Andererseits waren Beratungen von Frauen auch ein Standbein verschiedener lokaler Frauenorganisationen wie der Frauenzentrale Zürich. Diese nahm mit einem gewissen Argwohn von der neuen Beratungsstelle Kenntnis und schickte zwei erwachsene Töchter von Mitgliedern mit verschiedenen Fragen an die Lavaterstrasse, um zu sehen, «ob an Ort und Stelle Ärzte und Juristen vorhanden sind». 66Mit Erleichterung erfuhren sie, dass die Infra lediglich Fachpersonen und -stellen vermittelte, wie das auch ihre Beratungsstelle tat; die behandelten Probleme waren mehrheitlich dieselben. Bezüglich Schwangerschaftsabbruch sah sich die Frauenzentrale allerdings veranlasst, per Handzettel darauf aufmerksam zu machen, dass die «Frauenzentrale» mit dem «Frauenzentrum» verwechselt werde. Sie hielt mit aller Deutlichkeit fest, dass sie «keine Adressen von Aerzten und Kliniken, weder in der Schweiz noch im Ausland, vermitteln [würden], die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen». 67Während die Frauenzentrale ihr unentgeltliches Angebot als Unterstützung von Hilfesuchenden sah, implizit ein hierarchisch strukturiertes Tun für die anderen, gaben die Infra-Frauen ihrem ebenfalls unentgeltlichen Beratungsgespräch eine ebenso antiautoritäre wie radikal-egalitäre Wende: 68«Wir arbeiten zwar umsonst, wollen aber kein Wohltätigkeitsverein sein, sondern wir versuchen, Solidarität mit andern Frauen in der konkreten Situation zu praktizieren. […] Erfolgreich wären unsere Gespräche dort, wo sie, neben der praktischen Hilfe, als Anstoss wirkten zur Infragestellung der heutigen, gesellschaftlichen Situation der Frauen.» 69Mit der Ablehnung von «Wohltätigkeit», dem Tun für die anderen, setzten sich die neuen Feministinnen von den Aktivistinnen der meisten älteren Frauenverbände ab. So zeugten beide Haltungen – der Argwohn der Frauenzentrale gegenüber den «progressiven Frauen» der FBB zum einen und die abschätzige Haltung der Infra Zürich zum andern – von einer gleichermassen verzerrten Wahrnehmung, die wenig Raum für Gemeinsames liess. Das Logo der Infra, eine das Telefon umfassende Faust im Frauenzeichen, markierte das Verständnis feministischer Beratung als Teil des Kampfes gegen die gesellschaftliche Unterordnung und Ausbeutung der Frauen.
Trotz der markierten Abgrenzungen kam es insbesondere im Bereich von Fragen der Gewalt gegen Frauen zu Annäherungen, die vom informellen Austausch bis zur institutionalisierten Kooperation gingen. So zeigte sich die Zürcher Infra gegen Ende der 1970er-Jahre froh über das Angebot des Marthahauses, das im 19. Jahrhundert vom Verein Freundinnen junger Mädchen zum Schutz junger Arbeit suchender Frauen vor Prostitution gegründet worden war. Es zeigte sich bereit, einige Zimmer für die temporäre Unterbringung von Gewalt betroffener Frauen zur Verfügung zu stellen. Mit der Frauenzentrale Zürich kam es schliesslich zur offiziellen Zusammenarbeit, als die Arbeitsgruppe Gewalt des Frauenzentrums Zürich nach ihrer Teilnahme am Internationalen Frauentribunal von 1976 in Brüssel das als autonom verstandene Projekt «Haus für geschlagene Frauen» zu realisieren suchte. Nicht nur galt es, ein Mietobjekt zu finden, es sollten neben dem freiwilligen Engagement von Frauen für das Projekt auch Mitarbeiterinnen eingestellt und der alltägliche Unterhalt finanziert werden. Geld war also eine unabdingbare Voraussetzung für die Umsetzung, erforderte aber ebenso eine formale Struktur. Letzterem kam die Gründung des Vereins zum Schutz misshandelter Frauen nach, Ersterem die Gesprächsbereitschaft der gut vernetzten und freisinnigen Politikerin Liselotte Meyer-Fröhlich von der Zürcher Frauenzentrale einerseits und einiger Initiantinnen des Projekts wie der Juristin Jeanne Dubois andererseits. Erst die zum Zwecke der Finanzbeschaffung gegründete Stiftung ermöglichte die Realisierung des Frauenhauses als feministisches Projekt: eine Mischung von Institutionalisierung und Autonomie. 70Nach ähnlichem Muster kam es im gleichen Jahr in Genf, 1980 in Bern und bald schon in weiteren Städten zur Eröffnung von Notunterkünften für geschlagene Frauen. Wie die Infra-Frauen mussten auch die Frauenhaus-Aktivistinnen allerdings zur Kenntnis nehmen, dass sich die wenigsten der Schutz suchenden Frauen aufgrund sexualisierter Gewalterfahrung zum Feminismus bekannten. Die autonom geplanten feministischen Projekte entwickelten sich vielmehr zu Institutionen mit sozialstaatlicher Funktion. 71
Kongress und Gegenkongress – Trennlinien und Gemeinsamkeiten
Mit der Ausrufung von 1975 zum «Jahr der Frau» rief die UNO gleichzeitig den 8. März, der in der Nachkriegszeit de facto fast nur noch in kommunistisch regierten Staaten als Feiertag begangen wurde, zum Internationalen Tag der Frau aus. Von nun an geriet er zu einem jährlichen Orientierungspunkt für die Frauenbewegungen verschiedenster Richtungen, trotz ihrer gegenseitigen Abgrenzungen. 72In der Schweiz zeigte sich die Wechselwirkung von Abgrenzung und Annäherung geradezu paradigmatisch 1975 in Bern, wo im Januar gleichzeitig ein offizieller Kongress und ein Gegenkongress stattfanden. 73
Zum «Jahr der Frau» luden rund achtzig Frauenorganisationen unter dem Motto «Partnerschaft – Collaboration dans l’égalité – Rapporto di coppia» vom 17. bis 19. Januar zu einem dreitägigen Kongress in den Kursaal ein. Neben den bekannten gesamtschweizerischen Frauenverbänden wie dem BSF, dem SKF und dem Schweizer Verband für Frauenrechte (SVF) waren auch kleinere Frauenverbände und lokale Gruppierungen beteiligt, ja selbst die Organisation Ja zum Leben. Je nach Ausrichtung deuteten die Verbände und Vereine das Motto «Partnerschaft» auf ihre Weise. So verwies der Evangelische Frauenbund Schweiz (EFS) mit Plakaten auf Partnerschaft im Sinne der Bibel, 74der SKF verstand darunter mehr die gegenseitige Hilfe und Unterstützung von Mann und Frau in der Familie, aber auch im Berufs- und Sozialleben. Ausgangspunkt des Kongresses war die von der Schweizerischen UNESCO-Kommission und dessen Mitglied Perle Bugnion-Secrétan, Präsidentin der Kommission für internationale Beziehungen des BSF, in Auftrag gegebene soziologische Studie von Thomas Held und René Levy, «Die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft». 75Die international bestens vernetzte liberale Genferin Bugnion-Secrétan agierte als Vizepräsidentin, die knapp dreissigjährige freisinnige Zürcher Juristin Lili Nabholz-Haidegger als Präsidentin der mit der Organisation beauftragten Arbeitsgemeinschaft Die Schweiz im Jahr der Frau (ARGE). Der Ablauf des dreitägigen Kongresses war genau geplant, nur Angemeldete waren zugelassen. Gerechnet wurde mit 2000 Teilnehmenden. Es meldeten sich weit mehr an, so mussten viele aus Platzgründen abgewiesen werden. Grossbanken und Konzerne unterstützten den Kongress finanziell. Vorgesehen waren vier Hauptreferate, davon eines von der Genfer Philosophin Jeanne Hersch. Genau vorbereitet waren auch die zur Diskussion stehenden Themen.
Entscheidendes Gewicht kam dem BSF als einflussreichstem Frauenverband zu, vertreten durch seine Präsidentin. Mit der weltoffenen Genfer Sozialwissenschaftlerin und Ökonomin Jacqueline Berenstein-Wavre stand ab 1975 erstmals in der Geschichte des BSF eine Sozialdemokratin an der Spitze des Verbands: Die Pazifistin und Befürworterin der Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs definierte sich, da nicht (mehr) berufstätig, als «femme au foyer». Wie der Freisinnigen Alice Moneda, Leiterin Ressort Frauen des Schweizerischen Kaufmännischen Verbands (SKV), galt ihr Einsatz zwar insbesondere der Lohngleichheit. Sie hob aber zugleich die Bedeutung der unentgeltlich geleisteten Haus- und Betreuungsarbeit hervor, deren Umfang sie ein Jahr zuvor über eine Enquête in der Westschweiz erhoben hatte und die 1977 durch die Veröffentlichung der vom BSF initiierten Studie «Die Bewertung des Arbeitsplatzes in privaten Haushalten» der Stiftung zur Erforschung der Frauenarbeit ergänzt werden sollte. 76
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