Der Bunker ist kein Ort zum Bleiben. Els fröstelt. Sie lutscht noch einmal am Zeigefinger, dann verstaut sie die Eispackung wieder in der Kiste. Rasch tauscht sie die Kühle des Bunkers gegen die Kühle im Freien. Ächzend bewegen sich die Scharniere, mit einem Dröhnen schlägt die Türe zu. Sie bleibt auch winters unverschlossen, damit zur Not vier erschöpfte Skiläufer hier Unterschlupf finden können. Er ist mit einem kleinen Gasofen und einer Petrollampe ausgerüstet, der Boden ist mit Holzbohlen isoliert. Ausserdem ist auf der Südseite der Felskuppe, unter welcher der Bunker liegt, ein Solarpanel montiert. Der Akku speichert so viel Strom, dass es im besten Fall für ein paar Stunden Schummerlicht reicht oder dafür, das Nottelefon zu betätigen. Die kleine Solaranlage ist Gustavs und Jan-Eriks ganzer Stolz. Mit grosser Sorgfalt überprüfen sie zweimal jährlich ihre Funktionstüchtigkeit. Photovoltaik-Inselanlage i. O., schreiben sie in ihren Rapport, obwohl auf Hukejaure von Inseln weit und breit nichts zu sehen ist. Die Hütte selber ist nur in den zehn Sommerwochen offen. Els wird sie spätestens Mitte September dichtmachen und erst wieder zu neuem Leben erwecken, wenn sie sich zur Zeit der nächsten Schneeschmelze von Sitasjaure heraufgekämpft haben wird. Mit Glück und Entschlossenheit wird es vielleicht noch einmal zu schaffen sein. Nur einmal noch. Kein Klement wird sie davon abbringen. Für jeden Menschen gibt es ein anderes höchstes Glück, denkt Els. Die Sommer hier sind kurz, doch sie hat für sich eine andere Zeitrechnung erfunden. Jeder Tag, der keine Nacht kennt, zählt doppelt.
Els schlüpft in ihre Pantoffeln, deckt den Tisch und setzt sich. Schon aberhundertmal ist sie in Pantoffeln an diesem Tisch gesessen, und nie fand sie daran etwas auszusetzen. Im Gegenteil. Erst an ihrem Tisch sitzend fühlte sie sich auf Hukejaure richtig zu Hause. Doch heute will nichts richtig sein. Els bewegt die Zehen. Die Pantoffeln, gross und bequem wie zwei Lemmingnester, wollen sich nicht wohlig anfühlen. Auch der Tisch scheint für grössere Menschen gemacht, als Els einer ist, für baumlange Skandinavier mit schlaksigen Gliedern. Neben ihnen ist Els bloss ein Häufchen Mensch, mit jedem Jahr wird ihr Rücken krummer, ihre Masse weniger, was Els bislang noch nie gestört hat. Allein und ohne Vergleichsmöglichkeit ist man so gross, wie man sich fühlt. Manchmal ist man eine Kiefer und manchmal eine Krüppelbirke. Heute aber, da sie am Tisch sitzt, rückt Els von sich weg, geht auf Distanz. Als wäre sie bei sich selbst zu Gast. Sie streckt den krummen Rücken und weiss, es ist vergeblich. Sie holt ein Kissen, damit sie höher sitzt, doch nach fünf Minuten zieht sie es wieder weg. Sie mag es nicht, wenn ihre Beine in der Luft baumeln. Sie schaltet das Radio aus. Der versnobte Stockholmer Akzent der Moderatorin macht sie nervös.
Auch Anne war eine von der grossen, kräftig gewachsenen Sorte. Nahezu alle jungen Menschen schienen heute aus diesem Stoff gemacht. Nitrat und Emulgatoren, wie Els weiss. Das Gift lässt die Körper in die Höhe schiessen, entfernt die Köpfe immer weiter vom Boden. Die Saurier der Endzeit, selbst in Hukejaure fallen sie ein, denkt Els und reisst ihr letztes Fladenbrot entzwei. Im nächsten Jahrzehnt müsste man hier die Kajütenbetten verlängern, und da die Betten bereits jetzt genau von Wand zu Wand reichen, hätte man die gesamten Hütten der Organisation auszubauen, auf Sauriermasse. Das würde Els aber nicht mehr erleben. Bis dahin wäre sie von hypermenschlichen Tatzen zertrampelt, oder niedergerafft von einer letzten allumfassenden Schwäche.
Wer lebte vor uns hier?
Deine Urgrosseltern.
Und vor den Urgrosseltern?
Andere Menschen. Ich kenne sie nicht.
Man nennt sie Vorfahren.
Waren sie glücklich?
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sie hatten
weniger Geld und mehr Zeit.
Dann möchte ich auch ein Vorfahr sein.
Du bist einer, Kind. Jeder ist ein Vorfahre.
Nach einer Stunde hatte sich der rote Punkt oben am Grat in Richtung Hukejaure in Bewegung gesetzt. Da wusste Els bereits, dass es sich nur um eine Frau handeln konnte. Männer legen so kurz vor dem Ziel niemals lange Pausen ein. Es musste jemand sein, der sich nichts zu beweisen hatte. Eine Frau mittleren Alters, die ihre Scheidung verdauen muss, hatte Els gedacht. Oder vielleicht eine Fotoreporterin. Es gab zahllose Gründe, in dieser Einöde unterwegs zu sein, und es gab eigentlich nur gute Gründe. Ob es auch möglich war, sich ohne Grund im Hochfjell aufzuhalten, darüber war sich Els nicht im klaren. Gründe kamen, und Gründe gingen, doch ohne jegliches Motiv hier oben zu leben, einfach um des Lebens willen, das ging wohl nicht. Einmal waren eine Flechtenforscherin und im vergangenen Sommer eine abgewählte Parlamentsabgeordnete auf Hukejaure zu Gast gewesen. Von der Lichenologin hat Els gelernt, dass Flechten nicht zu den Pflanzen zählen, weil sie sich nicht durch Bestäubung, sondern samenlos vermehren, und dass sie in symbiotischer Gemeinschaft mit Pilzen leben, weshalb man sie auch Kryptogame nennt, sich im Verborgenen Verbindende. Els liebt das Wort.
Die ersten Sommer auf Hukejaure hatte Els gezeichnet. Erst nur mit Bleistift, in dünnen, vorsichtigen Strichen mit viel ausgespartem Weiss. Els fand, die Zwischenräume seien wichtiger als die Striche. Sie verspüre eine Scheu vor dem Zeigen, sagte sie zu Klement. Vielleicht sei sie nötig, diese Scheu, vielleicht helfe sie, die Welt von Hukejaure zu schützen. Das konnte Klement nicht verstehen. Für ihn zählt bis heute das Sichtbare mehr als das Geahnte. Später war Els mutiger geworden. Sie hatte dickere Stifte benutzt und immer deutlicher gespürt, wo diese hinsteuerten, wie sie auf dem Blatt umherwanderten, ihre Bahnen zogen. Dann schien ihr, der Stift führe ihre Hand, ihre Augen beobachteten eine Entstehung, die von den Dingen selbst hervorgerufen würde: vom Blatt Papier und der Beschaffenheit seiner Oberfläche, von der Graphitmine, vom Objekt der Darstellung selbst, von einer Flechte, einem Grashalm, der Ansammlung einiger Kiesel, der Holzmaserung der Verandatreppe, dem Grat des nächstgelegenen Fjells. In den vergangenen Jahren war Els dazu übergegangen, mit Pulvern aus zerriebenem Schiefer und Gneis zu malen und ihre Bilder mit Pflanzensäften einzufärben. Sie machte Abriebe verschiedener Gesteinsoberflächen, vor allem von flechtenbewachsenen Felsen. Früher hatte sie an verborgenen Stellen Zeichen und Muster in glatte Flächen geritzt und beobachtet, wie sich diese im Laufe der Jahre unter dem Einfluss der Witterung veränderten. Im Kopf trug Els eine Landkarte im Massstab 1:10 000 mit sich herum, auf der die Orte eingetragen waren, wo ihre künstlerischen Spuren zu finden waren. Mit dem Auslöschen ihres Geistes würden auch diese geheimen Kartogramme verschwinden.
Dieses Jahr hatte Els ihre Malutensilien in Klements Hütte zurückgelassen. Klement hatte nach den Gründen gefragt. Weil alles bereits da ist, hatte sie geantwortet, weil es keine Els braucht, um irgendwo irgendwas hinzuzufügen. Oder wegzutragen. Weil es genügt zu schauen. Klement hatte durch die Zähne gepfiffen und den Kopf geschüttelt.
Vom Grat gelangt man in ungefähr einer Marschstunde zur Hütte. Im Winter, wenn der See zugefroren ist, in der Hälfte der Zeit. Doch jetzt hielten die Reste von Eis höchstens noch einem Vogelgewicht stand. Der rote Punkt wuchs von Minute zu Minute. Als er endgültig menschliche Gestalt angenommen hatte und schliesslich an der Südspitze des Sees aus Els’ Blickfeld verschwand, weil ein naher Felsbuckel die Sicht verdeckte, zog sich Els in die Hütte zurück. In einer Viertelstunde würde der Gast den Rucksack auf der Vortreppe absetzen und polternd die Stufen zur Hüttentür hochsteigen. Els wollte nicht den Anschein erwecken, als warte sie auf irgendjemanden. Die Begegnung sollte so beiläufig wirken, wie sie es auch war. Eine geschäftliche Angelegenheit, keine Sensation. Els war nicht Doktor Livingstone. Hukejaure war nicht das Ende der Welt, sondern bloss eine Hütte unter vielen. Sörensen hatte von insgesamt achtundsechzig Hütten in den schwedischen Fjells gesprochen.
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