainer und Mentor, Thierry Dusserre, durfte ich ihn begleiten. Um mich nicht lächerlich zu machen, habe ich mich wohl ordentlich ins Zeug gelegt – jedenfalls scheine ich Thierry bebeeindruckt zu haben; zumindest hat er mir das ein paar Jahre später so gesagt.
Auf jeden Fall war für mich von da an klar, was ich wollte. Ich wollte all das auch kennenlernen, was Simon gerade erlebte, und diese Idee setzte sich in mir so fest, bis sie zu einer Art von Besessenheit wurde. Das ist zweifellos meine katalanische Seite: Wenn ich etwas wirklich will, habe ich einen Dickschädel. Ich muss bis zum Äußersten gehen, alles dafür tun, um es zu erreichen.
Eine Petition, um fortgehen zu dürfen
In diesem Jahr gab es mit Jean-Guillaume Béatrix und Grégoire Jacquelin zwei Sieger bei den französischen Junioren-Meisterschaften. Beide trugen die Farben des Comité du Dauphiné und wurden von Thierry Dusserre trainiert. Ich landete in der Mitte des Klassements und hatte sicher Potenzial, war aber nicht auf ihrem Niveau. Um meine Leistung zu verbessern, gab es in meinen Augen nur eine Lösung: Mitglied ihrer Trainingsgruppe zu werden. Was bedeuten würde, den Pyrenäen den Rücken zu kehren und in die Alpen zu gehen, um dort wie Simon das Nachwuchsleistungszentrum in Villard-de-Lans zu besuchen.
Ehrlich gesagt bin ich mir nicht mehr ganz sicher, was mich am meisten reizte: das unabhängigere Leben, fern von den Eltern, oder die Tatsache, dass das Comité du Dauphiné eine obligatorische Durchgangsstation war, um sportlich mehr zu erreichen.
Ich wusste, dass ich in diese Elitegruppe aufgenommen werden konnte. Erstens, weil mein Niveau gut und für ein Expertenauge auch unübersehbar war, dass dieses noch verbessert werden konnte. Zweitens, weil ich der kleine Bruder von Simon Fourcade war und dessen Einstellungen und Leistungen für die ganze Familie sprachen! Ich hatte Thierry Dusserre gefragt, der mir seine prinzipielle Zustimmung gegeben hatte. Blieb nur noch die meiner Eltern …
In der Mitte des Winters begann ich mit der Überzeugungsarbeit. Über Monate hinweg saß ich ihnen damit im Nacken, bei jeder Mahlzeit habe ich das Thema wieder auf den Tisch gebracht. Es war ein richtiger Kampf, mit ungewissem Ausgang: Sie waren der Meinung, dass es mir mit 15 Jahren noch etwas an emotionaler Reife fehlte, um fortzugehen, und sie waren sich auch der damit verbundenen finanziellen Opfer bewusst. Zwei Söhne im Hochleistungssportbereich, die weit weg von ihnen leben, ist für die Eltern kein unerheblicher Posten. Ich war nicht wirklich überzeugt, dass ich sie dazu bringen könnte, nachzugeben, aber ich hatte eine Strategie – Zermürbung. Diese habe ich systematisch angewendet. Ich ließ sogar eine Petition in der Familie unterzeichnen, um »befreit« zu werden!
Gegen Ende des Frühlings haben sie sich schließlich gefügt. Ich glaube, dass es mein Großvater väterlicherseits war, der meine Mutter überzeugte, es mich versuchen zu lassen. Ich war gerade im Zimmer von Brice, als sie zu mir sagten: »Okay, du kannst gehen.« Ich erinnere mich an kein anderes Detail, ich glaube, ich habe nichts mehr gehört oder gesehen, außer dass mein Traum endlich wahr werden würde. Sofort rief ich Thierry Dusserre an – und los ging’s!
Thierry lud mich zu einem Trainingslager Mitte des Sommers in den Cevennen ein, zusammen mit dem Rest der Gruppe. Die übrige Zeit jobbte ich bei der Wassersportanlage des Lac de Matemale – ich räumte das Material auf, half bei Reparaturen … Mein Chef war der Vater von jenem Thibault, der mich ein paar Jahre vorher noch vermöbeln wollte, aber inzwischen mein bester Freund geworden war. Die Vormittage hatte ich frei zum Trainieren, nachmittags arbeitete ich dann bis abends um 20.00 Uhr. Dann ging ich nach Hause oder feierte mit meinen Freunden.
Eines Nachts nach einer Party mit Freunden waren Thibault und ich allein im Chalet seiner Eltern, das oberhalb vom See lag. Sie hatten den Schlüssel eines ihrer Autos auf dem Tisch liegen lassen, und wir konnten einfach nicht widerstehen … Also nahmen wir den Schlüssel an uns, um eine kleine Runde zu drehen. Natürlich hatten weder Thibault noch ich – wir waren beide 15 Jahre alt – einen Führerschein. Nach ein paar Kilometern kam es, wie es kommen musste: Wir fuhren gegen einen Baum. Und zwar mit voller Wucht. Es war ein Wunder, das keiner von uns verletzt wurde. Das Erste, was ich nach dem Schock zu Thibault sagte, war: »Scheiße, meine Eltern werden mich nicht mehr nach Villard gehen lassen!«
Trotzdem habe ich meinen Vater angerufen, damit er uns abholt. Es war mein Glück, dass er das um den Baum gewickelte Wrack des Autos zuerst gesehen hat, bevor er mich anschreien konnte. Er muss rückblickend solch eine Angst gehabt haben, was uns hätte passieren können, dass er erst mal ruhig blieb. Doch am nächsten Tag ließ das Donnerwetter unserer Eltern nicht auf sich warten. Und natürlich mussten wir die Rechnung unserer riesigen Dummheit begleichen. Thibault hat den ganzen Sommer unbezahlt gearbeitet, um die Schulden bei seinen Eltern abzubezahlen. Mit mir zeigte sein Vater sich etwas gnädiger und behielt nur einen Teil meines Lohns ein … Dafür wurde uns nur eine überwachte Freiheit zugestanden – und zwar jedem für sich: Der eine ackerte vormittags, der andere am Nachmittag. Abends ausgehen durften wir kaum noch …
Den Tod vor Augen
So zog sich der Sommer in die Länge, bis auf eine kleine Pause für das Trainingslager in den Cevennen. Ich wurde gut aufgenommen und fand leicht meinen Platz in der Gruppe. Ich freundete mich recht schnell mit Jean-Guillaume Béatrix an, aber auch mit Marie-Laure Brunet, die wie ich aus Font-Romeu kamen.
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