Wenn Menschen dafür empfänglich sind, kann der gesundheitliche Aspekt beim Essen für sie zu einer Art Heilsversprechen werden – wer sich möglichst rein und „korrekt“ ernährt, den erwarten Gesundheit, Glück und ein langes Leben. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass ein gesundes und erfülltes Leben von vielen Faktoren abhängt.
Natürlich können ernährungsbedingte Krankheiten über eine andere Ernährung oft positiv beeinflusst oder im besten Fall sogar geheilt werden. Und selbstverständlich ist es sinnvoll, sich mit den Inhalten und Produktionsbedingungen unserer Nahrung auseinanderzusetzen. Allerdings kann sich unter bestimmten Umständen – wie schon zuvor beschrieben – eine übermäßige Beschäftigung mit der Ernährung auch negativ auf die körperliche und seelische Gesundheit auswirken. Aus einer sehr restriktiven Ernährungsform kann sich eine Essstörung entwickeln, wenn sie auf bestimmte Lebensumstände und eine entsprechende Disposition trifft. Ein ohnehin schon problematisches Essverhalten kann sich durch noch so gut gemeinte Ausschlusskriterien und eine entsprechende Ernährungsumstellung verstärken. Insbesondere Menschen, die Gewicht verlieren wollen, sind empfänglich für eine neue Art der Essstörung: die „Orthorexie“, das zwanghaft „richtige“ Essen, worauf wir in Kapitel 5 noch zu sprechen kommen.
Essen als Identitätsfaktor
Schlachtplatte oder Veggie-Burger? Donut oder Bananenbrot? Krautsalat aus dem Plastikeimer oder Buddha Bowl? Was sich auf unserem Teller befindet, kann zeigen, wer wir sind oder zu welcher Gruppe wir gehören möchten. Was wir essen, was wir kaufen, wie wir unser Leben gestalten – all das ist auch Ausdruck unserer Individualität. Mit der wachsenden Vielfalt an Produkten, Nahrungsmitteln und Ernährungsstilen haben wir mehr Wahlmöglichkeiten denn je und können unsere Ernährung im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten, nach persönlichen Vorlieben und eigenen Kriterien zusammenstellen. Unsere Ernährung kann Lebensqualität ausdrücken, sie kann der Profilierung oder auch der Abgrenzung dienen und identitätsstiftend wirken – sei es durch besondere Erlebnisqualitäten, sei es über dazugehörige Prestigeobjekte wie exklusive Küchenmaschinen oder den Luxusgrill im Garten, sei es in Verbindung mit einem bestimmten Lebensstil oder einer ethischen Haltung. Das Essen hat neben seiner grundlegenden Funktion, unseren Körper zu nähren, damit noch viele weitere Bedeutungen für uns – und wird manchmal auch überfrachtet.
Nicht nur bei der Ernährung ist unser Leben durch ein Überangebot bestimmt. Daneben lässt sich das exemplarisch in drei weiteren Bereichen – Konsum, Information, Mediennutzung – beobachten, die uns durch die angebotenen Mengen und Verfügbarkeiten überfordern können. Hier müssen wir ebenfalls ein individuelles Maß finden, das allein bestimmt sein sollte durch unsere eigene Aufnahmefähigkeit und die eigenen Grenzen. Es ist notwendig, dass wir einen bewussten Umgang finden mit dem, was wir uns zuführen – nicht nur für das, was wir uns an Essen einverleiben, sondern auch, was unseren Konsum oder die „geistige Nahrung“ betrifft. Denn wenn wir uns im Angebot verlieren, kann umso mehr der Wunsch nach klaren Vorgaben, Anwendungsempfehlungen oder Beschränkungen von außen entstehen. Das aber kann immer nur ein Hilfskonstrukt sein und, wie wir noch sehen werden, im Falle des Essens ein problematisches Essverhalten verstärken.
Während ein Haushalt in Deutschland noch vor hundert Jahren durchschnittlich 180 Gegenstände besaß, sind es heute durch industrielle Fertigung und Billigproduktion rund 10 000. 74Früher wurde der Konsum beschränkt durch ein begrenztes Sortiment, höhere Preise und feste Ladenöffnungszeiten – heute ermöglichen uns nicht nur Einkaufspassagen und Discounter, sondern auch Online-Shops, rund um die Uhr noch mehr zu konsumieren. Auf allen medialen Kanälen werden wir mit Werbebotschaften konfrontiert, oft personalisiert zugeschnitten auf unseren vermeintlichen Bedarf.
Beim „Shoppen“ schüttet das Gehirn Dopamin aus und belohnt Lust- oder Frustkäufe, ähnlich wie beim Konsum von Alkohol oder Drogen. Immerhin 39 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer neigen zu unkontrolliertem Kaufen, so Franz Eidenbenz, Psychologe am Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix in Zürich. 75Oft hält die Freude am „Kaufrausch“ allerdings nur kurz an. Zum einen beantwortet der Konsum selten nachhaltig reale Bedürfnisse, wie den Wunsch, die Stimmung langfristig zu heben oder sich etwas Gutes zu tun. Zum anderen kann auch das Überangebot an Waren Stress auslösen. Wurden Gegenstände früher mehrfach repariert, müssen wir heute lernen, uns nicht in der Flut von Billigartikeln zu verlieren, deren Reparatur nicht möglich ist oder sich nicht lohnt. Dafür erklären wiederum Regale voller Ratgeber, wie wir mit Minimalismus oder bestimmten Aufräumtechniken der Überfülle Herr bzw. Herrin werden.
Ob beim Konsum, beim Energieverbrauch, in Klimafragen, beim Reisen oder bei der Tierhaltung – in allen möglichen Lebensbereichen stellen Menschen fest, dass sich ohne eine Beschränkung auf ein gesundes Maß negative Konsequenzen und Schäden nicht vermeiden lassen. Immer stärker bestimmen Themen wie Nachhaltigkeit, faire Produktionsbedingungen und die Energiewende daher persönliche Kaufentscheidungen.
Nicht nur unser Körper und unser Geldbeutel, auch unser Gehirn wird mit einem ständigen Überangebot konfrontiert: Permanent bricht die Weltlage medial in unser Leben ein, was eine starke Sogwirkung ausübt. Der Grat zwischen einem Gut-informiert-Sein und der Überforderung durch andauernde „News-Alerts“ ist jedoch schmal. Mit der Informationsflut sinkt außerdem die kollektive Aufmerksamkeit – so halten sich Twitter-Hashtags zum Beispiel immer kürzer innerhalb der Top 50-Liste. Wissenschaftler nennen das Phänomen „Soziale Beschleunigung“. 76Das bedeutet: Wir bekommen immer mehr, können es aber immer schlechter nutzen.
Digitalisierung und Vernetzung ermöglichen uns Zugang zu enormen Mengen an Informationen, die früher nur Fachleuten vorbehalten waren. Allerdings mangelt es oft noch an Fähigkeiten, diese einzuordnen und zu verwerten. Selbst „Digital Natives“ müssen lernen, mit dem Angebot umzugehen und das herauszufiltern, was für ihren Bedarf brauchbar, seriös und qualitativ gut ist.
Daneben sind wir mit negativen Entwicklungen wie Fehlinformationen, Verschwörungstheorien oder hasserfüllten Kommentaren in den Sozialen Medien konfrontiert. Als Gesellschaft müssen wir neue Regeln für den Umgang damit schaffen – gleichzeitig ist jeder Einzelne gefordert, sich einen persönlichen Filter zuzulegen.
Wenn wir vor dem Schlafengehen noch einmal alle Nachrichten durchscrollen, den düsteren Krimi und die neuesten Promi-Stories aufnehmen oder uns über Stunden mit sozialen Medien oder Serien beschäftigen, versucht unser Gehirn, all diese Informationen zu verarbeiten. Das kann zu einer Überlastung führen – ähnlich wie beim Verdauungsapparat.
Seit wir über mobile Endgeräte nahezu durchgehend erreichbar sind, konkurrieren Anrufe, WhatsApp-Nachrichten, E-Mails, Tweets oder Instagram-Posts um unsere Aufmerksamkeit. Während sich Eltern darum sorgen, dass ihre Kinder zu viel mit dem Handy beschäftigt sind, lassen sie sich gleichzeitig oft selbst bei jedem Signalton ablenken. Das Abschalten funktioniert weder bei den Geräten noch im Kopf.
Sogar die kurzen Momente, die im Alltag der Besinnung dienen könnten – beim Warten an der Bushaltestelle, beim Essen – widmen wir immer öfter dem Smartphone. Die permanenten Reize unterbrechen aber nicht nur Handlungen und Gedanken, sondern auch die Verbindung zu uns selbst – was es schwerer macht, wirkliche Bedürfnisse wahrzunehmen. Angesichts der vielfältigen Kontakte und der medialen Überreizung müssen wir lernen zu entscheiden: Was ist für mich persönlich relevant? Was ist wert, gelesen, gepostet, geteilt zu werden? Welchen Einflüssen, Vorbildern und Botschaften will ich mich aussetzen?
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