Aber die Erschöpfung kommt und geht; gegen zwei Uhr haben wir einen Energieschub. Christine und ich, wir laufen etwas links von der Kolonne und geben den Schritt vor, um die anderen mitzuziehen, wir singen mit lauter Stimme unsere Wanderlieder, unsere Lieder des Lebens, der Liebe und der Hoffnung. Wir wissen jetzt, dass wir uns davonmachen werden. Vielleicht wird es hart werden, aber wir wollen leben und werden es wagen, weil wir dieses wunderbare, freie, abenteuerliche Leben zurückhaben wollen, den Wind der Landstraßen, die Sonne, das Gras, die Kameradinnen, die Kameraden, und den Kampf unserer Jugend.
Wir marschieren den Kopf im Nacken und warten angsterfüllt auf das Verblassen der Sterne, die schon lange aufgegangen sind. Wir haben den Eindruck, sie strahlen nicht mehr so hell, aber laut unserem Posten ist es erst drei Uhr. Wir sehen um uns herum fast keine SS mehr; vielleicht sind sie in irgendeinen Straßengraben gestürzt. Das wäre genau der richtige Moment, um zu fliehen, aber wir haben wirklich keinen Mut mehr, uns einen einzigen Schritt weg zu bewegen: Christine hat mich spontan danach gefragt, aber ich habe nur abwinken können und sie hat unsere Reihe nicht verlassen …
Der Posten weiß immer noch nichts Genaues, außer dass wir wahrscheinlich bis zum Morgen weitergehen müssen und dass wir dann vielleicht zu einem Lager kommen. Herrliches Wort … Die Trugbilder wiederholen sich: Wir glauben, überall Baracken zu sehen, Rauchschwaden, die aufsteigen, aber nichts davon existiert, um uns herum nur trostloses Flachland. Jedenfalls sind die Sterne schließlich verschwunden. Ein eiskalter Wind kommt bei Tagesanbruch auf. Es ist viel kälter als am Vortag zur gleichen Zeit oder ist es vielleicht die Müdigkeit?
Ich glaube, in der Ferne die Turmspitzen einer Kirche zu sehen: Nach zehn Minuten, als ich sicher sein kann, dass ich nicht schon wieder träume, sage ich es laut. »Aber nein«, antwortet Zinka mit dünner, müder Stimme. »Sei ruhig, das ist wieder nur eine Halluzination, das sind nur zwei Pappeln …« Aber ich hatte recht: Wir erreichen Oschatz und der Posten versichert uns, dass dort das Lager ist.
Merkwürdiges Lager: ein Park bestenfalls – wie ein Schafpferch – oder ein Schulhof, nicht die kleinste Baracke. Unsere unendlich lange Kolonne strömt dort hinein und sinkt eigenartig in sich zusammen, die Menschen drängen sich auf dem Boden in Grüppchen eng aneinander, die Köpfe unter den Decken, um die Wärme zu halten beziehungsweise um sich aufzuwärmen. Wieder Leichen am Eingang des Lagers, doch wir sehen gar nicht mehr hin; wir sind praktisch achtundzwanzig Stunden ohne Unterbrechung gelaufen und Oschatz liegt etwa sechzig Kilometer von Leipzig entfernt.
Wir denken nur noch ans Ausruhen und spüren selbst den Hunger nicht mehr. Das ist gut so, denn es gibt nichts mehr zu essen. Also legen wir uns auch eng aneinander – zu einem kleinen Häufchen ohne Kopf.
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