»Ich wollte Ihnen noch sagen, dass die Ehefrauen von Herrn Weier und Herrn Fischer eben angerufen haben. Chef, die sind am Ende ihrer Kräfte!«
»Haben wir die Erreichbarkeit?«
»Haben wir!«
»Sagen Sie beiden, ich rufe sie nach der Sitzung an.«
Er weiß, wie entsetzlich es für die Familien ist, die Enthauptungsdrohungen in den Nachrichten und die Enthauptungen selbst später wohlmöglich im Internet zu sehen.
Dann vertieft er sich in den Lagevortrag. Was wissen wir? Wie wird die Bewertung sein?
Doch schon jetzt ist ihm klar, es könnte die erste Enthauptung von Deutschen in diesem Jahr sein. Irgendwie war die RAF kalkulierbarer, geht es ihm durch den Kopf, da kannte man seinen Feind …
»Ich denke, Sandra, wir bekommen heute noch hohen Besuch.«
»Meinen Sie wirklich? Sie war in den zwei Jahren doch bisher nur ein einziges Mal hier, und das war zu ihrem Antrittsbesuch.«
Als Susanne Ehrlich, die Leiterin des Kanzlerbüros, am Telefon die seltsam belegte Stimme des Bundesaußenministers Georg von Rüdesheim hört, ist ihr klar, dass es jetzt brennt. Sie ahnt nichts Gutes für den Dienstplan ihrer Chefin.
»Ist die Bundeskanzlerin erreichbar, sie antwortet nicht auf Ihrem Krypto-Handy?«, fragt von Rüdesheim.
»Das kann sein, Herr Minister, wenn sie das andere Telefon benutzt.«
»Diese Krypto-Dinger sind extrem unpraktisch«, entgegnet er etwas unwirsch.
»Darf ich die Chefin in Berlin vermuten? Ich muss sie dringend sprechen.«
»Darf ich erfahren, worum es geht?«
»Sie dürfen«, antwortet Georg von Rüdesheim nun etwas spitz. Es nervt ihn, dass in allen Vorzimmern dieser Welt die Büroleiter die Macht haben, wie bei ihm selbst …
»Der IS hat offensichtlich die beiden deutschen Geiseln Weier und Fischer in seiner Gewalt. Es gibt die klare Drohung, sie zu enthaupten, wenn wir uns nicht zurückziehen.«
»Ich darf Sie durchstellen Herr Minister, haben Sie Ihr Krypto-Handy aktiviert?«
»Ich rufe selbstverständlich bereits damit an.«
Bundeskanzlerin Dr. Henriette Behrens ist auf dem Weg von ihrer Wohnung im Süden Berlins zum Bundeskanzleramt. Vor und hinter ihr je ein Wagen mit Personenschutz.
Henriette ist gern Kanzlerin. Sie kommt aus einer bekannten Diplomatenfamilie, wohnte lange in Rom, studierte politische Wissenschaften, Geschichte und Philosophie und promovierte über den römischen Kaiser Marc Aurel. Sie ist bei vielen Menschen im Land wegen ihrer menschlichen Art und sachlichen Politik beliebt. Ihre Politik wirkt durchschaubar, so wie sie selbst erscheint, transparent und authentisch. Sie kann knallhart sein, aber sie ist berechenbar. Die Bundeskanzlerin sagt, was sie will und hält es ein. Man kann sich auf sie verlassen, national wie international. Den Parteivorsitz hasst sie eigentlich, braucht ihn aber zum Erhalt ihrer Macht wie ein notwendiges Übel. Und sie muss diese Macht festigen, denn sie regiert seit kurzem in einer komplizierten Dreierkoalition umgeben von politischen Gegnern, die nur darauf lauern, dass die Kanzlerin einen Fehler macht. Gemäß dem Auftrag jeder Opposition: Sturz der Herrschenden.
Henriette hat sich heute für eine ihrer weißen Seidenblusen entschlossen, darüber trägt sie ein dunkelblaues Kostüm. Eine dezente Perlenkette, zwei kleine diamantene Ohrstecker. Noch mehr Schmuck mag sie nicht. An dem leichten YPSILON -Parfümgeruch konnte man die heute Neunundvierzigjährige bereits seit zwei Jahrzehnten leicht identifizieren. Inzwischen ist es schwer, das Parfüm noch auf dem Markt zu bekommen.
Die Kanzlerin wird von ihren Ministerinnen überwiegend kritisch gesehen, von den männlichen Kollegen hingegen geradezu verehrt, besonders von ihrem italienischen Amtskollegen. Nicht nur wegen ihrer Affinität zu Italien, sondern wohl auch, weil sie jung, Single und außerordentlich hübsch ist. Das Bild von Signora Henrietta steht in Rom auf seinem Schreibtisch, seitdem die eigene Frau ihn verlassen hatte.
Ihre in Stufen geschnittenen, halblangen, schwarzen Haare wurden im ganzen Land zur Henriette-Frisur. Handtaschen und Schuhe bekamen ihren Markennamen. Ihre Kleidung ist ständig Thema in der Boulevardpresse. Die Times schrieb in der Titelgeschichte Germany‘s best Brand über den überwältigenden Charme und Verstand einer »einzigartigen Ausnahmeerscheinung« unter den Regierungschefs in Europa.
Was um alles in der Welt trage ich heute beim Empfang des Emirs von Katar?, fährt ihr durch den Kopf. Von Rüdesheim hatte betont, dass das reiche Katar für Deutschland immer wichtiger werde, und es Zeit wäre, die politische Zusammenarbeit zu verstärken.
Sie schaut in den Spiegel, fährt mit dem Stift über ihre Lippen, presst sie zusammen und betrachtet dabei kritisch ihren Mund.
Bei dem Emir liefe sie wenigstens nicht Gefahr, umarmt zu werden.
Henriette hasst es, wenn Männer sie in aller Welt in den Arm nehmen. Es macht sich gut auf Bildern, die schöne erste Frau im mächtigsten Staat Europas zu umarmen. Fast jeder giert danach. Körperliche Umarmung heißt auch, politisch Macht dort zu demonstrieren, wo das Wort nicht reicht. Selbst kleine Männer scheuen nicht davor zurück, die 1,76 Meter große, schlanke Henriette an sich zu ziehen.
Es gibt bei öffentlichen Umarmungen alle Sorten von Männern. Souveräne Beschützertypen, andere sind einfach nur gockelhaft. Wenn sie aus Brüssel zurückkommt, hat sie ein Bombardement von Küsschen links, Küsschen rechts hinter sich. Sie hat inzwischen ihre eigenen Abwehrstrategien entwickelt, indem sie früh abblockt. Nicht immer gelingt es.
Am liebsten würde ich mich vor dem Mittagstermin mit dem Emir noch frisch machen und umziehen, denkt sie.
Wie ist der Plan? Jetzt gleich noch ein einstündiges Treffen mit Vertretern von Banken und ein zweistündiges mit Gewerkschaften und den Repräsentanten der Kirchen …
Sie schaut auf die Notizen, die sie neben sich auf dem Rücksitz des Wagens ausgebreitet hat. Henriette mag keine Gittermappen. Die Papiere müssen, wenn möglich, immer greifbar um sie herum sein, wie die Zutaten in der Küche, dann kann sie am besten kochen.
Sie zählt. Sechzehn wichtige Telefontermine am Nachmittag. Auch der Bundespräsident möchte mit ihr über eine schwierige Gesetzesvorlage sprechen.
Ein gemeinsamer, dringender Brief einer Frau Weier und Frau Fischer ist dabei. Die Ehefrauen der zwei verschleppten deutschen Geiseln flehen sie verzweifelt um Hilfe an.
Beide Ehemänner hatten sich nach langem Drängen ihrer Baufirma aus Hanau bereit erklärt, in den gefährlichen Irak zu fahren, um dort Geschäftschancen wahrzunehmen. Beide Frauen sind in Todesangst um ihre Lieben und verzweifelt, dass sie ihre Männer trotz aller Warnungen von Kollegen und auch des Auswärtigen Amtes nicht zurückgehalten haben. Der Brief ist anrührend geschrieben. Henriette spürt die große Not. Sie wird sich noch genauer informieren, bevor sie heute Abend nach zwanzig Uhr endlich die Füße hochlegen kann.
Henriette Behrens hat ein diskretes Treffen, und das kennt nur ihre Büroleiterin und langjährige Freundin Susanne Ehrlich.
Auf dem Krypto-Handy erscheint die Nummer vom Außenminister von Rüdesheim. Die Bundeskanzlerin ist ihm gegenüber mehr als vorsichtig. Der Koalitionspartner hatte ihn bei der Regierungsbildung gnadenlos durchgeboxt, und nun ist er traditionsgemäß in dieser Funktion leider auch Vizekanzler. Was hinter den Kulissen läuft, kann selbst sie nur ahnen. Gelegentlich bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihn zurückzupfeifen, was in der Presse sofort als Konflikt in der Außenpolitik zwischen ihr und dem Außenminister ausgelegt wird. Rüdesheim beobachtet sie argwöhnisch, auch in ihrem offensichtlich auffällig guten Verhältnis zum Verteidigungsminister.
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