5.2 Dissoziation im Trauma
Auch in einer traumatischen Situation ist Dissoziation eine normale Reaktion unseres Organismus, der tut, was er tun soll, um Unerträgliches zu ertragen. Die Aktivierung des Parasympathikus hat auch biologisch praktische Folgen, wenn bspw. bei einer Verletzung der Blutverlust reduziert wird, indem Blutdruck und Puls sinken. Es gibt verschiedene (Arbeits-)Modelle, um Strukturen und Komplexität von Dissoziation zu unterscheiden. Das wohl bekannteste ist das der Strukturellen Dissoziation auf Grundlage oder in Kombination mit der „Janetian psychology of action“: Das Abspalten von „action systems“, also Persönlichkeitsanteilen, in drei Stufen (primäre, sekundäre, tertiäre Dissoziation). Dieses Modell beschreibt quasi unsere Zerbröselung als Persönlichkeits-System, welche in Kap. 3 mehr beschrieben ist.
Zunächst zu den verschiedenen Möglichkeiten, Elemente zu trennen. Wenn wir uns an Dinge „erinnern“ (die Anführungszeichen, weil es für mich kein Erinnern ist, da mir die Inhalte ja zunächst neu sind, obwohl Flashbacks meist „Wiedererinnern“ genannt werden), kann es geschehen, dass wir zwar brutale Bilder sehen, wir aber keinerlei Gefühle dazu empfinden. Wenn also solche Bilder ins Bewusstsein kommen und es einfach noch keine Verbindung zwischen diesen Elementen gibt, ist die Emotion noch weiter/tiefer/stärker dissoziiert. Die Emotion wird von einem anderen Anteil getragen, der uns zunächst nicht oder eben nicht automatisch gleichzeitig zugänglich ist. Möglich, dass dieser Anteil nur Empfindung trägt und ein anderer die sachliche Erinnerung dazu, oder dass dieses Material einfach nur Schritt für Schritt integriert werden kann. Beobachtbares ist also vom Gefühlsleben getrennt, wodurch die Erinnerungen so fremd oder surreal sind. Ebenso können körperliche Schmerzen von Beobachtung abgespalten sein oder Gefühle von ihrer Bewertung.
Diese Abspaltungen finden nur statt, weil ein Erlebnis zu überwältigend ist, als dass wir ausreichende andere Bewältigungsmöglichkeiten hätten, um damit umzugehen. Eine Fragmentierung (siehe unten) ist, weil die erfolgreiche Integration ja blockiert ist, für das Überleben aber sehr sinnvoll. Wenn uns nämlich schon kleine Teile reichen, um Lebensgefahr zu erkennen, können wir umso schneller reagieren. Und wenn wir bei Wiederholungen einzelne Instanzen bilden, die jeweils für eine Alarmreaktion ausgebildet werden, können wir extrem schnell und effektiv handeln – was alles unbewusst passiert. Das Ausbilden von Mustern passiert immer und bei allen, auch auf anderen Ebenen wie der des komplexen Verhaltens. Auch scheinbar einfache Bewegungsabläufe, wie bspw. das Anheben und zum Mund führen von Besteck, sind ein hochkomplexer Prozess, der unglaublich viele Muskulaturzellen und noch mehr Synapsen beansprucht. Eine Anstrengung, die wir nur als Kleinkinder spüren (in der Zeit verbraucht unser Gehirn unglaubliche 60 Prozent des Energiehaushaltes, bei Erwachsenen sind es ca. 20 Prozent), da sich durch die Wiederholung Muster ausbilden, damit dies als Gesamtablauf und nicht in Einzelelementen vonstattengeht. Die Energieeffizienz und Automatisierung ist für die auf Überleben gerichtete Evolution sehr logisch und richtig (gewesen). Dadurch passieren solche Dinge, aber auch mit fehlender Achtsamkeit (es sei denn, wir richten diese gezielt und willentlich darauf zurück), denn die Repräsentation von automatisierten kognitiven Aufgaben findet in einem Areal statt, welches unterhalb der Großhirnrinde liegt. Somit ist der präfrontale Cortexentlastet und beschäftigt sich mit anderen Dingen.
Ein weiterer Grund dafür, dass Integration nicht nur nicht stattfinden kann , sondern auch in Zeiten der wiederkehrenden Gefahr nicht stattfinden soll , ist der, dass durch Integration narrative Erinnerungen entstehen, die sich mit der Zeit und unserer Entwicklung verändern. Wenn Reize, die Überlebens-Kettenreaktionen auslösen, sich aber durch Integration und Verblassung verzerren würden, wären sie für das Überleben nicht mehr nützlich. Darum müssen sie akut bleiben, darum können wir es nicht einfach glauben, wenn es heißt: „Es ist schon vorbei“, weil das ein aktiver Lernvorgang ist, den einzelne Instanzen/Anteile durchlaufen müssen. Dies braucht gewisse Voraussetzungen, denn wir lernen durch Erfahrung, und um diese möglich zu machen, braucht es unglaublich viel Mut, weil wir uns und unserem Leben eine Chance geben, Interesse, weil wir sonst ja nichts Neues erfahren können, und irgendeine Art von Anliegen im Leben, um all diese Kräfte, entgegen der evolutionären Energieersparnis-Impulse, aktivieren zu können.
Etwas zu lernen, bedeutet im Allgemeinen, dass unser Nervensystem Informationen aus einer Erfahrung speichert, die beim nächsten Mal unser Verhalten beeinflussen. Dank unserer Neuroplastizität können sich Synapsen an ihre Beanspruchung anpassen. Die Axoneviel beanspruchter Verknüpfungen breiten ihre Endköpfchen aus und verbessern ihre Übertragungsstärke. Sie wachsen sozusagen und werden sensibler, damit Informationen einfacher/effizienter übertragen werden können. Des Weiteren lernen wir auch mit der/durch die weiße Substanz, durch welche das Gehirn quasi seine Nervenleitgeschwindigkeit an Lernerfahrung anpasst. Daraus schließt sich, dass Lerninhalte durch Wiederholung gefestigt werden und zudem die Synapsen sensibler werden, also schon bei kleineren Aktivierungen Informationen übertragen.
Die oben beschriebene Bewusstseinsverminderung, der Tunnelblick oder das Verlorengehen im eigenen Kopf, wenn alles zu viel und anstrengend ist, ist oft auch ein Teil von traumaassoziierter Dissoziation. Hier werden Wahrnehmungen allerdings gar nicht erst richtig aufgenommen bzw. so gespeichert, dass sie nie für den Verstand zu entziffern sein werden. Das macht Amnesien für diese Momente auf kognitiver Ebene unauflöslich, weil das Geschehen gar nicht tatsächlich wahrgenommen wurde. Es war wer da, der_die die Sinneswahrnehmung so eingeschränkt hat, dass gar nichts aufgenommen wurde, was hätte abgespalten werden müssen. Passiert ist es trotzdem und es ist auch da, die Empfindungen sind irgendwo im Körper, jedoch nicht beschreibbar. Ein grundlegender Unterschied zwischen diesen beiden Spektren ist also der Zustand unseres Nervensystems im Moment der Dissoziation: Handelt es sich primär um Energieersparnisse oder um eine ganz akute Überlebensstrategie.
5.3 Erinnerungen und Trigger
Laut Brauns BASK-Modell findet das Erleben von Menschen in nicht dissoziativem Zustand, außerhalb einer traumatischen Situation auf vier Dimensionen statt:
Behaviour (Verhalten): Wie verhält sich wer, und was passiert?
Affects (Affekt): Welche Erregung findet statt, wie ist mein seelischer Zustand?
Sensations (Körperempfindungen): Was sehe, höre, rieche, schmecke, fühle ich? Habe ich Gleichgewicht, vibriert etwas, was spüre ich, wie ist die Temperatur?
Knowledge (Wissen): Was denke ich über die Umweltkonstellation, mich und andere Personen?
(Es gibt Erweiterungen davon bzw. Modelle, welche genauer differenzieren, aber grundlegend geht es immer um diese Bereiche.)
Ein Mensch erinnert sich also an verschiedene Ebenen, wenn er_sie etwas erzählt, weil alle Hirnareale, in denen verschiedene Teile dieser Erinnerung abgespeichert sind, zusammenarbeiten bzw. verknüpft sind. Denn verschiedene Aspekte einer integrierten und dadurch zusammengehörigen, Erinnerung sind in verschiedenen Hirnarealen gespeichert. Eine Erinnerung liegt nicht als ein Bündel an einem Platz im Gedächtnis. Was aber kein Problem ist, solange der Hippocampus den Überblick bei der Sortierung behält. Das sogenannte „Seepferdchen“ (es lässt sich darüber streiten, wie sehr dieses eingerollte Stück Cortex einem Seepferdchen ähnelt) spielt nämlich das Ordnungsamt, wenn es um die Archivierung von Gedächtnisinhalten im Langzeitspeicher geht. Dann weißt du, dass es (dir) passiert ist, und kannst parallel abrufen, was passiert ist, in welchem Kontext, was du gedacht/gefühlt hast, vor allem kannst du selbst daran denken und Dinge gezielt abrufen. Das sind narrative Erinnerungen, die sich verändern und angepasst werden (können), was ohnehin immer mehr oder weniger bewusst passiert, je nachdem, wie es die geht, in welcher Lebensphase du daran denkst, mit wem du Erinnerungen teilst. Narrative Erinnerungen verändern sich mit uns, denn sie werden beim Abrufen rekonstruiert.
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