Ist der Rumpf wie beim Bewegungsmuster der Articulating Bridge (Schulterbrücke mit Abrollen Wirbel für Wirbel, auch als Bewegungsmuster einer Beckenkippung bezeichnet, oder bei der Übung Reverse Crunch fixiert, helfen wahrscheinlich einige Anteile des Psoas bei der Rotation des Beckens nach hinten und der segmentalen Beugung der Lendenwirbelsäule, wodurch die Lumballordose abnimmt.
Einfluss des Psoas auf das Becken
Herkömmlicherweise ging man davon aus, dass der Psoas dazu beiträgt, die Rotation des Beckens nach vorne (Kippung) zu verstärken. Bedenken Sie jedoch, dass die einzigen Ansätze des Psoas direkt am Becken vorne auf dem oberen Schambeinast liegen und in den Beckenboden führen. Diese Ansätze legen nahe, dass der Psoas das Becken eher nach hinten als nach vorne dreht (Gibbons 2007, Osar 2015). Obgleich der Psoas direkt durch die vordere Seite der Iliosakralgelenke zieht, wurde bisher keine direkte Verbindung des Psoas mit diesen Gelenken untersucht. Man vermutete, dass der Psoas durch das Iliosakralgelenk eine stabilisierende Kraft ausübt (Gibbons 2007). Forschungsarbeiten haben nachgewiesen, dass Muskeln, die entweder eine direkte oder fasziale Verbindung zum Iliosakralgelenk haben – M. multifidus, M. gluteus maximus und M. biceps femoris beispielsweise – zur Stabilisierung dieses Gelenks beitragen (Lee 2012, Richardson et al. 2004, Vleeming 2012). Sehr wahrscheinlich spielt der Psoas eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung des Iliosakralgelenks. Hierzu sind jedoch weitere Studien erforderlich.
Achten Sie auf die Ansätze des Psoas sowohl am vorderen Becken als auch am Beckenboden. Diese Ansätze legen nahe, dass der Psoas zur Rotation des Beckens nach hinten beiträgt und die Kontrolle der Beckendrehung nach vorne unterstützt.
Die Beziehung des M. psoas zum lumbalen Anteil des M. multifidus
In Hinblick auf die Stabilisierung der Wirbelsäule ist der M. multifidus dem Psoas am ähnlichsten. Er ist auf der Rückseite der Lendenwirbelsäule lokalisiert und der medialste sowie der tiefste lumbale Muskel. Die tieferen Fasern des M. multifidus entspringen an der Rückseite der Wirbelsäule und setzen drei Ebenen unter ihrem Ursprung an. Die Fasern des unteren lumbalen Anteils des M. multifidus setzen am Becken, am Kreuzbein und am Iliosakralgelenk an.
Die tieferen Fasern des M. multifidus zeigen, sogar in Ruhe, ein geringes Aktivitätsniveau (tonische Aktivität) und sind daher stärker in die segmentale Kontrolle der Wirbel und in die Haltungsstabilität eingebunden (Richardson et al. 2004). Diese tieferen Muskelfasern zeigen antizipatorische Reaktionen auf die Ergebnisse des EMG, was bedeutet, dass sie sich bereits vor der tatsächlichen Bewegung kontrahieren, womit sie ähnliche Merkmale aufweisen wie andere tiefe Muskeln, etwa der M. transversus abdominis und die Beckenbodenmuskulatur (Richardson et al. 2004). Die oberflächlichen Muskelfasern neigen zu einem größeren extensorischen Drehmoment oder einer größeren Fähigkeit, die Lendenwirbelsäule zu strecken. Gemeinsam arbeiten beide Anteile des M. multifidus synergistisch mit dem M. psoas, um die Lendenwirbelsäule und die Iliosakralgelenke zu stabilisieren, womit sie übermäßige Scher- und Translationskräfte verhindern (Abb. unten).
Ähnlich weisen sowohl der M. multifidus als auch der M. psoas bei Personen mit Schmerzen im unteren Rücken und/oder einseitigem Ischias eine Verkleinerung des Querschnitts (Atrophie) auf (Barker et al. 2004, Dangaria und Naesh 1998). Spezifische Übungen, die auf den M. multifidus und den M. psoas abzielen, haben sich sowohl bei der Verbesserung der Größe dieser Muskeln als auch bei der Reduzierung der Schmerzen bei Patienten mit degenerativer Bandscheibenerkrankung als wirksam erwiesen (Seongho et al. 2014). Es wurde klinisch nachgewiesen, dass Übungs- und pädagogische Strategien, die die Aktivierung des DMS verbessern, die Funktion des M. psoas wie des M. multifidus und damit auch die Stabilität der Wirbelsäule verbessern (Osar 2015).
In Kapitel 3werden Strategien gezeigt, wie M. psoas und M. multifidus gemeinsam besser aktiviert werden können.
Die Rolle des Psoas bei der Hüftfunktion
Herkömmlicherweise gilt der Psoas als primärer Hüftbeuger. Neuere Nachweise legen nahe, dass der Psoas, wenn er kontrahiert, eine axiale Kompression sowohl auf die Wirbelsäule als auch auf den Hüftkopf ausübt (Gibbons 2005ab, 2007); so zentriert der Psoas den Hüftkopf in der Gelenkpfanne (er richtet ihn aus und kontrolliert ihn). Während die Hüfte durch die primären Hüftbeuger – M. rectus femoris, M. tensor fasciae latae und M. sartorius – in Flexion gebracht wird, unterstützt der M. psoas die Bewegung durch Kompression sowie indem er die Stellung des Hüftkopfes in der Gelenkpfanne aufrechterhält. Damit hilft er bei der Hüftbeugung, indem er weniger als primärer Bewegungsmuskel tätig ist, sondern vielmehr die Rotationsachse aufrechterhält. Während der Psoas auch die Rotation nach außen unterstützen kann, ist es wahrscheinlicher, dass er während der Bewegung eher als Stabilisator des Hüftkopfes in der Gelenkpfanne fungiert, als tatsächlich zur Bewegung beizutragen.
Das Verhältnis des M. psoas zum M. iliacus
Der M. iliacus (Abb. rechts) verdient eine eigene Erwähnung, da viele Arbeiten den M. iliacus und den M. psoas unter dem Begriff M. iliopsoas zusammenfassen, weil beide Muskeln ähnliche Sehnenansätze am Trochanter minor des Femur haben. Der M. iliacus entspringt im Becken (Darmbeingrube) und verläuft über die Eminentia iliopubica des Beckens, bevor er am Trochanter minor des Femur ansetzt. Während sich M. psoas und M. iliacus am Femur einen ähnlichen Ansatzpunkt teilen, hat jeder der beiden Muskeln seinen eigenen individuellen sehnigen Ansatz (McGill 2007) und seine separate nervale Versorgung (Retchford et al. 2013), was zeigt, dass sie unabhängig voneinander funktionieren.
Wegen seines kürzeren Hebelarms und seiner Nähe zum Hüftgelenk hat der M. iliacus, anders als der M. psoas, wahrscheinlich die starke Fähigkeit, die Hüfte zu beugen. Es wurde tatsächlich behauptet, dass der Psoas eine vernachlässigbare Rolle bei der Hüftbeugung spielt und dass der M. rectus femoris, der M. tensor fasciae latae und der M. sartorius wirksamere Hüftbeuger sind als der M. psoas und der M. iliacus (Gibbons 2007). Insgesamt wurde postuliert, dass der M. psoas und der M. iliacus bei der Hüftstabilisierung eine ähnliche Rolle spielen könnten wie die Muskeln der Rotatorenmanschette in der Schulter (Lewis et al. 2007).
Es hat sich gezeigt, dass der M. iliacus in der späten Gangphase eine Rolle bei der Hüftstabilisierung spielt (Retchfort et al. 2013). Ist der Femur fixiert, trägt primär der M. iliacus zur Rotation des Beckens (Kippung) nach vorne bei. Durch eine Verstärkung der Beckendrehung nach vorne kann der M. iliacus indirekt dazu beitragen, die lordotische Krümmung der lumbalen Wirbelsäule zu verstärken.
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