Wenn man keiner Berufssparte angehört, die eine Palpation erlaubt, kann es vorteilhaft sein, mit einem Therapeuten zusammenzuarbeiten, der in der Untersuchung der Gelenkzentrierung geschult ist. Kann der Klient/Patient nicht mit eigenen Händen untersucht werden, muss sich der Entscheidungsprozess alleine auf die Information stützen, die der Augenschein und die Erfahrung liefern.
Open- und Closed-Chain-Bewegung
Die Begriffe »Open-« und »Closed-Chain« werden häufig in Zusammenhang mit der Bewegung der unteren kinetischen Kette erwähnt. Die kinetische Kette bezieht sich auf die strukturellen und neuralen Verbindungen zwischen benachbarten Körpersegmenten. Eine Bewegung gilt als Open-Chain, wenn der distale Anteil der kinetischen Kette – im Beispiel der unteren Extremität der Fuß oder ein anderes Segment dieser Extremität – keinen Bodenkontakt hat und daher im Allgemeinen nicht davon ausgegangen wird, dass er die proximale Gelenkbewegung beeinflusst ( siehe mehr dazu unter »Klinische Betrachtung«). Hat der distale Anteil der kinetischen Kette Bodenkontakt, sodass er die Bewegung in den proximaleren Gelenken beeinflusst, gilt die Bewegung als Closed Chain.

Open-Chain-Hüftflexion der rechten Hüfte.
Klinische Betrachtung
Open-Chain-Bewegungen gelten als isolierte Gelenkbewegungen, die nicht unbedingt die distalen Körperbereiche beeinflussen können. Sprunggelenk und Fuß etwa schreibt man in der Regel nicht die Fähigkeit zu, die Bewegung der Hüfte zu beeinflussen, wenn der Fuß vom Boden abgehoben ist wie beim Sitzen oder Liegen. Der Sprunggelenk- und Fußkomplex ist neurologisch jedoch mit der gesamten kinetischen Kette verbunden. Klinisch wurden Veränderungen der Hüftbewegung und Hüftkraft nach einer Zentrierung beobachtet – einer Zentrierung von Sprunggelenk und Fuß, sogar in sitzender Position oder in Rückenlage, ohne irgendeinen Kontakt des Fußes mit einer Fläche. Das ist ein wichtiger Grund dafür, warum der Zentrierung möglichst vieler Gelenke während der Rehabilitation oder des Trainings, unabhängig von der Körperposition, so große Bedeutung beigemessen wird.
Closed-Chain-Hüftflexion beim Squat.
Ein Beispiel für eine Open-Chain-Bewegung ist das Bewegungsmuster einer Hüftflexion im Stehen, bei der sich die Hüfte beugt, die Bewegung der unteren Extremität jedoch die Hüftstellung nicht beeinflusst.
Bei der Kniebeuge hingegen hat der Fuß Bodenkontakt und beeinflusst daher durch seine Auswirkung auf Tibia und Femur auch die Bewegung im Hüftgelenk.
Funktionelle Anatomie des M. psoas
Dieser Abschnitt befasst sich mit dem PMj und PMn als den beiden Bestandteilen des Psoas-Komplexes. Da der PMj bei Fehlen des PMn den oberen Schambeinast mit Muskelfasern versorgt (Stecco 2015, Myers 2014), werden in diesem Abschnitt die kombinierten Aktivitäten dieser Muskeln erklärt. Von da an wird auf den M. psoas major und den M. psoas minor gemeinsam einfach als auf den M. psoas oder Psoas Bezug genommen. >Wegen seiner Lokalisierung tief in der Bauchhöhle gibt es nur begrenzte in vivo-Studien (am lebenden Körper) über diesen Muskel. Die meisten allgemein anerkannten Erkenntnisse über die Funktionen des M. psoas wurden aus Studien an Leichen gewonnen, was diese Funktionen folglich darauf beschränkt, was geschieht, wenn das distale Ende des Muskels (Muskelansatz) näher an das proximale Ende des Muskels (Ursprung) gebracht wird oder umgekehrt.
Die meiste Literatur zeigt daher die folgenden, allgemein anerkannten Aufgaben des M. psoas auf:
•Hüftflexion und Rotation nach außen als Open-Chain-Bewegung, d.h. die Bewegung des Femur um das feststehende Becken.
•Wirbelsäulenflexion als Closed-Chain-Bewegung, d.h. die Bewegung des Beckens über die Hüftköpfe bei feststehenden Beinen.
Es wurde auch geäußert, dass der Psoas als Teil des »Iliopsoas-Komplexes« der einzige Muskel sei, der die Hüfte bis ans Ende des Bewegungsumfangs der Hüftflexion beugen kann (Sahrmann 2002).
Gemeinhin wurde gelehrt, dass der Psoas der Muskel ist, der primär zu einer Beckenkippung nach vorne und zu einer erhöhten Lumballordose beiträgt. Der Einfluss des Psoas auf die Stellung des Beckens und der Lendenwirbelsäule wird weiter unten untersucht.
Die Rolle des Psoas bei der Stabilisierung der Wirbelsäule
Die breiten und komplizierten Ursprünge des Psoas legen nahe, dass dieser Muskel eine sehr viel größere und dynamischere Rolle bei Bewegungen spielt als früher festgestellt wurde. Die verschiedenen Ursprünge auf jeder Wirbelhöhe von der unteren Brust- bis zur Lendenwirbelsäule und seine komplizierten Faszienverbindungen mit verschiedenen Muskeln rund um Wirbelsäule und Becken zeigen, dass der Psoas sehr viel mehr als ein Beugemuskel von Hüfte und Wirbelsäule ist. Diese komplizierte Anlage legt nahe, dass der Psoas wahrscheinlich bei der Stabilität von Wirbelsäule, Becken wie auch der Hüfte eine wichtigere Rolle spielt, als ihm bisher zugeschrieben wurde.
Der Psoas gilt als Muskel, der die Achse der Lendenwirbelsäule wirksam komprimiert – und damit stabilisiert (Bogduk 2005). Wegen der Nähe des Psoas zur Wirbelsäule wurde nicht nachgewiesen, dass er signfikant zu Wirbelsäulenbewegungen wie Seitbeuge und Rotation beitragen würde. (Bogduk 2005). Es ist daher wahrscheinlicher, dass der Psoas während dieser Bewegungen als Stabilisator der Wirbelsäule dient.
Ein weiterer Nachweis für den Beitrag des Psoas zur Stabilität der Wirbelsäule kommt aus der Forschung. Bei einer Elektromyographie (EMG) mit feinen Nadelelektroden, die beidseits in den Psoas eingebracht wurden, während ein Bein im Liegen angehoben war, wurde Aktivität sowohl im angehobenen Bein als auch im Psoas der Gegenseite des angehobenen Beines nachgewiesen (Hu et al. 2011). Übereinstimmend mit diesen Ergebnissen wurde postuliert, dass der Psoas bei der Stabilisierung der Lendenwirbelsäule die vorderen Scherkräfte auszugleichen hilft, die während der Hüftbeugung entstehen (Gibbons 2007, McGill 2007). Eine beidseitige Aktivierung des Psoas sorgt in der Frontalebene für die Stabilität der Wirbelsäule (Hu et al. 2011, Penning 2002, Andersson et al. 1995) und schränkt während einer Anhebung der Beine eine übermäßige Seitbeuge und Rotation ein (Sullivan 1989). Es wurde vermutet, dass der Psoas den Rumpf auf dem Becken stützt und einer Krümmung der Wirbelsäule vorbeugt (Penning 2000).
Bei einer exzentrischen Kontraktion hilft der Psoas, die Seitneigung der Gegenseite zu kontrollieren (Gibbons 2007). Zusätzlich verlängert sich der Psoas exzentrisch, wodurch er als Stabilisator der Lendenwirbelsäule wirkt und das Ausmaß der Wirbelsäulenextension während einer Überkopfbewegung oder Rückbeuge kontrolliert (Osar 2015). Dies verhindert eine übermäßige Kompression der lumbalen Facettengelenke und eine Überdehnung der vorderen spinalen Bänder bei gestreckter Wirbelsäule. Auch wenn man angenommen hatte, der Psoas spiele bei der Wirbelsäulenflexion eine Rolle, zieht er, wenn das Becken fest ist, die Lendenwirbelsäule in eine stärkere Lordose (Penning 2002). Im Stehen kann der Psoas zur Vorwärtsbeugung beitragen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sich der Muskel als Ergebnis der Beugung der Bauchmuskeln und der Schwerkraft verkürzt, die beide gleichzeitig die Lendenwirbelsäule aus dieser Stellung in die Beugung bringen. Der Psoas kann zur Vorwärtsbeugung und Flexion der Wirbelsäule im aufrechten Stand beitragen, wenn diese Aktionen gegen einen Widerstand durchgeführt werden. Bei einem Roll-up (siehe Kapitel 6) oder einem Sit-up kann der Psoas eine aktivere Rolle bei der Wirbelsäulenflexion und Reduzierung der Lumballordose spielen als im Stand.
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