Es ist total peinlich, ich werfe den Kunden entschuldigende Blicke zu
Sie schaut mich an und meint, jetzt bin ich dran, jetzt soll ich Hallo sagen
„Hallo“, sage ich
Sie wirkt enttäuscht
Sagt, wenn ich so zugeknöpft bin, dann ist es sinnlos
Als ich nach Hause komme, weine ich
Ich will kündigen
Meine Freundin meint, dass es nur am Anfang so ist und dass ich mich daran gewöhnen werde
Ich sage, es fühlt sich so an, als würde ich mich prostituieren
Am Freitag gibt es eine Teamparty
Sie haben einen Club gemietet
Einen kleinen Keller in der Karl Johans Gate
Da ist ein Typ von einer Radioshow, die live übertragen wird
Ein anderer Typ schlägt mit einem Fisch auf ihn ein
Ich verstehe gar nichts
Alle lachen und stupsen mich an
Es sind viele Schweden da
„Geil“, sagen sie, „ sick .“
Ich tue so, als würde ich ebenfalls lachen, nicke und lächle und renke mir dabei fast den Kiefer aus
Aber so soll es doch nicht sein
Warum kann ich nicht über das Fischdings lachen?
Warum kann ich nicht einfach mit einem Bier in irgendeiner Ecke stehen und cool sein, so wie ich mir das vorgestellt habe?
Ich weine auf dem Klo
Sehe mich im Spiegel
Es fühlt sich an, als sähe ich irgendjemand anderen
Ich kündige
Ich tue nichts
Schaue jeden Tag Oprah und Dr. Phil
Lebe von Sozialgeld
Ich bin beim Arzt gewesen und habe Tabletten bekommen
Ich bin ganz leer
Die Tabletten helfen nicht
Ich gehe wieder zum Arzt
Er überweist mich an eine psychiatrische Polyklinik
Meine Therapeutin ist eine Sozialarbeiterin, die ein paar Kurse in kognitiver Gesprächstherapie belegt hat
Sie ist sehr unsicher
Schaut mir nicht in die Augen
Fragt mich, was mir fehlt, warum ich jemanden zum Reden brauche
Ich sage, dass ich jede Minute, die ich wach bin, ans Sterben denke, dass ich nachts davon träume
Dass ich mich selbst hasse und die meisten anderen Menschen auf der Welt verachte
Sie sagt, das hört sich schlimm an
Ich sage, das ist es auch, dass mir aber niemand helfen kann, auch sie nicht
Sie sagt, das werden wir sehen
Sie zeichnet Unmengen von Kreisen und Strichen auf eine Overheadfolie
Erklärt mir, dass man Gedankenmuster ändern kann
Ich beschließe, sie aus dem Konzept zu bringen
Starre sie an
Stelle ihr kritische Fragen, damit sie ins Stottern gerät
Sie stottert
Ich sage, dass ich jetzt losmuss, und gehe, bevor die Stunde um ist
Ich möchte nicht sterben
Ich träume, dass ich in meinem eigenen Blut bade und mir die Haut mit einem stumpfen Messer vom Körper kratze
Wenn ich nur irgendetwas ganz durchziehen könnte, aber ich bin feige und habe Angst
Vielleicht wenn ich Krebs kriegen würde, aber das ist leichter gesagt als getan
Ich trete, ohne links und rechts zu schauen, auf die Straße und rauche so viel ich kann
Nach dem Abendessen schlucke ich die dreifache Dosis von meinen Hirntabletten
Mein Körper ist auf einmal komplett gelähmt
Ich rufe den Notarzt
Die Frau am Telefon sagt, es wird nicht mehr passieren, als dass mein Körper für ein paar Stunden gelähmt bleibt, aber dass ich nicht sterben werde
Ich fange an zu weinen
Jetzt kann ich nicht mal fernsehen
Nächstes Mal springe ich, denke ich
Ich stelle mir die Leute vor, die mich finden
Meine zertrümmerten Arme und Beine
Das Trauma, das ich ihnen für den Rest ihres Lebens zufüge
Ich schlafe ein
Als ich aufwache, ist Weihnachten
Opa sagt, ich soll nicht so viele Rippchen essen
Ich frage ihn, was er damit sagen will
Er sagt, dass ich ganz schön auseinandergegangen bin
Ich sage, er ist selber auseinandergegangen, und laufe aufs Klo und weine
Die anderen müssen lang auf mich einreden, dass ich wieder hinunterkommen soll, damit wir Dessert essen und die Geschenke aufmachen können
Ich schreie, dass ich ihre beschissenen Geschenke nicht haben will
Dass sie die in ein rumänisches Kinderheim bringen sollen
Ich meine es nicht so
Klar will ich meine Geschenke
Ich gehe hinunter
Opa entschuldigt sich
Ich sage, ich will kein Dessert, weil ich zu fett dafür bin
Dann lachen wir alle, und ich esse eine doppelte Portion Milchreis
Die Leute starren mich an
Auf der Straße
Überall
Ich beschimpfe eine Frau in der Straßenbahn
Sage, dass sie ein schlechter Mensch ist und dass Leute wie sie die Welt kaputtmachen
Sie schaut weg
Ich sage, ja, das soll sie ruhig machen
Sie kann einfach wegschauen, aber das macht alles nur schlimmer
Ich frage, ob irgendetwas Abnormales an mir ist
Sie schüttelt den Kopf
Ich sage, sie ist diejenige, die abnormal ist
Dass sie hässliche Kleider hat und Falten im Gesicht
Ich sage, ihr Geld wird sie nicht vor dem Untergang retten
Dass man so einen Pelzmantel nicht mitnehmen kann in die Hölle
Dass sie den Verputz in ihrem Gesicht wohl nicht mal mit einer Hacke abbekommt
Ich sage, sie und alle, die sie liebt, werden eines Tages sterben, und es gibt nichts, was sie dagegen tun kann
Sie hat eine Tüte aus einem Designerladen in der Hand
Ich reiße die Tüte an mich und kippe den Inhalt auf den Boden
Heraus fallen ein Seidenkleid, ein Schal und ein Blazer
Ich trample darauf herum
Reibe das Zeug in den versifften Boden
Dann springe ich aus der Straßenbahn und renne
Ich gehe in ein Café
Alle starren
Ich gehe nach Hause
Schließe die Tür ab
Mache das Handy aus
Ich zittere
Verhänge alle Spiegel in der Wohnung
Schalte den Fernseher an
Zünde mir eine Zigarette an
Schalte den Fernseher aus
Lege mich unter die Decke
Ich mache die Augen zu
Mache sie auf
Mache sie zu
Schalte den Fernseher wieder an
Es läuft eine Dokumentation über die Mayas
Sie sagen, dass der Maya-Kalender mit dem Jahr 2012 endet
Ich drehe die Lautstärke so hoch wie möglich
Sie reden über die Zahl 23
Allmählich zähle ich eins und eins zusammen
23 verfolgt mich
23 ist überall
Ich fange an, alles zusammenzuzählen
Alles ergibt 23
Ich sehe immer deutlicher, wie alles miteinander verbunden ist
Gehe am 23. nicht mehr aus dem Haus
Ich habe Angst, aber gleichzeitig bin ich froh, etwas so Wichtiges erkannt zu haben
Ich rede mit Mama
Ich sage, dass ich ihr ein Geheimnis anvertrauen muss
Dass sie sich vor der Zahl 23 in Acht nehmen soll
Sie sagt, das ist völliger Quatsch
Ich werde wütend
Sage ihr, sie soll aufpassen, und dass die Dinge nicht so sind, wie sie glaubt
Sie fragt, was ich damit meine
Ich sage, dass ich das am Telefon nicht erklären kann und dass ich auflegen muss
Ich bin nachts wach und lese im Internet über die Zahl 23
Es gibt mehrere Leute, denen etwas dazu aufgefallen ist
Mama fragt mich, ob ich genug schlafe
Ich lüge und sage ja
Sie findet, dass ich krank aussehe
Ich sage, Kranksein ist relativ, und dass ich erst jetzt wirklich gesund bin
Ich sage ihr, wenn eine von uns krank aussieht, dann sie
Ich gehe nicht aus dem Haus, außer, um Essen von McDonald’s zu holen oder zum Zigarettenkaufen
Meine Freundin sagt, dass sie sich Sorgen macht und dass es für sie so nicht weitergehen kann
Ich sage, dann muss sie sich eben eine neue Freundin suchen
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