Claudio Caduff
Einleitung
Bereits mit der Aufnahme seines Studiums der Psychologie, Pädagogik und Sonderpädagogik an der Universität Zürich im Jahr 1984 begann Christoph Städeli als ausgebildeter Primarlehrer seine Unterrichtstätigkeit an Berufsfachschulen, zunächst als Lehrbeauftragter an der Gewerblich-industriellen Berufsschule St. Gallen und an der Gewerblich-industriellen Berufsschule Uzwil. Ein Jahr später nahm er auch die Unterrichtstätigkeit als ABU-Lehrer an der Technischen Berufsschule Zürich auf. Noch während des Studiums absolvierte Christoph Städeli den Studiengang Höheres Lehramt in den allgemeinbildenden Fächern der Berufsschulen. Nach Abschluss des Studiums arbeitete er – neben seiner Unterrichtstätigkeit an der TBZ und an der Berufsschule für Gestaltung Zürich – als Assistent am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Im Jahr 1991 wurde er mit einer Dissertation zum Thema Berufsausbildung und Persönlichkeitsentwicklung promoviert. Seit 1992 ist Christoph Städeli in der Ausbildung von Berufsfachschullehrpersonen tätig: 1992 bis 2004 am Schweizerischen Institut für Berufspädagogik (SIBP), 2004 bis 2005 an der Universität Zürich, 2005 bis 2010 am Zürcher Hochschulinstitut für Schulpädagogik und Fachdidaktik (ZHSF) und seit 2010 an der PH Zürich als Leiter der Abteilung Sekundarstufe II/Berufsbildung. Gleichzeitig unterrichtete er noch bis ins Jahr 2016 – auch als Professor – in einem kleinen Pensum Allgemeinbildung an der Berufsschule für Gestaltung.
Christoph Städeli hat vielen Lernenden – auch Attest-Lernenden – Allgemeinbildung vermittelt. Er hat ebenso zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet. Dabei gelang und gelingt es ihm in einmaliger Weise, die durch seine Biografie quasi inkorporierte Verknüpfung von Theorie und Praxis an die angehenden Lehrpersonen weiterzugeben. Dazu gesellen sich ein positives Menschenbild und eine zuversichtliche Haltung, und auch diese gibt er seinen Studierenden weiter. Ich hatte Christoph Städeli schon sehr gut gekannt, lange bevor ich ihn 2006 persönlich das erste Mal traf. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen in Luzern hatten am SIBP studiert, und sie waren stolz, bei Christoph Städeli studiert zu haben. In der Rückschau erkenne ich, dass ich viele hervorragende professionelle Eigenschaften bei meinen Kolleginnen und Kollegen hoch geschätzt hatte, bevor ich diese bei Christoph Städeli selbst erfahren konnte. Ich habe also den Lehrer zunächst über seine Schüler kennengelernt.
Christoph Städeli ist seit Jahren die prägende Figur in der Ausbildung von Berufsfachschullehrpersonen. Er hat die Abteilung Sekundarstufe II/Berufsbildung mit strategischem Geschick, charmanter Beharrlichkeit und geschmeidigem Verhandlungsvermögen aufgebaut und zur Blüte gebracht. Sie wirkt mittlerweile weit über die eigene Institution hinaus.
Es darf als Glücksfall bezeichnet werden, dass Christoph Städeli gerne publiziert (mehr dazu im ersten Beitrag von Peter Egger). So lässt er nicht nur seine Studierenden – und Dozierenden – an seinem Wissen und Können teilhaben, sondern auch weitere Kreise. Aus allen seinen Publikationen ragt jene zum AVIVA-Modell heraus. Es findet weite Beachtung – nicht nur in der Schweiz. So schreibt John Hattie im Vorwort zur englischen Ausgabe:
«My major claim in Visible Learning research is that achievement is maximised when teachers see learning through the eyes of the student and when the students are taught to become their own teachers. The AVIVA model is an excellent example of how to put these ideas into action. It balances the involvement and direction of the teacher with the opportunities for students to explore, see errors as opportunities for learning and learn to think as teachers.»
Trotz höchster Arbeitsbelastung als Abteilungsleiter lässt es sich Christoph Städeli nicht nehmen, sich weitere theoretische Räume für die Lehrerbildung zu öffnen und weiterhin zu publizieren. Das kürzlich absolvierte CAS-Studium Positive Psychologie an der Universität Zürich ist ihm Ideengeber für positive Bildung in der Bildung im Allgemeinen und in der Berufsbildung im Besondern. Man darf gespannt sein auf seine nächsten Publikationen.
Das Engagement für die Berufsbildung von Christoph Städeli geht über die Lehrerbildung und Publikationen hinaus. Er ist Mitglied in der Schulkommission der Schule für Gestaltung Zürich und der kv business school zürich. Per Ende 2019 wählte der Bundesrat Christoph Städeli als Mitglied der Eidgenössischen Bildungskommission. Diese berät das SBFI in Fragen der Entwicklung und der Koordination der Berufsbildung und beurteilt Projekte zur Entwicklung der Berufsbildung.
Christoph Städeli ist mittlerweile ein Monument in der schweizerischen Berufsbildung.
Zum Inhalt der Festschrift
Entsprechend dem Betätigungsfeld von Christoph Städeli in der schweizerischen Berufsbildung kreisen die Beiträge der vorliegenden Festschrift um die Berufsfachschulen, die Kompetenzorientierung, die Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen und um das Konzept sowie fachdidaktische Aspekte des allgemeinbildenden Unterrichts in der beruflichen Grundbildung. Zwei Beiträge erweitern den Fokus um die historische Perspektive.
Zum Auftakt würdigt Peter Egger in seinem Beitrag, der mit Fotos von gemeinsamen Motorradausflügen illustriert ist, Christoph Städeli als Verfasser zahlreicher pädagogischer Publikationen, die im hep Verlag erschienen sind.
Die weiteren Beiträge der Festschrift für Christoph Städeli werden in fünf Kapiteln geordnet.
Die Rolle der Berufsfachschulen in der Berufsbildung und Kompetenzorientierung
Josef Widmer stellt eingangs seines Beitrags fest, dass aktuell die digitale Transformation, die Heterogenität der Lernenden sowie die Umsetzung der Handlungskompetenzorientierung die Schweizer Berufsbildung und ihre Akteure beständig vor neue Herausforderungen stellt. Dabei kommt den Berufsfachschulen als einem der drei Lernorte nach wie vor eine wichtige Rolle zu. Damit diese den aktuellen Herausforderungen gewachsen bleiben, muss die Aus- und Weiterbildung der Berufsfachschullehrpersonen entsprechend gestaltet werden. Im Bereich der digitalen Transformation haben die Berufsfachschulen aus Sicht des Bundes einen Kulturwandel im Sinne von Digital Leadership zu vollziehen; es braucht also ein Umdenken in Bezug auf pädagogische Ansätze und Lehrpläne, auf Management und Qualitätssicherung. Bezüglich der Heterogenität der Lernenden müssen Berufsfachschulen einerseits individuelle Stützungsmassnahmen ausserhalb des Unterrichts bereitstellen und anderseits muss im Unterricht sichergestellt werden, dass schwächere Lernende nicht abgehängt und gleichzeitig die stärkeren Lernenden angemessen gefördert werden. Des Weiteren bedarf es einer Verankerung der Handlungskompetenzorientierung in den Schulkulturen, der entsprechenden Aus- und Weiterbildung und der Praxisnähe der Lehrpersonen sowie der Entwicklung geeigneter Lehrmittel. Den Berufsfachschulen verspricht Widmer mehr Mitspracherecht durch deren Einbezug in nationale Gremien. Daneben zeigt er Gestaltungsmöglichkeiten für die Berufsfachschulen auf, und zwar als aktive Treiber und Gestalter der Lernortkooperation, als Kompetenzzentren des digitalen Lehrens und Lernens und als Impulsgeber für neue, innovative Ausbildungsmodelle.
Ausgehend von der Feststellung, dass die Ausrichtung von Bildungsprozessen auf den Erwerb von Kompetenzen in der Berufsbildung unumstritten ist und schon seit langer Zeit Geltung hat, stellt Franz Eberle verschiedene Facetten des Kompetenzbegriffs vor. In seiner Auseinandersetzung mit dem Kompetenzbegriff präferiert Eberle die Definition, wonach Kompetenzen erworbene Dispositionen sind, mit denen unterschiedliche Aufgaben und Lebenssituationen bewältigt werden können. Dazu gehören Wissen und kognitive Fähigkeiten ebenso wie Selbstregulation und sozial-kommunikative Fertigkeiten. Nach knappen Darlegungen zu den Kompetenzfacetten kognitiv/nicht-kognitiv und fachlich/überfachlich, zu Kompetenzmodellen sowie zu Kompetenzen und Interdisziplinarität folgt eine Auseinandersetzung mit dem Konstrukt der allgemeinen Studierfähigkeit. Dabei zeigt Eberle auf, dass allgemeine kognitive und nicht-kognitive Kompetenzen unabdingbare, aber nicht hinreichende Voraussetzungen für die Studierfähigkeit sind. Nötig sind zusätzlich studiengangspezifisches Fachwissen und Fachkönnen. Abschliessend stellt der Autor fest, dass die 4K fürs Lernen wichtig sind, allerdings nicht ausreichen – es braucht immer auch noch die Fachkompetenz.
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