Die Herdmanndli wohnten vielfach in der Pilatushöhle, die hoch oben liegt, tief und schaurig. Sie waren den Menschen gar gut und hilfreich, gar „gespäßige Lüet“, wie die Hirten sagen; sie verrichteten nachts der Menschen Arbeit, kamen auch vom Berg herunter in die Täler, schafften und ackerten redlich, und ein Herdmanndli konnte mehr verrichten als zehn Meister mit allen Knechten. Aber sehen ließen sich die Manndli wunderselten, und auch da hatten sie lange graue Kutten an, die bis auf die Erde reichten, daß man nimmer ihre Füße sah.
Einem Hirten begegnete es, daß er einen reichtragenden Kirschbaum oben am Berge hatte, dem pflückten die geschäftigen Zwerglein die Kirschen ab und brachten sie zum Trocknen auf die Hürten1 ), daß hernach gutes Kirschwasser daraus gebrannt werden konnte. Der Hirt aber ward neugierig, zumal mocht’ er gern die Füße der Herdmanndli sehen, kam her und streute Asche rings um den Baum, als die Früchte im nächsten Jahr wieder reiften. Die Herdmanndli kamen, pflückten redlich die Kirschen ab, und am Morgen sah der Hirt ihrer Füßlein Spur in der Asche. Es waren eitel kleine Gänsefüße. Der Hirt lachte und sagt’ es freudig seinen Genossen an, daß er nun wisse, was für Füße die Herdmanndli hätten. Die Zwerge aber ergrimmten, zerbrachen des Hirten Dach und Fach, versprengten seine Herde, zerknickten dem Kirschbaum Ast um Ast, und ihrer keines kam jemals wieder herunter, den Menschen hilfreich zu sein. Sie blieben droben in ihrer tiefen Höhle und in ihrem Geklüft wohnen. Der Hirt aber wurde ganz tiefsinnig, schlich bleich umher und hat nicht lange gelebt.
Winkelried und der Lindwurm
Zu Wylen, einem Dorfe nicht weit vom Pilatus, saß ein Mann, der hieß Winkelried. Und in der Nähe droben am Berge hauste ein schädlicher Lindwurm, der fraß Menschen und Vieh und verödete den ganzen Landstrich, so daß ihn die Umwohner Öd-Wyler nannten.
Nun hatte Winkelried ob einer Mordtat Leib und Leben verwirkt und war flüchtig geworden. Da sandte er Botschaft, daß er, wenn man ihn wieder annehmen wolle, Mut habe, den Lindwurm zu bestehen. Diesen Kampf vergönnte man ihm gern.
Er bewehrte sich gut mit scharfem Schwert, und statt des Schildes hielt er in der linken Hand eine Dornwelle. Diese stieß er dem Drachen, sowie er auf ihn losfuhr, in den weitaufgesperrten Rachen hinein. Das waren dem Lindwurm zu viele Zahnstocher auf einmal; er wand und krümmte sich, und sowie Winkelried eine Blöße sah, stieß er ihm mit sicherer Hand das Schwert in den Leib.
Der Lindwurm sank tot nieder. Von seinem Blute troff Winkelrieds Schwert. Der schwang es hoch und freudig als Sieger und hatte sein Leben gewonnen, aber nur, um es alsbald zu verlieren. Denn vom Schwert ab floß das giftige Drachenblut und rann ihm über die Hand und den Arm. Das brannte alsbald wie Feuer der Hölle, und der Held starb an diesem Brand. Das Land aber hatte er befreit, und das Drachenloch wird noch heute gezeigt.
Im Aargau, da wo Reuß und Limmat in die Aar und die Aar in den Rhein fließen, liegt der Geißberg, der trägt auf seinem Gipfel die Trümmer einer Ritterburg. Ein Herr von Villigen baute die Burg auf das schönste und festeste und hatte seine Herzensfreude daran; denn er gedachte in ihr glücklichen Alters froh zu werden und in Leutseligkeit und Güte seinen Untersassen ein treuer Vater zu sein. Fertig stand der Bau, und festlich sollte er eingeweiht werden. Des Bauherrn Söhne und alle Gefreundete rings im Gau waren versammelt, und die Humpen kreisten.
Der Ritter von Villigen sprach zu den Söhnen: „Da schaut nun, wie gut sich’s hier wohnen wird, in der Pracht der Gegend, rund um uns her unsre fleißigen Leute und Mannen, mitten im Kreis der Dörfer unser stattliches Burghaus, fest gegen den Feind, offen dem Freund, den Bedrängten ein Schutz, den Dürftigen eine Herberge. So wollt’ ich’s haben.“
„Ja, Vater,“ sprachen die Söhne, „das ist traun eine wackre Trutzburg worden! Da mag sich das nichtsnutzige Volk auflehnen oder nicht, wir zwingen es von hier aus; wir werden ihm den Fuß auf den Nacken setzen. Von hieraus können wir Zölle legen auf die Flüsse und den Rheinstrom, auf Wege und Stege. Der ganze Gau muß uns tributpflichtig werden, damit unser Gut sich mehre und unser Name gefürchtet sei im Rhein- und Schweizerlande!“
Als der Herr von Villigen diese Rede seiner Söhne vernahm, war es ihm, als wolle sein Blut stocken und sein Herz brechen, und zürnend brach er aus: „Entartete Söhne! So ist euer Sinn? Wartet, den will ich euch bessern!“ Und er warf seinen vollen Humpen zur Erde, daß er in tausend Scherben zerklirrte, und sprach: „Wie dieser Humpen zertrümmert liegt, so soll dieser stolze Bau, meine Lust und meine Freude, zertrümmert liegen!“
Und er berief seine Mannen, seine Untersassen, sein ganzes Volk, und hieß sie den neuen Bau abbrechen, und verfluchte die Hand, die ihn wiederum zu bauen beginne. „Besser Stein als eine Zwingburg des Volkes und des Gaues, die Schimpf auf den edlen Namen derer von Villigen häuft!“ rief er. Und seitdem liegt auf dem Geißberge der öde Mauerrest und heißt allewege im Volke der Besserstein.
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