Zur Zeit des Katasters von 1478, ein Jahrzehnt nach der Pest und ein Vierteljahrhundert nach der Eroberung, war Istanbul mehrheitlich muslimisch geworden. Von den 14 803 erfassten Haushalten der ummauerten Stadt waren 60 Prozent muslimisch, 20 Prozent griechisch und 11 Prozent jüdisch. Der Rest entfiel auf zwei verschiedene Gruppen von Armeniern, die man aus Karaman und Kefe auf der Krim deportiert hatte, sowie auf 31 Roma-Haushalte. Jenseits des Goldenen Horns, im überwiegend christlichen Galata, waren rund 40 Prozent der Haushalte griechisch und etwas über 20 Prozent lateinisch, abgesehen von mehreren Dutzend Armenierhaushalten. Aber selbst Galata war zu rund einem Drittel muslimisch.
Nahe dem Stadtzentrum ließ Mehmed einen Palast erbauen und verlegte seine Residenz aus Edirne dorthin. Schon bald merkte er, dass dieser eilig errichtete Palast seiner reifenden Vorstellung von einem Imperium nicht entsprach, also errichtete der Sultan einen zweiten. Mit dem Namen Topkapı Sarayı stand er auf der Akropolis des antiken Byzantion, einem Vorsprung der Halbinsel, der auf den Zusammenfluss von Bosporus, Marmarameer und Goldenem Horn blickte. In diesem geographischen Wunder sah Mehmed eine Metapher, nicht etwa für die „Brücke zwischen Ost und West“, wie der moderne Orientalismus und der türkische Nationalismus es sehen wollten, sondern für imperiale Konsolidierung und weltliche Transzendenz. 119Der Topkapı-Palast war Residenz des Sultans, Bühne für die Rituale herrscherlicher Souveränität und Hauptquartier der Staatsverwaltung zugleich. Statt auf große, reichdekorierte Audienzräume und Speisesäle setzte der Grundriss auf weitläufige Gärten mit kleinen, ein wenig abgeschiedenen Zimmern. Der Außenhof und der zugehörige Garten waren für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Ratsgemächer und die Büros des Sekretariats umgaben den mittleren Hof. Öffentliche Audienzen hielt der Sultan unter dem Babu’s-Saade, dem Tor der Glückseligkeit, ab, das den zweiten Hof vom dritten trennte. Privataudienzen beim Sultan fanden im Petitionssaal statt, einem kleinen quadratischen Pavillon im dritten Hof, den ein Laubengang vom Tor der Glückseligkeit trennte. Dieser abgeschiedene dritte Hof beherbergte auch die Privatgemächer des Sultans.
An der dem Meer zugewandten Seite dienten die Palastmauern zugleich als Stadtmauern, während sie zur Landseite hin eine steinerne Linie aus Türmen und Toren formten. Die Gründungsinschrift nennt den Ort ein Bindeglied zwischen zwei Kontinenten, zwei Meeren, zwei Welten, zwei Horizonten. 120
Die Eroberung und die Geschichte
Türken wie Griechen wussten, dass der Name der byzantinischen Hauptstadt Konstantinopel oder Kostantiniye lautete. In Istanbul „umbenannt“ wurde die Stadt auch gar nicht von den Osmanen, sondern von der Türkischen Republik in den 1920er-Jahren. Die Osmanen verwendeten den Namen Konstantinopel vorurteils- und widerspruchsfrei auf Münzen, in Veröffentlichungen und im amtlichen Schriftverkehr bis ins 20. Jahrhundert. Parallel dazu nannten in den osmanischen Jahrhunderten Griechen und Türken gleichermaßen die Stadt umgangssprachlich Istanbul oder Stambul. Das Wort leitet sich von einem griechischen Ausdruck ab, der schlicht in die oder in der Stadt heißt.
Natürlich bedeutete der Fall Konstantinopels ganz Unterschiedliches für den Griechen Dukas und den Türken Aşıkpaşazade. Von ihrer markanten Persönlichkeit und ihrer Voreingenommenheit einmal abgesehen, gingen sowohl Dukas als auch Aşıkpaşazade, jeder auf seine Weise, in der jeweiligen Geschichte ihrer eigenen Gemeinschaft auf. Keiner von beiden verfasste einen gründlichen Bericht über die Eroberung, wie ihn beispielsweise der venezianische Händler Niccolò Barbaro vorlegte, der sich in der Stadt aufhielt und Tagebuch führte. 121Wo es um den Fall Konstantinopels ging, hatte jeder der beiden seine Gründe, den im Wesentlichen bewahrenden Umgang der Osmanen mit der Stadt nach der Eroberung herunterzuspielen. 122
Natürlich berichtet Dukas sehr unterhaltsam von der großen Kanone, die in Edirne gegossen und auf dem Landweg nach Istanbul gebracht wurde, und davon, wie die osmanischen Truppen Schiffe über Land schleppten und so die riesige Eisenkette umgingen, die den Hafen versperrte. Doch nach dem türkischen Sieg musste Dukas verbittert den Aufstieg der gegen eine Vereinigung mit Rom eingestellten Gruppe im orthodoxen Klerus mitansehen. Er selbst hatte eine solche Vereinigung unterstützt, die das Konzil von Florenz verkündet hatte und die im Dezember 1452 mit einer Messe in der Hagia Sophia vollzogen worden war. Seit dem Bürgerkrieg der 1340er-Jahre hatten sich die Sultane durchgängig auf die Seite der orthodoxen Vereinigungsgegner gestellt. Dukas erwartete eigentlich noch während der osmanischen „Tyrannei“, die er als eine Art Aussperrung der rechtmäßigen Palaiologen-Kaiser verstand, die Wiederherstellung des Gottesreiches. Jetzt bewies Sultan Mehmeds Ernennung eines neuen Patriarchen, dass nicht nur die Zeit nicht stehenbleiben, sondern auch die Kirche in der Kaiserstadt dank der Unterstützung des osmanischen Tyrannen für ein gegen die Vereinigung eingestelltes Patriarchat zu neuem Leben erwachen würde. 123Dukas’ Beschreibung vom Fall der Metropole schloss mit einem tiefbewegten Abgesang auf sie, der die Klagen des Propheten Jeremia um Jerusalem zitierte. 124
Für Aşıkpaşazade war die Eroberung nicht jene Katastrophe, die sie für Dukas darstellte, aber das Ende der Geschichte, als das einige andere osmanische Chronisten sie schilderten, sah er in ihr ebenfalls nicht. Aşıkpaşazades Bericht spiegelt die ambivalenten Gefühle eines wichtigen Teils der osmanisch-muslimischen Gesellschaft wider. Belagerung, Eroberung und Plünderung Konstantinopels beschrieb er in einem einzigen Kapitel, einem von 166, die sein Buch umfasste, und noch dazu kein sehr langes. Sogar die Entdeckung des Grabes von Abu Ayyub al-Ansari, des Gefährten des Propheten Mohammed, der bei der arabischen Belagerung Konstantinopels im Jahr 668 umkam, überging er. Nach der Einnahme ehrte Sultan Mehmed II. dieses Grab mit einer Feier; es war nahe der tiefsten Ausbuchtung des Goldenen Horns dank der wundersamen Hilfe eines ehrwürdigen heiligen Mannes entdeckt worden, der die Einnahme der Stadt prophezeit hatte. 125An einem derart zusammengebastelten Königskult hatte Aşıkpaşazade kein Interesse.
Tursun Bey und der Eroberer
Aus dem Kreis der türkischen Mauerstürmer stammt der beste Bericht über die Eroberung von dem osmanischen Verwaltungsbeamten Tursun Bey. In seiner Geschichte des Eroberers schilderte er die Belagerung, den Einzug Sultan Mehmeds II. in die Stadt und dessen ersten Besuch in der Hagia Sophia. 126Das Werk, teils Memoirenbuch, teils Chronik, teils Fürstenspiegel, hebt sich im Stil wie in der Themenwahl spürbar von dem Werk Aşıkpaşazades ab. Der Unterschied der Erzählstile zwischen Tursun Bey und Aşıkpaşazade verwies auf ein ganzes Bündel theoretischer und philosophischer Divergenzen im Osmanenreich nach 1453. Deren Ursachen lagen letztendlich in unterschiedlichen Gottesvorstellungen, doch einige Interessen hatten beide sehr wohl gemeinsam.
Tursun Bey stellte das Osmanische Reich als das bedeutendste Imperium in der Weltgeschichte dar. Er schrieb im „Aufsatz (inşa)-Stil“, einer eleganten Sprache, die spontan in literarischen Zirkeln am osmanischen Hof entstand. Der Aufsatzstil baute arabische und persische Vokabeln und Satzkonstruktionen in ein türkisches Satzgerüst ein und füllte es, abgesehen von Lyrik, mit dichten Alliterationen, Assonanzen, Binnenreimen und komplizierten Verb-Nomen-Kombinationen auf. Die neue Sprache unterstellte eine Analogie zwischen dem Osmanischen Reich und dem kumulativen Kulturerbe der islamischen Epoche. Doch Tursun Beys Buch war im Gegensatz zu verschiedenen anderen Werken, die in den gut hundert Jahren nach der Eroberung geschrieben wurden, keine Weltgeschichte. Binnen weniger Jahre erschienen Şükrullahs Strahlendes Antlitz der Daten in 13 Teilen und Enveris noch ehrgeizigeres Buch der Prinzipien in 22 Büchern; in beiden Werken bildete die osmanische Dynastie den Höhe- und Schlusspunkt. Für Tursun Bey forderte die Eroberung Konstantinopels den Vergleich zwischen Sultan Mehmed II. und den großen Welteroberern der Vergangenheit – Alexander dem Großen, dem Sassaniden Ardaschir und Dschingis Khan – regelrecht heraus. Mit kräftigen Anleihen bei der inzwischen islamisierten persischen Literaturgattung des Königsspiegels entwickelte Tursun Bey später eine Theorie herrscherlicher Autorität, der zufolge der legitime muslimische Souverän als irdisches Werkzeug der allumfassenden Gerechtigkeit Gottes fungierte, und eine Herrschaftsethik, in welcher die Taten des Souveräns ein Dankopfer an Gott waren.
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