Dass praxeologische Fragestellungen neue Ergebnisse hervorbringen und andere Facetten der Museumsgeschichte zeigen, haben die wissenschaftsgeschichtlichen Untersuchungen zu den naturhistorischen Museen und Universitätssammlungen deutlich gemacht, die im Zuge der historischen Wissenschaftsgeschichte entstanden sind. 12Sie hatten ab den 1980er-Jahren damit begonnen, «über die Wissenschaft im Machen» 13zu forschen. Um zu verstehen, wie Theorien, Wissen und Erkenntnisse entstehen, analysierten sie die Praktiken der Forschung: Laboruntersuchungen etwa oder das Sammeln und Klassifizieren von Objekten. 14
Die Wissenschaftsgeschichte und die Wissensgeschichte (ihre jüngere «Verwandte») benennen im Voraus den Inhalt der Praktiken, die sie untersuchen, als «Wissenschaft» oder «Wissen». 15Ich gehe demgegenüber von der These aus, dass sich der Inhalt, zusammen mit den Praktiken, stark veränderte und daher eine solche theoretische Fixierung die Untersuchung unproduktiv beschränkt. Ich stelle daher keine Behauptung an den Anfang meiner Arbeit über die Absichten der Akteure und die Inhalte ihrer Tätigkeiten am Schweizerischen Nationalmuseum und will nicht von der Annahme ausgehen, dass sie «Nation» oder «Wissen» herstellten. Stattdessen formuliere ich meine Fragestellung so offen wie möglich und frage: Welche Praktiken gab es, und was entstand dabei?
Was ist unter «Sammlungspraktiken» und einem praxeologischen Forschungszugang zu verstehen, und wie unterscheidet er sich von den bisherigen historischen Forschungen zum Nationalmuseum und historischen Museum? Die beiden eingangs erwähnten Sammlungsstücke, die Postkutsche und die «Weisse Masse in Glasbehälter», dienen mir als Exempel, um die Eigenheiten und Differenzen zu zeigen. Die klassischen Fragen, die im Rahmen einer historischen Untersuchung zum Nationalmuseum gestellt werden könnten, wären etwa Folgende: Weshalb bildet eine Postkutsche aus dem 19. Jahrhundert, die über den grossen Alpenpass Gotthard fuhr, über so lange Zeit den Auftakt des Museumsbesuchs? Was repräsentiert sie? Welches Ausstellungsprogramm stand und steht dahinter? Welche Rolle hat die Gotthardpostkutsche im Prozess der symbolischen Hervorbringung der Nation gespielt? Wandelte sich diese im Lauf der Zeit? Über welches identitätsstiftende Potenzial verfügt die Kutsche? Was trägt sie zur nationalen Selbstfindung bei? 16Die Untersuchung der Sammlungspraktiken bringt andere Fragen mit sich, beispielsweise: Wie kamen die Postkutsche und weitere Objekte in die Sammlung des Nationalmuseums? Wie wurde über ihre Erwerbung beschlossen? Was geschah danach mit den Objekten im Sammlungsalltag? Welche Stationen durchliefen sie im Museumsbetrieb? Wie kümmerten sich die Museumsmitarbeitenden während der mehr als 100 Jahre um sie? Steht die Kutsche seit ihrer Erwerbung draussen, oder war sie zwischenzeitlich auch anderswo aufgestellt? Wer hat wann die Tafel mit den Erklärungen zur Kutsche geschrieben und die Kette um die Kutsche gespannt? Gibt es weitere Dokumente, und wo sind diese aufbewahrt? Weshalb leuchtet die gelbe Farbe der alten Kutsche so? Wurde sie kürzlich restauriert? Gibt es weitere Kutschen? Wo sind diese, und wie ist der Umgang mit ihnen? Diese Fragen führen in alle Hallen, Zimmer, Kammern und Keller des Museums, wo sich einem eine wenig bekannte, aber äusserst spannende Museumswelt auftut. Hier stiess ich auch auf die «Weisse Masse in Glasbehälter». In einem «Objektbüro» genannten Zimmer mit Computerarbeitsplätzen und einem Tresor voller wertvoller Inventarbücher habe ich den ersten Hinweis auf sie gefunden. Auf das Sammlungsstück bin ich in der internen Objektdatenbank des Landesmuseums gestossen, als ich herauszufinden versucht habe, wie am Landesmuseum die Objekte inventarisiert und klassifiziert wurden. Ich habe mir die «Weisse Masse in Glasbehälter» dann auch noch von Nahem angesehen im Sammlungsdepot in Affoltern am Albis. Was dieses Ding genau ist, konnte ich nicht herausfinden. Doch erfuhr ich mehr über die Geschichte des Erwerbens, Inventarisierens und Klassifizierens am Landesmuseum, wie ich noch berichten werde.
In dieser Arbeit erzähle ich aber nicht die Sammlungsgeschichte von Einzelobjekten, sondern die Geschichte der Sammlungspraktiken. Im Fokus stehen damit die Tätigkeiten der Museumsmitarbeitenden hinsichtlich verschiedener Sammlungsstücke sowie die Bewegungen der Objekte und die Stationen, die sie am Schweizerischen Nationalmuseum durchlaufen haben. 17Diese Praktiken subsumiere ich unter dem Begriff «Sammeln», um zu betonen, dass es bei diesen Tätigkeiten um den direkten Umgang der Museumsmitarbeitenden mit der Sammlung geht. «Sammeln» meint nicht das Zusammentragen von Dingen im engen Sinn, sondern ganz verschiedene Tätigkeiten, die beim Anlegen und Betreuen einer Sammlung ausgeübt werden: Objekte kaufen, schenken, aufbewahren, ausleihen, weggeben, wegwerfen, ordnen, inventarisieren, dokumentieren, erforschen, restaurieren, ausstellen, einlagern und so weiter. Diesen Tätigkeiten ist gemeinsam, dass sie im institutionellen Rahmen des Schweizerischen Nationalmuseums ausgeübt wurden.
Zum Schweizerischen Nationalmuseum gehören verschiedene Häuser an unterschiedlichen Standorten in der Schweiz. Die Gesamtbezeichnung für sie war bis 2009 im deutschen Sprachgebrauch «Schweizerisches Landesmuseum». 18Ab dann wurde mit «Landesmuseum» nur noch der Sitz in Zürich bezeichnet und für die Bezeichnung aller Häuser der Begriff «Schweizerisches Nationalmuseum» verwendet. Zürich ist der Standort des ersten Museumsbaus für die staatliche Sammlung, dient bis heute als Ausstellungsort sowie Ort der Verwaltung und war für viele Sammlungstätigkeiten stets der hauptsächliche Schauplatz. Dementsprechend wird sich meine Sammlungsgeschichte auch besonders auf diesen Ort konzentrieren. Zwischendurch wird aber immer wieder auch von den anderen Standorten berichtet, die während des 20. Jahrhunderts zum Museum in Zürich hinzukamen und teilweise wieder abgestossen wurden. 19Ich werde jeweils die zeitspezifische Bezeichnung verwenden, die in den Quellen vorkommt, und deshalb meist vom Schweizerischen Landesmuseum sprechen (Abb. 4).
Meine Sammlungsgeschichte ist keine Institutionsgeschichte. Der Schwerpunkt wird nur auf einen gewissen Bereich der institutionellen Tätigkeiten gelegt: auf die unmittelbaren Sammlungspraktiken. Die personelle und finanzielle Verwaltung und die administrativen Arbeiten im Austausch mit der Bundesverwaltung werden nur am Rand behandelt. Viel Gewicht erhalten hingegen die Praktiken, die sich an den Grenzen des institutionellen Handlungsraums, im Austausch mit externen Personen und Institutionen, abspielten, wie etwa die Objektauswahl, die für das Verständnis der Konstitution der Sammlung wichtig ist. 20
Die Protagonisten: Menschen und Dinge
Das Museum versammelt Menschen genauso wie Dinge. 21Der Geschichte der Sammlungspraxis gehören demnach zwei Gruppen von Protagonisten an: die Sammler/Sammlerinnen und die Sammlungsstücke. Ich will ihre beiden Rollen in der Praxis vorstellen.
Ganz unterschiedliche Sammlerinnen und Sammler waren an der Sammlungspraxis beteiligt: Museumsdirektoren, Donatorinnen, Antiquitätenhändler, Mitglieder der Bundesbehörden, Handwerker, Restauratoren, Konservatoren und so weiter. Die Konservatoren (bis 1961 waren es ausschliesslich Männer) waren diejenigen, die den Museumsdirektor bei der Objekterwerbung unterstützten, die Sammlungstücke inventarisierten, ordneten und halfen, sie auszustellen. Üblicherweise verfügten sie über eine akademische Ausbildung in Kunstgeschichte oder Ur- und Frühgeschichte, später auch über andere geschichtswissenschaftliche Ausbildungen. 22Die Konservatoren wurden auch einfach nur «wissenschaftliche Beamte» 23genannt und an anderen Museen Kustoden. 24Ab den 2000er-Jahren wurden sie dann als Kuratoren bezeichnet. Die Restauratoren wurden zuerst «technische Beamte» 25und dann später «Konservatoren/Restauratoren» 26genannt. Sie hatten anfänglich eine künstlerische oder handwerkliche Ausbildung, zu der sie autodidaktisch die nötigen Verfahren und Handgriffe für den Museumsbetrieb dazulernten; später gab es die Möglichkeit einer professionellen Ausbildung als Restaurator, als Restauratorin. 27Mich interessiert ihr spezifisches Handeln als Zuständige für die staatliche Sammlungstätigkeit. Ich werde mich nicht speziell mit den Einzelbiografien der Sammlerinnen und Sammler auseinandersetzen. Ihr Handeln hat persönliche biografische sowie gemeinschaftliche und gesellschaftliche Anteile: Der persönliche Anteil betrifft die individuell beschränkte Wahrnehmung und das limitierte Wissen der einzelnen Sammlerinnen und Sammler. Gemeinschaftlich war ihre Tätigkeit, weil sich ihre Handlungen in der Interaktion, in Aushandlungsprozessen mit der sozialen Umgebung, in gemeinsamen Praxiszusammenhängen und in Handlungsgefügen abspielten. Gesellschaftlichen Charakter hatten ihre Aktivitäten, weil ihren Handlungen ein staatlicher Auftrag zugrunde lag, der einer regelmässigen politischen Legitimierung bedurfte. 28
Читать дальше