Unterdessen rumpelte, polterte und ächzte die Postkutsche auf ihrem langweiligen Wege mit ihren drei unerforschlichen Passagieren weiter. Auch diesen zeigten sich die Schatten der Nacht in den Gestalten, welche ihre halbschlummernden Augen und herumschweifenden Gedanken ihnen eingaben.
Tellson’s Bank spielte in der Postkutsche eine große Rolle. Wie der Bankpassagier — den einen Arm in die lederne Schleife gelegt, welche ihr Möglichstes that, ihn abzuhalten, auf den nächsten Passagier zu fallen und ihn in eine Ecke zu schieben, so oft die Kutsche einen ganz besondern Stoß erhielt — auf seinem Platze mit halbgeschlossenen Augen nickte, wurden die kleinen Kutschenfenster und die matt durch dieselben schimmernden Kutschenlaternen und der in seinen Mantel gehüllte Passagier gegenüber die Bank, die ganz gewaltige Geschäfte machte. Das Klappern des Geschirres wurde zum Geldklimpern und binnen fünf Minuten wurden mehr Tratten honorirt, als selbst Tellson’s Bank mit aller ihrer Kundschaft im Auslande und im Inlande jemals in der dreifachen Zeit bezahlt hatte. Alsdann thaten sich vor ihm die festen Keller unter der Bank mit den kostbaren Vorräthen und Geheimnissen, welche der Passagier wußte (und er wußte nicht wenige derselben), vor ihm auf, und er ging mit großen Schlüsseln und dem schwach brennenden Lichte hinein und fand Alles sicher und unbesehen und unverrathen, gerade, wie er es zuletzt gefunden.
Aber obgleich die Bank ihm fast immer Gesellschaft leistete und obgleich die Kutsche (in einer verwirrten Weise, wie das Schmerzgefühl unter dem Einflusse eines Opiats) sich nie von ihm trennte, blieb auch noch eine andere Reihe von Eindrücken die ganze Nacht hindurch lebendig. Er war unterwegs, um Jemanden aus einer Gruft herauszuholen.
Welches von den vielen Gesichtern, die sich ihm zeigten, das wahre Gesicht des Begrabenen sei, verriethen die Schatten der Nacht nicht; aber sie waren alle Gesichter eines Mannes von fünfundvierzig Jahren und unterschieden sich hauptsächlich in den Leidenschaften, welche sie ausdrückten und in dem Grauenhaften ihres abgelebten und elenden Aussehens. Stolz, Verachtung, Herausforderung, Trotz, Unterwürfigkeit, Jammer folgten auf einander; ebenso viele Abstufungen von eingefallenen Wangen, leichenhafter Farbe, abgezehrten Händen und Gesichtern. Aber im Ganzen war das Gesicht ein Gesicht und jedes Haupt war vor der Zeit weiß geworden. Wohl hundertmal fragte der Passagier aus seinem Halbschlummer heraus dieses Gespenst: „Wie lange begraben?“
Die Antwort war immer dieselbe: „Fast achtzehn Jahre.“
„Sie hatten alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?“
„Lange, lange schon.“
„Sie wissen, daß Sie wiederauferstanden sind?“
„So höre ich sagen.“
„Ich hoffe, Sie treten gern wieder ins Leben ein?“
„Das weiß ich nicht.“
„Soll ich sie Ihnen zeigen?“
„Wollen Sie sie sehen?“
Die Antworten auf diese Fragen lauteten verschieden und widersprechend. Manchmal lautete sie mit gebrochener Stimme: „Warten Sie! Es könnte mein Tod sein, wenn ich sie zu früh sähe.“ Manchmal kam sie mit einem Strom von rührenden Thränen und lautete dann: „Bringen Sie mich zu ihr.“ Manchmal war sie von weitgeöffneten Augen und verwirrten Blicken begleitet und war dann: „Ich kenne sie nicht. Ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt.“
Nach dieser Unterhaltung im Traum fing der Passagier in seinem Weiterträumen an zu graben und zu graben und zu graben — bald mit einem Spaten oder mit einem großen Schlüssel, oder mit den Händen — um den Unglücklichen auszugraben. Wie er endlich wieder, mit Erde um Gesicht und Haar, herausgeholt war, zerfiel er urplötzlich in Staub. Dann fuhr der Passagier aus seinem Halbschlummer auf und ließ das Fenster herab, um die Wirklichkeit des Nebels und Regens auf seiner Backe zu fühlen.
Aber selbst wenn seine wachen Augen den Nebel und Regen, den sich vorwärts bewegenden Streifen Licht von der Laterne und die in Stößen zurückweichenden Hecken an der Straße sahen, mischten sich die Schatten der Nacht außerhalb der Kutsche in den Zug der Schatten der Nacht innerhalb derselben. Das wirkliche Bankhaus am Tempelthor, das wirkliche Geschäft des gestrigen Tages, die wirklichen Kassenräume, der wirkliche Bote, der ihm nachgeschickt worden und die wirkliche Botschaft, die er zurückgeschickt hatte, waren alle vorhanden. Aber mitten unter ihnen tauchte das gespenstische Gesicht empor und er mußte es wieder anreden.
„Wie lange begraben?“
„Fast achtzehn Jahre.“
„Ich hoffe, Sie treten gern wieder ins Leben ein?“
„Das weiß ich nicht.“
Graben, graben, graben, bis eine ungeduldige Bewegung von einem der Passagiere ihn ermahnte, das Fenster in die Höhe zu ziehen, den Arm wieder fest und sicher in die lederne Schleife zu legen und über die beiden schlummernden Gestalten zu speculiren, bis seine Gedanken wieder von ihnen abkamen und sich wieder unmerklich der Bank und dem Grabe zuwendeten.
„Wie lange begraben?“
„Fast achtzehn Jahre.“
„Sie hatten alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?“
„Lange, lange schon.“
Die Worte klangen ihm immer noch im Ohre, als ob sie eben erst gesprochen worden — so deutlich, als er jemals gesprochene Worte hatte nachklingen hören —, als der müde Passagier zum Bewußtsein des Tageslichtes aufwachte und fand, daß die Schatten der Nacht verschwunden waren.
Er ließ das Fenster herab und sah hinaus auf die aufgehende Sonne. Vor ihm lag ein Abhang Ackerland mit einem Pflug darauf, noch auf derselben Stelle, wo die Pferde gestern Abend ausgespannt worden waren; darüber ein stilles Niederholz, in welchem viele Blätter von brennendem Roth und goldenem Gelb noch auf den Büschen hingen. Obgleich der Erdboden kalt und feucht war, war doch der Himmel heiter und die Sonne ging hell, ruhig und schön auf.
„Achtzehn Jahre!“ sagte der Passagier, die Augen der Sonne zugewendet. „Barmherziger Schöpfer des Tages! Achtzehn Jahre lang lebendig begraben!“
Viertes Kapitel.
Die Vorbereitung.
Als die Postkutsche im Laufe des Vormittags allmälig nach Dover gelangt war, machte der Oberkellner des Hotels zum „König Georg“ den Kutschenschlag auf, wie es seine Gewohnheit war. Er that es mit einer gewissen Feierlichkeit, denn eine Reise in der Postkutsche von London im Winter war eine Heldenthat, wegen der man einem kühnen Reisenden gratuliren durfte.
Es war jetzt aber nur noch ein kühner Reisender zum Gratuliren übrig; denn die beiden andern waren an verschiedenen Orten unterwegs ausgestiegen. Das kellerartige Innere der Kutsche mit dem feuchten und schmutzigen Stroh, dem unangenehmen Geruch und der Finsterniß sah eher wie ein großer Hundestall aus. Mr. Lorry, der Passagier, sah, wie er, mit einzelnen Strohhalmen behangen, das zottige Wickeltuch nachschleppte und mit schlappem Hut und schmutzigen Stiefeln herausstieg, eher wie ein großer Hund aus.
„Geht morgen ein Packetschiff nach Calais ab, Kellner?“
„Ja, Sir, wenn sich das Wetter hält und der Wind leidlich günstig wird. Fluth wird ziemlich scharf gegen zwei Uhr Nachmittags eintreten, Sir. Ein Bett, Sir?“
„Ich gehe nicht vor Nachts schlafen; aber ich will ein Schlafzimmer und einen Barbier.“
„Und ein Frühstück, Sir? Ja, Sir. Hier herauf, Sir, wenn’s beliebt. Nummer zwei! Den Mantelsack des Herrn und warmes Wasser nach Nummer zwei. Zieht dem Herrn in Nummer zwei die Stiefeln aus. (Es brennt dort schon ein gutes Steinkohlenfeuer, Sir.) Ein Barbier für Nummer zwei. Rührt Euch, für Nummer zwei!“
Da Nummer zwei immer für Postpassagiere bestimmt war und Postpassagiere immer vom Kopf bis zum Fuß dick eingewickelt waren, so hatte für die Inwohner des Königs Georg dieses Zimmer das merkwürdig Interessante, daß, obgleich man nur eine Art Mensch hineingehen sah, alle verschiedenen Arten von Menschen wieder heraustraten. Daher hielten sich auch ein anderer Kellner und zwei Portiers und verschiedene Stubenmädchen und die Wirthin aus Zufall an verschiedenen Punkten des Weges zwischen Nummer zwei und dem Frühstückszimmer auf, als ein Herr von etwa sechszig Jahren in einem ziemlich getragenen, aber sehr gut gehaltenen braunen Anzug mit großen Aufschlägen an den Armen und großen Patten über den Taschen zum Frühstück wieder aus Nummer zwei kam.
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