Anita schlug ihre Ausgabe von Der Notarzt auf, überflog die Zusammenfassungen der Artikel und begann ein Quiz, bei dem man verschiedene EKGs den passenden Diagnosen zuordnen sollte, vertiefte sich in die verschiedenen Ableitungen, die Feinheiten von Erregung und Erregungsrückbildung, Wellen, Flattern und Flimmern.
»Hey, wir kennen uns doch«, sagte jemand hinter ihr. Ein Mann, der sich an einem der anderen freien Tische niedergelassen haben musste. Anita legte eine Pause in ihrem EKG-Rätsel ein. Sie hatte diese Stimme schon einmal gehört, eine Stimme, die weder besonders hoch noch besonders tief klang, und doch in ihrem Gedächtnis geblieben war durch die Weise, wie sie in einem Moment verlebt und kratzig geklungen hatte, in nächsten jungenhaft klar. Sie drehte sich um.
»Hallo Rio. Das ist ja eine Überraschung.«
»Wirklich, so ein Zufall. Geht’s dir gut?«
»Bestens«, sagte Anita. »Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen.«
»Stimmt. Das muss irgendwann im letzten Sommer gewesen sein, oder? Auf irgendeiner Party. Fragt sich nur, auf welcher.«
»Das war im Mai, glaube ich. Oder Juni?«, sagte Anita und sah ihn an. Sah das kräftige Kinn, die große, aber ebenmäßige Nase, die an den Seiten kurz rasierten Haare und die etwas längeren Locken, die oben auf seinem Kopf saßen wie eine Schaumkrone auf einem Bier.
»Ich komme noch drauf. Ganz bestimmt«, fügte Anita hinzu. Und als Rio sie anlächelte, bemerkte sie den Ansatz erster Falten um seine Augen. Überhaupt, diese Augen. Sie waren blau, und in der Iris seines linken Auges entdeckte Anita einen kleinen braunen Fleck, eine Farbanomalie.
»Ich hab’s«, sagte Anita. »Das war im Juni. Auf der Geburtstagsparty von Maik.«
»Aber klar, jetzt wo du es sagst … Du bist eine Kollegin von Maik.«
»Und du bist ein Freund von ihm.«
»Ja. Auch«, sagte Rio und holte eine Packung Tabak hervor. »Um ehrlich zu sein, bin ich damals über Theo da hingekommen. Maiks Freund.«
»Ex-Freund, inzwischen«, sagte Anita.
»Ach ja, stimmt. Schade«, sagte Rio, während er ein Blättchen aus einem Heft pfriemelte und sich eine Zigarette drehte.
»Das finde ich auch«, sagte Anita.
»Und du warst mit deinem Sohn da. Lukas, oder? Und deinem Mann.«
»Ex-Mann, inzwischen.«
»Oh. Ich wollte nicht …«
»Kein Problem. Ich wollte auch nicht …«
Es folgte eine winzige Stille, in die sie beide fast gleichzeitig hineingrätschten, Anita setzte gerade an, da hatte Rio schon begonnen:
»Erwartest du noch jemanden?«
»Warum?«
»Ich dachte nur, wegen dem Tee«, sagte er und warf einen Blick auf das Glas mit dem inzwischen erkalteten Wasser, in dem die Minzeblätter schwammen, was zugegebenermaßen schön aussah, das satte Grün in der klaren Flüssigkeit.
»Ach das, das war ein Fehler.«
»Du trinkst Wein?«
»Kann man das nicht machen? Doch, oder? Also, am Nachmittag Wein trinken?«
»Natürlich. Klar. Wein am Nachmittag ist vollkommen okay.«
»Dann kannst du ja auch einen trinken. Also, natürlich nur, wenn du Lust hast«, sagte Anita.
»Gern. Ich müsste nur einmal kurz telefonieren und einen Kunden abwimmeln.«
Rio nahm sein Telefon. Während er wählte und auf Antwort wartete, versuchte Anita, sein Alter zu schätzen. Er hatte einen rötlichen Bart mit hellen Flecken, die ebenso blond sein konnten wie grau. Wie generell bei bärtigen Männern, fand Anita es schwer zu sagen, ob er Mitte zwanzig oder Mitte vierzig war.
»Hallo. Ich wollte nur sagen, dass ich Ihnen das Angebot erst morgen schicken kann. Tut mir echt leid, mir ist etwas Wichtiges dazwischen gekommen, hier, auf der Arbeit, ein anderer Auftrag, das müssen wir jetzt erst einmal abarbeiten.«
Das Telefon noch am Ohr, legte er ein Feuerzeug mit der Aufschrift I love Berlin und die fertiggedrehte Zigarette auf den Tisch. Anita hatte noch nie so eine schöne selbstgedrehte Zigarette gesehen.
»Na, im Laufe des Tages«, sagte Rio dann und als er erneut der anderen Stimme zuhörte, schob er Feuerzeug und Zigarette auf dem Tisch hin und her.
»So genau kann ich das nicht sagen, aber ich tue mein Bestes, okay? Wir können ja später noch mal ausführlicher sprechen«, sagte Rio und steckte sich die Zigarette zwischen die Lippen, wodurch das »Aber vielen Dank, ja? Für Ihre Geduld. Tschüss«, mit dem er das Gespräch beendete, etwas genuschelt klang. Er legte das Telefon weg und nahm noch in derselben Bewegung das Feuerzeug vom Tisch, zündete die Zigarette an, wandte sich Anita zu und sagte:
»So. Feierabend.«
»Also, ich trinke hier Chardonnay.«
»Ist der gut?«
»Ja. Kalt. Also, weiß nicht. Ich habe keine Ahnung von Wein«, sagte Anita.
»Ich auch nicht.«
»Um ehrlich zu sein, sind mir Leute, die sich mit Wein auskennen, immer ein bisschen suspekt«, sagte Anita, worauf Rio erneut lächelte.
»Ich trinke eigentlich ohnehin lieber Gin Tonic«, sagte Rio. »Die haben hier doch was zu essen, oder?«
»Das ist eine Art Speisekarte. Da stehen aber auch die Getränke drin. Hinten, hier, unter ›Getränke‹. Aber eben auch Speisen. Essen. Suppen.«
»Hm. Suppen sind ein bisschen warm bei der Hitze, oder? Außer sie sind kalt. Also. Gurkensuppe oder so.«
Anita beruhigte sich langsam, weil sie merkte, dass Rio ebenso durcheinander redete wie sie selbst. Sie musste sich erst wieder daran gewöhnen, mit fremden Männern zu sprechen. Früher hatte sie das gut gekonnt, doch in den letzten Jahren hatte sie in solchen Gespräche stets versucht, den optimalen Zeitpunkt zu finden, um ihren Mann und ihren Sohn zu erwähnen und damit zu zeigen, dass sie kein Interesse an Bekanntschaften erotischer oder gar romantischer Natur hatte – nun musste sie es genau anders herum machen.
»Eigentlich hätte ich heute meinen Sohn gehabt«, sagte Anita. »Aber das hat sich dann nicht ergeben.«
»Wie alt ist dein Sohn eigentlich?«
»Wieso? Hast du auch einen?«
»Ne. Nur so. Ist nicht so wichtig.«
»Aber ist ja auch kein Geheimnis. Vierzehn. Heute schläft er nun doch nicht bei mir.«
»Okay?«, sagte Rio, und Anita fragte sich, ob dieses Gespräch dadurch einen schlüpfrigen Unterton bekommen hatte. Als sie diese Frage für sich mit Ja beantwortete, stellte sie fest, dass ihr das nicht unangenehm war. Sie hatte das Gefühl, einem Menschen gegenüber zu sitzen, der vielleicht noch nicht wusste, was er von ihr halten sollte, aber zumindest nichts gegen sie hatte.
»Und da habe ich halt gedacht, dass ich mal wieder am Nachmittag in ein Café gehen könnte.«
»Ja, lustig, oder?«, sagte Rio. »Ich war auch ewig nicht mehr nachmittags einfach so was trinken.«
»Das mit deinem Kunden, das hast du ja gut hingekriegt.«
»Kann man sowas machen? Oder war das nicht okay? O Gott, jetzt komme ich mir ja wie ein richtiger Lügner vor.«
»Oder wie ein Mensch mit Verhandlungsgeschick. Und einem sicheren Job«, sagte sie. »Also, nicht, dass ich da so genau hingehört habe. Es geht mich ja nichts an.«
»Wir haben gerade einen ziemlich ungeduldigen Kunden. Eine Unternehmensberatung«, sagte Rio.
»Bist du nicht Bootsbauer? Ich glaube, du hattest das damals erzählt.«
»Das bin ich. Wir machen das manchmal so nebenbei, Segeln gehen. Mit Gruppen. Firmen, meistens, das ist irgendwie gut, wenn man ein paar Tage an der frischen Luft was zusammen macht. Für das Betriebsklima. Ich bin dann der Skipper.«
»Also du segelst das Boot, und dann ist da noch ein Psychologe dabei? Ein Coach.«
»Gerade nicht. Das ist, glaube ich, der Trick. Das Segeln ist der Coach. Und das Boot. Alle halten zusammen, kommen zusammen voran. Das reicht«, sagte Rio und nahm einen Zug von seiner Zigarette. »Du bist Ärztin, oder?«
»Ja«, sagte sie, dann schwiegen sie beide für einen Moment, und es war Anita, die das Gespräch wieder aufnahm.
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