»Das ist einer, der Heu abbrennt, er will damit Signale senden.«
»Signale an wen?«
»Niemanden wahrscheinlich. So sind die Leute heutzutage auf dem Land.«
»Irgendwie süß.«
»Der da ist aber ein Mörder. Die bringen Leute um, dann fühlen sie sich einsam und brennen Heu ab, um auf sich aufmerksam zu machen. Wenn ich ihm tagsüber begegne, senkt er ängstlich den Blick.«
An diesem Ort herrschte eine solche Stille, dass Cuilan nicht einschlafen konnte. Schließlich döste sie weg, schreckte aber bald wieder aus dem Halbschlaf, weil sie vor der Tür Stimmen hörte.
»Wir können auch welches abbrennen. Erst sensen wir das Gras, dann lassen wir es in der Sonne trocknen und zünden es an. Das ist gar nicht schwer, Wei Bo macht es genauso.«
Ihr Cousin hatte den Namen Wei Bo eigens betont.
Cuilan sprang auf. Zum ersten Mal seit ihrer Abreise hörte sie diesen Namen. Verdammt, woher kannte ihr Cousin Wei Bo? Sie drückte die Tür einen Spaltbreit auf und sah den Cousin und seine Frau mit baumelnden Beinen im dichten Geäst des hohen Kampferbaums sitzen. Begleitet vom zikadenhaften Zirpen seiner Frau redete der Cousin weiter.
»Morgen Nachmittag gibt es Südwind, die ganze Ebene wird niederbrennen. Wir sind keine Mörder. Wir müssen vor niemandem das Haupt beugen.«
Zwei dumpfe Schläge. Die beiden waren vom Baum gefallen. Sie stöhnten laut auf. Schnell lief Cuilan zu ihnen hin.
»Warum ist die Sitzbank weg? Warum?«, fragte die Frau.
Cuilan war sprachlos. Die beiden mussten extrem robust sein. Sie selbst wäre bei einem solchen Sturz vermutlich ums Leben gekommen.
Gerne hätte sie den zwei Alten aufgeholfen, doch sie fürchtete, etwas falsch zu machen, falls sie sich etwas gebrochen hatten. Besser, sie fragte erst einmal nach. Doch noch während sie sich ihnen näherte, rappelten der Cousin und seine Frau sich wieder auf die Beine. Nicht zu fassen , dachte Cuilan.
Die Frau humpelte ins Haus. Der Mann blieb, wo er war, und sah sich nach allen Seiten um. Cuilan folgte seinen Blicken, konnte aber nichts Ungewöhnliches feststellen. Dann zündete der Cousin sein Feuerzeug an und hielt die Flamme hoch. Eine Weile verstrich, bis er das Feuerzeug zuschnappen ließ und wegsteckte.
»Wem galt dieses Signal?«
»Niemandem.« Ihr Cousin lachte.
»Kommt euch denn hier in der Einsamkeit ab und zu jemand besuchen?« Es hatte Cuilan allen Mut gekostet, die Frage zu stellen.
»Du willst wohl in meiner Vergangenheit herumstochern, wie? Tut mir leid, Cuilan, aber bestimmte Dinge behalte ich für mich. Es gibt so manches, über das man hier nicht spricht. Ich weiß, dass du wissen möchtest, warum meine Frau und ich in diesem Baum gesessen haben. Gut, ich sage es dir: Wir wollen weg vom Lärm hier unten. Wir brauchen Ruhe, um ein paar wichtige Entscheidungen zu treffen.«
»Weg vom Lärm hier unten?«, Cuilan runzelte die Stirn.
»Genau. Du hast es sicher auch gehört. Oder warum bist du sonst aufgewacht?«
»Ich bin aufgewacht, weil ihr so laut geredet habt.«
»Das bildest du dir ein. Du warst sicher schon vorher wach.«
Cuilan dachte schweigend nach. Dann sagte sie: »Du, könnte ich nicht hierher zu euch ziehen? Vielleicht könnte ich dort drüben ein Haus für mich bauen?«
»Nein, Cuilan, das kannst du nicht. Dafür ist es zu spät. Man kann nicht einfach tun und lassen, was man will.«
Inzwischen dämmerte es bereits. Wie konnte es sein, dass es schon hell wurde, obwohl sie noch gar nicht geschlafen hatte? Ihr Cousin kniff die Augen zusammen und starrte in die Ferne. Seinem Blick folgend sah sie die roten Feuerbälle durch den Morgendunst rollen. Ob es wirklich Wei Bo war?
Als sie zusammen ins Haus gingen, sagte ihr Cousin völlig unvermittelt: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen.«
Seine Frau stellte einen großen Topf Reissuppe und zwei Teller mit eingelegtem Gemüse auf den Tisch, hockte sich dann auf einen Schemel und weinte. »Sie trauert um ihre verlorene Jugend«, erklärte der Cousin, beugte sich zu seiner Frau und streichelte ihr über den Rücken. Allmählich beruhigte sie sich und nahm ebenfalls am Tisch Platz. Cuilan zuckte erschrocken zusammen, als die Frau plötzlich wieder laut und schrill zirpte wie eine Zikade.
Das Frühstück zog sich ziemlich lange hin, weil das alte Paar immer wieder die Essstäbchen ablegte und hinausging, um nach etwas Ausschau zu halten. Cuilan folgte ihnen, doch außer den Feuerbällen in der Ferne gab es nichts zu sehen. Bald darauf waren auch sie verschwunden.
»Ständig kommen Leute von außerhalb hierher, kaufen und verkaufen Brachland und verschwinden dann wieder spurlos. Ich werde niemals schlau werden aus dieser Bande.«
Der Cousin sagte das mit einem Lächeln. Cuilan sah in sein vom Leben gezeichnetes Gesicht. Er liebt dieses Dasein wirklich sehr , dachte sie beschämt.
Während die beiden Alten tagsüber auf dem Feld arbeiteten, hing Cuilan unter dem Kampferbaum ihren Gedanken nach.
Wie einsam und verlassen diese Gegend war! Vielleicht stimmte etwas mit ihren Ohren nicht; jedenfalls konnte sie nichts vom Lärm der Erde hören, der ihren Cousin so störte. Sie schämte sich dafür. Und es gab noch etwas, das sie sich nicht erklären konnte: Östlich des Hofs ihres Cousins hatte früher ein Dorf gelegen, nämlich das Dorf, in dem Cuilans Eltern gelebt hatten. Als sie noch jünger war, hatte sie sie dort regelmäßig besucht. Vor zehn Jahren, bei ihrem letzten Besuch im Haus des Cousins, hatten die alten Häuser noch gestanden. Wo war das Dorf hin? Sie wollte den Cousin später danach fragen. Vor ihrem inneren Auge sah sie die Bilder eines dichten Hains von Ahornbäumen neben einer nicht gerade kleinen Ansammlung von mit Pfaden verbundenen, gekachelten Häusern. Sie wandte ihren Blick nach Osten. Weit und breit nichts als Brache.
Wie wäre es, schoss ihr plötzlich durch den Kopf, mit Wei Bo hier zu leben? Zu schade, wirklich zu schade, dass der Cousin gesagt hatte, dafür sei es zu spät. Er musste seine Gründe haben. Abgesehen davon hatte Wei Bo seine Verpflichtungen. Aber dieser Herr You zum Beispiel? Der Aufenthalt auf dem Land beeinflusste ihre Vorlieben, auf einmal erschien ihr Herr You gar nicht mehr so übel. Vielleicht war sein dandyhaftes Auftreten nur Show, schließlich trug jeder eine Maske. Sie selbst mochte anderen wie eine bessere Hure vorkommen, wer wusste das schon.
Cuilan hatte für ihren eigenen Tod keine Vorkehrungen getroffen, sie war erst fünfunddreißig. Der gelegentliche Gedanke an den Tod flößte ihr keine Angst ein. Sie sagte sich, dass sie jederzeit einen Nachbarn oder einen Kollegen bitten könnte, ihren Leichnam ins Krematorium zu schicken und die Asche wegzuwerfen, fertig. In diesem Augenblick jedoch überkam sie eine unerklärliche Sehnsucht, hier und nirgends sonst zu sterben. Der Gedanke hatte sie einfach überrumpelt. Von ihrem schattigen Platz unter dem Baum aus ließ sie das goldene Abendlicht ringsum auf sich wirken. So musste der Jüngste Tag aussehen, dachte sie. Die Vorstellung machte sie sentimental. Seit sie hier war, war sie ständig sentimental. Sonst neigte Cuilan überhaupt nicht zu Sentimentalität.
Es konnte kein Zufall sein, dass Wei Bo auf ihren Cousin gestoßen war. Sie und Wei Bo waren schicksalhaft miteinander verbunden, so viel schien sicher. Oft, wenn sie den Sonnenuntergang betrachtete, sinnierte sie über diesen Begriff der schicksalhaften Liebe, yinyuan . Natürlich hatte Wei Bo ihr Zusammentreffen im Wellnesshotel vergangenes Jahr geplant.
Bei Sonnenuntergang kochte Cuilan etwas zu essen und wartete auf den Cousin und seine Frau. Sie brannte im und vor dem Haus Beifuß ab, sodass alles von seinem süßlichen Duft erfüllt war. Dann wartete sie weiter, aber die beiden kamen nicht. Der Mond war längst aufgegangen und in der Ferne erschien wieder ein Feuerball. Diesmal stand er einfach unbeweglich da, wechselte die Farbe von rot zu schwarz und wieder von schwarz zu rot. Es sah keineswegs so aus, als ob jemand auf dem Brachland Gras abbrannte. Wenn es sich um Wei Bo handelte, würde er ihrem Häuschen an diesem Abend womöglich die Ehre seines Besuchs erweisen?
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