Das finde ich nun wieder großartig von British Airways . Dass sie für die wenigen Besitzer französischer Leuchter, die unter Mitnahme ihres Leuchters nach Heathrow fliegen und von dort aus Richtung Gatwick weiterreisen müssen, einen solchen Service anbieten!
Wenn ich aber sagen sollte, woran mich der Beuteltropfen-Service in Wahrheit noch erinnert: Es ist der Brief von Herrn S. aus Unterschleißheim, der schrieb, er grübele seit Längerem »über die Aufforderung an den Zapfsäulen der Tankstellen, man solle ›Blasenfrei zapfen‹. Die ›Zapfpistole‹ ließ sich ja nicht beeinflussen, Blasen zu bilden oder nicht«. Aber gerade jetzt, schreibt S., da er »überlege, ob es nicht doch eine Anspielung auf die Probleme älterer Männer ist, scheint die Aufforderung zu verschwinden«.
Stattdessen aber gibt es ja nun den Beuteltropfen-Service, vielleicht gerade auch für ältere Herren.
Noch später verstand ich dann, dass der »Beuteltropfen-Service« eigentlich ein Bag Drop Service ist. Man kann dort also seine Tasche abgeben, droppen , aber Bag heißt eben nicht nur »Tasche«, sondern auch »Beutel« und Drop nicht nur abgeben, sondern auch »Tropfen«, und so ist es im Grunde ja auch viel schöner, rätselhafter, weiterführend.
Wir sitzen beim Frühstück, und Luis fragt: »Wovon gibt es eigentlich mehr: Wörter oder Menschen?«
Das sind Fragen, die mir gefallen. Wenn ich mir zehn Gründe überlegen müsste, warum es schön ist, Kinder zu haben, dann wäre einer der ersten drei Punkte auf dieser Hitliste: dass sie einem solche Fragen stellen.
Paola sagt: »Das ist eine sehr gute Frage, Luis.«
»Ja, aber die Antwort«, sage ich.
Es entsteht eine Pause. Dann sage ich: »Kommt darauf an, ob du nur jeweils das einzelne Wort meinst, oder ob man die Wiederholung eines Wortes mitzählt. Also, wenn ich ›Wolkenkuckucksheim, Wolkenkuckucksheim, Wolkenkuckucksheim‹ sage, sind das drei Wörter, oder ist es eines?«
»Ist egal«, sagt Luis.
»Ist es nicht«, sage ich. »Wenn es drei Wörter sind, ist die Zahl der Wörter größer als die der Menschen, wenn nicht – dann weiß ich es nicht.«
»Natürlich ist es ein Wort«, sagt Paola. Menschen seien unterschiedlich, also müssten es auch die Wörter sein.
»So unterschiedlich sind die Menschen auch wieder nicht«, sage ich. In irgendeinem Erziehungsbuch habe ich mal gelesen, es sei nicht wichtig, ob man einem Kind eine richtige Antwort gebe. Sondern es komme darauf an, dass man sich bei der Fragenbeantwortung Mühe gebe, und dass man auch sage, wenn man eine Antwort nicht wisse, damit das Kind lerne, dass seine Eltern nicht perfekt seien. Es verstehe dann, dass es selbst nicht vollkommen sein müsse.
Aber mich interessiert die Sache jetzt. Ich ziehe den Rechtschreib-Duden aus dem Regal und zähle die Zahl der Einträge, also die fett gedruckten in zehn Spalten, addiere das, teile durch zehn und habe eine Durchschnittszahl von Wörtern pro Spalte. Dann zähle ich die Spalten, multipliziere sie mit der Durchschnittszahl der Wörter und komme auf 124.410 Wörter.
»Es gibt mehr Menschen«, sage ich, »ganz klar.«
»Manche Wörter stehen nicht im Duden«, sagt Paola.
»Ganz klar«, sage ich und hole Band zwei des Grimmschen Wörterbuches, Biermörder bis Dwatsch . »Hört mal, was es hier für Wörter gibt!«, sage ich. »Bittrigkeit, Duzbrüdericht, Davidsschleuderstein, Bohnenkönig, dunstgeboren. Da ist manches Wort für zwei, drei Menschen gut.« Dann zähle ich die Stichwörter wie beim Duden und komme auf 1.130.320 Wörter in den 32 Bänden. Ich errechne die ungefähre Zahl aller Wörter (also auch die der erklärenden nach den Stichwörtern) im gesamten Grimmschen Wörterbuch: 78.724.800.
»Da sind Wörter doppelt drin«, sage ich. »Aber bei 80 Millionen Deutschen, hmm … Sind wir nahe dran mit den Wörtern. Und die meisten modernen Wörter kommen wiederum im Grimmschen nicht vor.«
»Und es gibt die Österreicher«, sagt Paola. »Und die deutschsprachigen Schweizer.«
»Wie es in China ist, weiß ich nicht«, sage ich. »Weiß der Henker, wie viele Wörter die Chinesen haben.«
»Es gibt sicher kleine Südseevölker mit eigener Sprache, die haben mehr Wörter als Menschen«, sagt Paola.
»Wie kamst du auf die Frage, Luis?«, frage ich.
»Weiß nicht«, sagt er und blättert im Micky-Maus-Heft der Woche.
Die Bonusmeile ist in aller Munde, aber haben wir ihre gesamtwirtschaftliche Bedeutung wirklich ganz erkannt? Im Economist war zu lesen, zur Zeit seien etwa hundert Millionen Menschen auf der Welt an irgendwelchen Meilensammelprogrammen beteiligt. Sie hätten 8,5 Billionen nicht eingelöste Meilen auf ihren Konten gelagert, einen Gesamtwert von 550 Milliarden Euro repräsentierend: mehr als zwei komplette deutsche Bundeshaushalte. Der Spiegel prophezeite, eines Tages dürfte die Bonusmeile den Dollar als Weltleitwährung abgelöst haben.
Man stelle sich vor, all diese Menschen würden ihre ersparten Meilen mit einem Schlag einlösen wollen. Riesige Schlangen vor den Flughäfen, Menschentrauben vor den Schaltern, an den Tragflächen hängende Senator-Card -Besitzer, zwei Frequent Traveller auf einem Economy-Class -Sitz. Die Meile müsste abgewertet werden, es gäbe keine Flüge mehr dafür, nicht einmal Pilotensonnenbrillen oder Bordtrolleys aus dem Lufthansa-Skyshop . Nur noch Bahnausflüge nach Cottbus (mit dem Meilzug!) oder eine Familienkarte für die Wuppertaler Schwebebahn.
Weltumwallende Wut! Gestürmte Reisebüros! Revolution! Man mag sich das nicht weiter ausmalen. Lieber stellen wir uns vor, alle Bundestagsabgeordneten müssten zukünftig ihre Privat- und Dienstmeilen auf ein Gesamtkonto spenden, aus dem dann jedem Bundesbürger ein Mallorca-Freiflug zustünde. Das wäre gerecht. Damit wären der widerlichen Egoistik der Politiker und ihrer grenzenlosen Flugsucht Grenzen gesetzt, zu unseren Gunsten, bitteschön.
Andere Möglichkeit: Im Economist war auch zu lesen, dass man ja Meilen nicht bloß per Miles-and-More -Abo sammeln könne, sondern auch mit der Kreditkarte, ja sogar durch den Verzehr bestimmter Cornflakes. Zum weltweit reichsten Meilenbesitzer, einem wahren Meilionär, sei ein Mann geworden, der die gesamte Portokasse seiner Firma über die eigene Kreditkarte abgewickelt habe. Auf diese Weise sei er in den Besitz von 25 Millionen Meilen gelangt, genug, um 250 Mal London –Sydney und zurück zu fliegen.
Wie wäre es, wir würden den gesamten Bundesetat über die American-Express-Karte des Bundesfinanzministers laufen lassen? Das gäbe Meilen! Genug, um alle Bundestagsabgeordneten jahrelang zwischen Frankfurt und Australien pendeln zu lassen, inklusive Rudi Scharping als Ehrengast. Diese schrecklichen Politiker, die einen immer nur ärgern, wären aus dem Weg.
Und wir könnten uns endlich selbst regieren.
Vom Dadaismus hat man lange nichts gehört, schade, ich habe ihn gemocht, Hans Arp, Max Ernst, Hugo Ball, Tristan Tzara. Hier einige Zeilen als Beispiel, Auszug aus Richard Huelsenbecks Gedicht Ebene :
» oder oder birribum birribum saust der Ochs im
Kreis herum
oder Bohraufträge für leichte Wurfminen-Rohlinge
7,6 cm
Chauceur Beteiligung Soda calc. 98/100%
Vorstehund damo birridamo holla di funga qualla
di mango damai da dai umbala damo
brrs pffi commencer Abrr Kpppi commence
Anfang Anfang
sei hei fe da heim gefragt«
Na, vielleicht muss man das einfach hören , wie man Ernst-Jandl-Gedichte hören muss, von ihm selbst gelesen.
Dada – wo bist du?
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