Wie schläft man ein?
Einschlafen ist ein komplexer Vorgang und noch ist nicht vollständig klar, wie er funktioniert – was auch der Grund dafür ist, dass es keine Medikamente gibt, die natürlichen Schlaf hervorrufen können. Nach dem Modell des Schlafforschers Alexander Borbély gibt es zwei Mechanismen, die das Einschlafen bestimmen: der Schlafdruck und die innere Uhr. Der Schlafdruck hängt vor allem von der Länge der vorangegangenen Wachzeit ab. Während der Wachzeit sammelt sich der Stoff Adenosin im Vorderhin. Adenosin wiederum triggert eine Region im Zwischenhirn, den Nucleus praeopticus ventrolateralis , der auch »Tor zum Schlaf« genannt wird, weil er die Weck- sowie Wachzentren des Gehirns durch den Botenstoff GABA hemmt und so schlafeinleitend wirkt. Die zweite Kraft, die den Schlafbeginn bestimmt, ist die innere Uhr beziehungsweise der zirkadiane, also einen Tag andauernde Rhythmus, der vor allem durch das Tageslicht getaktet wird. Dieser wird beim Menschen vom Nucleus suprachiasmaticus (SCN), dem Master-Zeitgeber im Hypothalamus, bestimmt. Der SCN sendet tagsüber kontinuierlich Wecksignale, die aber am Abend rapide absinken – und so die Einschlafbereitschaft erhöhen.
Warum wachen wir auf?
Auch hier gilt: einfache Frage, auf die es bislang keine einfache Antwort gibt. Unter anderem wird im Schlaf Adenosin abgebaut. Und während die Ansammlung den Schlaf einleitet, sorgt der Abbau dafür, dass die Weck- und Wachzentren des Gehirns nicht länger blockiert sind. Kurzes Aufwachen im Schlaf ist normal, es geschieht bei gesundem Schlaf bis zu zwanzig Mal, und meist kann sich der Schlafende am nächsten Morgen nicht daran erinnern.
Was hat es mit den Schlafphasen auf sich?
Die Schlafforschung unterscheidet zwischen REM und Non-REM-Schlaf, wobei »REM« für rapid eye movement steht. Forscher haben nämlich in dieser Schlafphase bei Probanden deutliche Augenbewegungen beobachtet. Der Non-REM-Schlaf ist in drei Phasen unterteilt: die erste ist die Einschlafphase, die zweite ist die stabile Schlafphase und die dritte die Tiefschlafphase. Über ein EEG lassen sich verschiedene Frequenzen von Gehirnströmen in den unterschiedlichen Schlafstadien messen. An die Non-REM Schlafstadien schließt sich der REM-Schlaf an, in dem der Muskeltonus am geringsten ist, zugleich erhöht sich aber der Blutdruck und die Atemfrequenz, das Stresshormon Adrenalin wird vermehrt ausgeschüttet. Eine Abfolge dieser vier Schlafstadien wiederholt sich bei einem gesunden Schläfer in einer Nacht etwa vier bis sieben Mal. Ursprünglich nahm man an, dass nur in der REM-Phase geträumt wird. Tatsächlich wird auch in den anderen Schlafstadien geträumt, die Träume in der REM-Phase sind aber besonders lebhaft und werden häufiger erinnert. Über die Funktion der verschiedenen Schlafphasen wird noch diskutiert. Sicher ist, dass Neugeborene fast den gesamten Schlaf im REM-Schlaf verbringen, dessen Anteil bei Erwachsenen aber nur bei 20 bis 25 Prozent liegt. Deshalb glaubt man, dass er bei Säuglingen für die Bildung des zentralen Nervensystems wichtig ist.
Warum schlafen nicht alle Menschen gleich lang?
Es gibt Faktoren, die ganz generell die Schlafdauer beeinflussen: Alter, Geschlecht, Jahreszeit und Gesundheitszustand. Daneben gibt es aber ein individuelles Schlafbedürfnis, das genetisch veranlagt ist. Die Zeitspanne, die Schlafforscher als Rahmen für gesunden Schlaf angeben, variiert von fünf bis zehn bis hin zu vier bis zwölf Stunden. Der durchschnittliche Deutsche schläft von 23.04 Uhr bis 6.18 Uhr.
Einschlafen – Showdown im Kinderzimmer und Morpheus’ Arme in der Apotheke
Sonderbar, habe ich oft gedacht, wenn ich bei Freunden abends nicht mehr anrufen konnte, weil das die gerade ins Bett gebrachten Kinder hätte wecken können. Sonderbar, dachte ich, wenn sich Freundinnen vom gemeinsamen Abendbrot für eine halbe Stunde verabschiedeten, weil ihre Kindergartenkinder nur einschliefen, wenn sie sich dazu legten. Jetzt habe ich selbst Kinder, die nur einschlafen wollen, wenn man sie nach genauen Anweisungen küsst. Ich sehe mir oft selbst mit Befremden dabei zu, aber ich finde keinen Weg, es anders zu lösen. Als die Zeit, die es dauerte, meine große Tochter ins Bett zu bringen, sich auf Stunden ausdehnte, habe ich die Beratung einer Kinderkrankenschwester aufgesucht. In den Buchhandlungen liegen Kinderbücher, in denen die Kinder so lange wach bleiben, bis ihre übermüdeten und hilflosen Eltern in den Kinderbetten der Schlaf übermannt, und unter den Erwachsenen entwickelte sich der entnervte, Buch gewordene Aufschrei eines Vaters – Verdammte Scheiße, schlaf ein von Adam Mansbach – zum Bestseller.
Die meistgekauften Schlaflied-Spieluhren in Deutschland
1 Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein
2 Wiegenlied von Johannes Brahms
3 La Le Lu
4 Schlaf, Kindchen
5 Guter Mond, du gehst so stille
6 Sandmann, lieber Sandmann
(Stand: März 2019; Quelle: Vedes)
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Mutter abends Stunden an meinem Bett verbracht hätte – wie auch, wenn vier andere Kinder versorgt sein wollten. Wenn ich sie danach frage, wie es war, sagt sie – und es scheint Mitleid mit mir durch –, dass es überhaupt nicht kompliziert gewesen sei. Meine Zwillingsschwester und ich schliefen in Gitterbetten, aus denen wir nicht hätten aussteigen können, einmal ins Bett gebracht waren wir eben ins Bett gebracht. Ganz einfach. Ich habe meine Kindheit alles andere als lieblos in Erinnerung, und in der Theorie würde ich es gern genauso machen. In der Praxis scheint dieses Procedere wie ein Traum aus einem fernen, entschwundenen Land.
Wenn man die Geschichte des Kinderschlafs verfolgt, dann taucht dieser erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Problem auf. Das lag nicht daran, dass die Kinder plötzlich nicht mehr schliefen, sondern an veränderten Erwartungen der Eltern. Und, so absurd das auf den ersten Blick wirken mag, am Bemühen der neu entstehenden Profession der Kinderärzte, sich Autorität zu sichern. Die Historiker Peter Stearns, Perrin Rowland und Lori Giarnella haben am Beispiel der USA nachvollzogen, wie zunehmend Experten in der Öffentlichkeit auftauchten, die mehr Schlaf für die Kinder verlangten; die Entwicklung in Deutschland verlief ähnlich. Das US-Innenministerium hatte schon 1910 bestimmte Schlafzeiten gefordert: von 13 Stunden für 5- bis 6-Jährige bis zu 9 ½ Stunden für die 16- bis 18-Jährigen. Zuvor hatte man lange angenommen, dass Kinder von sich aus ihre Schlafdauer regulierten – und noch 1901 hieß es im Ladies’ Home Journal , dass alles oberhalb von sechs Stunden in Ordnung sei.
Zu wenig Schlaf wurde zu einem Problem: Die Begriffe chronic fatigue und overfatigue tauchten auf, ein Mangel, der bei Schulkindern Krankheiten und schlechtes Lernen nach sich ziehen sollte. Verantwortlich gemacht für die Übermüdung wurden die Schulen – und die Mütter. Deren Verantwortung war es nämlich, die Kinder vor den emotionalen Spannungen zu bewahren, die sie am Schlafen hinderten. Und sie waren es, die den Kindern das richtige Schlafen beibringen sollten. Denn das war nicht länger etwas, was sich natürlich einstellte, sondern etwas, das erlernt werden musste. Was hinzukam: ein Rhythmus von Wach- und Schlafzeiten, den es streng einzuhalten galt. Aber nicht nur die Idee, wie und wie viel ein Kind schlafen sollte, änderte sich – auch das familiäre Umfeld wurde nach und nach ein anderes. Wo nachts einmal Hausangestellte, Großeltern oder ältere Geschwister den Schlaf der Kleinen mitgehütet hatten, waren die Eltern nun auf sich gestellt.
Читать дальше