»Ich bin Devin.«
»Gut, damit wären die üblichen Nettigkeiten ausgetauscht; darf ich jetzt weitermachen?«
»Woher kommen Sie?«
Tess ignorierte seine Frage und kehrte in die Küche zurück, um Konserven in ihren Rucksack zu packen.
Er stand vorsichtig auf und haderte mit seinem Gleichgewicht. Bevor er sich in Bewegung setzte, schaute er zu Brando, der seine Augen keine Sekunde lang von ihm abgewandt hatte.
»Dieses Haus ist eine Goldgrube«, bemerkte Tess freudig.
»Stimmt, in ihrer Speisekammer fehlte es an nichts, das steht fest«, entgegnete Devin, während er langsam an Brando vorbeiging. Dann betrat er die Küche.
»Ich schätze, Sie sind selbst gerade erst angekommen, oder?«
»Nein, ich bin seit fast sechs Monaten hier.« Devin zog einen kleinen Stuhl unterm Küchentisch hervor und setzte sich.
Sie unterbrach sich beim Packen und drehte sich um. »Sie wollen mir weismachen, schon so lange hier zu sein, obwohl noch so viel zu essen übrig ist?«
»Genau so ist es.«
»Das erklärt, warum Sie solchen Wert auf diese dumme Maske legen.«
»Was meinen Sie damit?«
»Dass Gasmasken und dergleichen nichts gegen diesen Tod ausrichten, und jeder, der nur eine Minute dort draußen verbracht hat, müsste das wissen.«
»Diesen Tod?«
»Sie wissen schon, das Virus, von dem 90 Prozent des Lebens auf dem Planeten ausgelöscht wurden.«
»Ich wusste gar nicht, dass es einfach nur ›Der Tod‹ genannt wird.«
»Tja, so ist es aber«, bekräftigte sie selbstgefällig.
»Ich kam ein paar Tage nach dem Ausbruch hier an – mit dem Auto aus Indianapolis. Ich schaffte es bis nach Decatur, doch dort wurde ich von einer Bande überfallen, die mir die Kiste geklaut hat. Dabei wäre ich fast draufgegangen. Als ich das Haus erreichte, fand ich meine Angehörigen oben – tot.«
Tess spürte, wie nahe ihm diese Erzählung ging. Sie nahm einen weiteren Stuhl unter dem kleinen Esstisch hervor und ließ sich gegenüber Devin nieder. »Tut mir leid wegen Ihrer Familie.«
»Mir auch. Um ehrlich zu sein, war der Mann mein Cousin zweiten Grades, und ich kannte sie nur flüchtig, aber zu sehen, wie sie gestorben sind, war ziemlich heftig.«
»Vielleicht waren sie klüger, als wir es sind. Hätte ich keine solche Angst vor dem Tod, würde ich mich auch umbringen.«
»Jetzt sagen Sie mir, was Sie herführt, Tess.«
»Das ist eine lange Geschichte, die ich lieber nicht noch einmal durchleben möchte.«
»Können Sie mir dann wenigstens sagen, was gerade vor sich geht? Gibt es irgendetwas Neues, kümmert sich die Regierung darum, wieder für Ordnung zu sorgen? Wird vielleicht gerade ein Impfmittel entwickelt?«
»Diese Fragen lassen sich leicht beantworten: Da draußen ist alles im Arsch. Die Regierung, beziehungsweise das, was von ihr übrig geblieben ist, hat sich im Land verstreut, in Bunkern verkrochen; ein Teil der Bevölkerung, die immun ist, wurde in Lagern eingepfercht, und was einen Impfstoff angeht: Rechnen Sie nicht damit.«
»Wissen Sie was? Sie sind mir keine große Hilfe. Ich begreife überhaupt nicht, wovon Sie sprechen.«
»Ich bin jedenfalls draußen im Stall gewesen und habe dort herumgestöbert; wie es aussah, hausen Sie dort, aber wieso?«
Devin verwies mit einem Blick an die Decke ins Obergeschoss.
»Weil sie tot sind? Warum haben Sie sie nicht einfach begraben?«
»Als ich hier eintraf, stank es erbärmlich nach Verwesung, und ich brachte es nicht übers Herz, später noch einmal herzukommen …«
Tess starrte ihn an. Dass er nicht imstande war, etwas zu tun, das ihr ganz leicht vorkam, überraschte sie.
»Was denn? Weshalb starren Sie mich so an?«, fragte Devin.
»Sie haben sie in gewisser Weise als Verwandte betrachtet, es aber nicht fertiggebracht, sie zu begraben? Sie konnten ihnen nicht den Respekt entgegenbringen, der ihnen als Angehörigen Ihrer Familie gebührt?«
»Ich … ach …«
»Alles klar«, sagte sie und stand vom Tisch auf.
»Werfen Sie mir das nicht vor.«
Sie drehte sich um. »Doch, das tue ich. Sie mögen zwar so lange überlebt haben, sollten aber wissen, dass Sie dabei nur Glück hatten. So viele Menschen sind gestorben, die Welt ist praktisch tot. Die wenigen von uns, die übrig bleiben, führen sich auf wie verdammte Tiere. Sie hatten die Chance, ein wenig Menschlichkeit zu beweisen, wären Sie bereit gewesen, Ihre Familie zu bestatten, ließen sich aber von Ihrem Egoismus leiten. Nur ein einziges Mal möchte ich einen Immunen finden, der noch ein humanes Verhalten an den Tag legt.«
Nachdem sie ihre Tirade beendet hatte, wandte sie sich wieder von ihm ab. Während sie weitere Dosen in ihren Rucksack stopfte, überdachte er die zahlreichen Antworten, die ihm unterdessen in den Sinn kamen.
Mehrere Augenblicke vergingen in unbeholfener Stille, ehe er aufmerkte: »Sie nicht begraben zu haben, bereitet mir wirklich Gewissensbisse. Kein Tag verging, an dem ich nicht daran dachte, bloß wollte ich nicht krank werden. Ich weiß nicht genau, warum Tom seine Familie und sich selbst umgebracht hat. Keine Ahnung, ob sie sich mit dem Virus infiziert hatten, sodass er schlicht beschloss, ihnen allen ein schnelles Ende zu bereiten; klar, diese Rechtfertigung lässt zu wünschen übrig, aber ich wollte es mir eben nicht selbst einhandeln.«
»Das können Sie gar nicht, niemals.«
»Warum sind Sie sich da so sicher?«
Sie drehte sich wieder zu ihm um und erklärte: »Weil wir alle infiziert sind. Falls Sie eine Woche nach dem Ausbruch mit irgendjemandem Kontakt hatten, steht so gut wie hundertprozentig fest, dass Sie dabei an einen Kranken gerieten.«
»Ich verstehe nicht.«
»Sie sind immun, genauso wie ich und Brando dort drüben.«
»Immun?«
»Der Tod verbreitet sich schnell; Sie werden angehaucht oder lediglich berührt, schon sind Sie infiziert. Fasst ein Träger des Virus einen Türgriff an, bleibt es daran haften, bis jemand ihn sterilisiert. Der Tod ist das wirksamste Virus, das je entwickelt wurde.«
»Sie sagen entwickelt ?« »Ja, also gut, ich weiß nicht genau, ob das stimmt, doch einige Überlebende dort draußen glauben, die Regierung habe es sich ausgedacht, um das Bevölkerungswachstum zu regulieren, und als es unters Volk gebracht wurde, seien unbeabsichtigte Folgen daraus erwachsen – die Auslöschung allen Lebens.«
»Das kann ich nicht glauben. Eine derart abstruse Verschwörungstheorie zu glauben, ist mir einfach zuwider.«
»Dann sagen Sie mir, woher es stammt«, forderte Tess trotzig.
»Ich vermute, es kommt von dem Einschlag des Asteroiden; es stammt aus dem Weltall.«
»Außerirdische oder Weltraumkeime, das ist eine weitere Theorie, aber spielt das wirklich eine Rolle? Es ist passiert, wir haben es überstanden und wollen weiterleben.«
»Ich schätze, Sie haben recht.«
Nachdem sie den leichtgewichtigen Armeerucksack gefüllt hatte, stellte sie ihn mit ihrem Gewehr neben die Hintertür und ging rasch nach draußen.
Devin wusste nicht, wohin sie wollte, aber es war ihm eigentlich auch egal. Er blieb auf dem Stuhl sitzen und ließ sich durch den Kopf gehen, was passiert war, nicht zu vergessen die seltsamen Offenbarungen, die Tess ihm gemacht hatte.
Die Schatten wurden länger, als die Sonne im Westen unterging. Er sah nicht vor, im Haus zu übernachten, und konnte sich nicht vorstellen, wo sie dies zu tun gedachte.
Die Antwort auf diese Frage erhielt er, als sie zurückkehrte – mit einer Schaufel.
»Ich schlafe hier drinnen«, sagte sie, »aber erst begraben Sie Ihre Verwandten.«
Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Hier.« Sie hielt ihm die Schaufel hin.
»Denken Sie daran, mein Arm ist verletzt.«
»Aber nicht gebrochen, es ist nur eine Fleischwunde. Los jetzt.«
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