Einmal, er und Cuilan waren mitten in der Nacht aufgewacht, geschah etwas Seltsames. Er stand auf, um sich in der Küche etwas zu trinken zu holen. Dort goss er sich heißes Wasser aus der Thermoskanne ein, setzte sich und wartete einen Moment, bis das Wasser abgekühlt war, bevor er trank. Da hörte er plötzlich eine Männerstimme aus einer dunklen Ecke des Raumes, die Worte waren undeutlich und klangen nach Dialekt. Wei Bo erhob sich, um den großen Schrank in der Ecke in Augenschein zu nehmen.
Und tatsächlich stand dort ein Mann mittleren Alters hinter dem Schrank, ein eleganter und kultiviert wirkender Mann. Er bedeutete Wei Bo mit einer Geste, dass er sich nicht erschrecken solle.
»Ich bin ein Freund von ihr«, sagte er leise. »Ich komme regelmäßig hierher und verstecke mich. Sie werden das vermutlich höchst merkwürdig finden, aber ich habe einfach das Bedürfnis danach. Seien Sie mir bitte nicht böse. Cuilan ist der funkelnde Diamant in einer dreckigen Stadt.«
Auf Zehenspitzen glitt er theatralisch zur Tür und ging hinaus. Wei Bo stand wie angewurzelt da. Er fragte sich, ob er träumte.
»Das war der Schlafwandler!«, erklang Cuilans Stimme.
»Wie kommt der denn hier herein?«, fragte Wei Bo ratlos.
»Mit dem Schlüssel, wie sonst?«
»Und du bist nicht davon ausgegangen, dass ich etwas dagegen haben könnte?«
»Der Schlafwandler irrt die ganze Nacht in der Stadt herum, wir sollten Mitleid mit ihm haben.«
Eine Flamme züngelte in Cuilans verschatteten Augen. Wei Bo verstummte.
Den Rest der Nacht lagen sie wach und unterhielten sich. Sie redeten über ihre frühe Kindheit, eine Zeit, in der die Stadt noch eine vollkommen andere war. In Gedanken liefen sie all die alten Wahrzeichen ab. Sie schworen sich, bei Tagesanbruch loszuziehen, um diese Orte aufzusuchen und nachzusehen, wie sie sich verändert hatten.
An diesem Punkt in seiner Erinnerung ließ Wei Bo sich auf eine der Steinbänke sinken. Er sah, wie sich jemand seinem Haus näherte. Erst als sie fast schon bei der Tür war, erkannte er seine Frau. Sie war ganz schön spät dran.
Um aus ihrem Gefühlswirrwarr auszubrechen, nutzte Cuilan ihren Resturlaub und fuhr aufs Land. Ein Cousin väterlicherseits lebte in einem Dorf im Osten. Er war schon etwas älter, und da die Kinder bereits aus dem Haus waren, lebten er und seine Frau allein dort. Sie besaßen anderthalb Hektar Reisfelder, Gemüseäcker, Hühner und Enten und führten ein friedliches Leben.
Cuilan stieg aus dem Fernreisebus und ging die gepflasterte Straße hinunter. Bis zum Haus ihres Cousins waren es etwa drei Kilometer. In jenem Haus hatte Cuilan ihre Kindheit verbracht, seither war sie nur zweimal dort gewesen. Obwohl das Haus mittlerweile so gut wie leer war, bedeutete es ihr noch immer viel. Die Landschaft vor ihren Augen allerdings wirkte fremd; abgesehen von der Kopfsteinpflasterstraße schien alles ganz anders als zuvor. Wo waren die beiden Hügel entlang der Straße hin? Die Trauerweiden, der Kampferbaum, die verfallenden Höfe unter den Bäumen? Zu beiden Seiten der Straße lag nichts als ödes, von Unkraut überwuchertes Brachland. Irgendwann tauchten zwei ausgehungerte Köter auf, die geradewegs auf sie zurannten, dann wild kläffend um sie herumsprangen und anschließend wieder ins Nirgendwo verschwanden. Vor lauter Angst war sie schweißgebadet. Etwas sagte ihr, dass ihr Cousin und seine Frau nicht mehr auf der Welt waren und dass ihr auf dieser Reise Seltsames widerfahren würde.
Als sie endlich das vertraute kleine Lehmziegelhaus mit der halb verfallenen Mauer erreichte, war sie völlig erschöpft. Ihr kam es so vor, als wäre sie mindestens fünf Kilometer gelaufen. Der alte, verwachsene Kampferbaum umfing das Haus wie ein böser Drache. Endlich fühlte sie sich daheim.
»Niu Yiqing!«, rief sie, ohne sich weiter Gedanken zu machen. »Niu Yiging!«
Zunächst hörte sie, wie quietschend die alte Holztür aufging, dann traten ihr Cousin und seine Frau heraus unter den niedrigen Dachvorsprung. Beide waren ungewöhnlich klein und auffallend dunkel, Cuilan erkannte sie kaum wieder. Sie fragte sich, ob der Kampferbaum mit seiner bösen Drachennatur ihnen alle Lebenskraft geraubt haben könnte. Sie sah nach oben. Die Blätter des Baumes hoben sich tatsächlich tintenschwarz vom blauen Himmel ab und noch dazu glänzten sie metallisch.
»Komm herein, komm herein und nimm Platz!« Die Stimme der Frau ihres Cousins klang wie das Zirpen einer Zikade.
Von den fünf Zimmern, über die das Häuschen ursprünglich verfügt hatte, waren zwei eingestürzt. Eines der verbliebenen drei diente als Wohnzimmer, die anderen beiden waren Schlafzimmer. Jeder Raum war klein und düster. Die Frau des Cousins humpelte in die Küche im hinteren Teil des Hauses. Ihr Bein war vor langer Zeit, als die Produktionsbrigade das Wasserreservoir angelegt hatte, zerschmettert worden und nie richtig verheilt. Der Cousin saß still rauchend da, als hätte er Cuilans Anwesenheit schon wieder vergessen. Sie ließ ihren Blick durch das vertraute Wohnzimmer schweifen. Alles schien wie zuvor, und doch war etwas anders. Sie überlegte einen Moment, bis es ihr einfiel – bei ihrem letzten Besuch hatte eine große, gerahmte Fotografie an der Wand gehangen; der verstorbene Vater ihres Cousins, ihr Onkel, hatte man ihr erklärt. Cuilan fand, der alte Mann habe ihr sehr geähnelt. Jetzt war die Wand kahl und leer.
»Du scheinst dein Leben gut im Griff zu haben, Yiqing.« Es gelang ihr nicht mehr, sich zurückzuhalten.
Bevor ihr Cousin antworten konnte, kam seine Frau herein und stellte gebratene Spiegeleier auf den Tisch. Es waren vier Eier. Von ihren Erinnerungen überwältigt, fing Cuilan beim Essen an zu weinen. Nachdem sie aufgegessen hatte, trocknete sie ihre Tränen und wandte sich an den Cousin: »Warum bist du noch nicht in Rente?«
»Ich bin noch nicht so weit«, antwortete er schnell. »Hier in der Heimat zu sein macht mich zufrieden und glücklich.«
Während er redete, zirpte seine Frau wieder wie eine Zikade. Ob es sich um ein Lachen handelte oder einfach um ein Geräusch der Zustimmung, konnte Cuilan nicht sagen. Sie spürte nur, wie glücklich die Frau war, und überreichte ihr jetzt das mitgebrachte Gastgeschenk. Die Frau nahm es entgegen und humpelte damit ins Nebenzimmer.
»Und wie verbringt ihr eure Tage?«, fragte Cuilan leise.
»Ich analysiere die Bodenqualität. Jeden Tag ändere ich etwas an der Zusammensetzung der Erde und der Samen, so lerne ich nach und nach, die Beschaffenheit des Bodens zu verstehen. Außerdem beobachte ich das Klima. Meine Frau betreibt das mit noch größerer Leidenschaft, manchmal sitzt sie die ganze Nacht auf einem Schemel zwischen den Feldern.«
Als seine Frau wieder zurückkam, verstummte er. Dann zeigte er mit dem Finger auf sie. »Sieht sie nicht aus wie eine Zikade, Cuilan? Ständig ahmt sie den Gesang der Zikaden nach!«
Cuilan lachte und ertappte sich bei dem Gedanken, wie schön das Leben auf dem Land sei. Beim Anblick der kleinen Frau mit der dunklen, gegerbten Haut rief sie sich ihr Gesicht von früher in Erinnerung. Sie war immer eine stämmige, rundliche Bauersfrau gewesen und ganz gewiss nicht so zierlich und dunkel. Ob die Beinverletzung sie so sehr verändert hatte? Es war nicht unbedingt eine Veränderung zum Schlechten. Cuilan spürte die ungewöhnliche geistige Energie, die von der Frau ausging. Wie viele Menschen auf der Welt konnten schon so hervorragend das Zirpen von Zikaden imitieren! »Die Luft in der Stadt ist furchtbar verschmutzt im Vergleich zu unserer Heimat!«, rief Cuilan aus.
»Mein wahres Ideal ist aber immer noch die Stadt«, entgegnete der Cousin.
Am Abend brannten sie große Mengen Beifuß ab, um die Mücken zu vertreiben. Cuilan hockte in den Rauchschwaden, fühlte sich wie in einem Wunderland und bereute, nicht öfter nach Hause zurückgekehrt zu sein. Sie stand im Mondlicht auf der Tenne und spähte hinaus in die Nacht, wo in weiter Ferne dunkelrote Feuerbälle tanzten, unheimlich und anziehend zugleich. Sie fragte ihren Cousin danach.
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