Fast hatte es den Anschein, als würde Guy de Saint Neville nicht antworten. Doch dann blickte er Rudger traurig an. „Diese Frage, mein Sohn, kann ich dir auch nicht beantworten.“
Mit einem Ruck wandte er sich wieder Friedrich zu. „Es ist alles gesagt, Bruder. Wir sehen uns, und wenn es im Himmel oder auch in der Hölle ist.“ Mit einem Nicken stand er auf und wandte sich zur Tür. Er schickte er sich an, hinauszugehen. Dabei streifte sein Blick Bruder Hippolit, welcher sich daraufhin umständlich von seinem Stuhl erhob. „Gott sei mit Euch, Bruder Friedrich“, beeilte der Mönch sich, zu sagen. Rudger vollkommen ignorierend, folgte er dem Ritter.
Die eintretende Stille war schier erdrückend. Rudger wagte nicht, als erster die Stimme zu ergreifen. Friedrich blickte auf einen imaginären Punkt vor sich. Das Schweigen zog sich einige Minuten hin. Dann ging ein Ruck durch den Ordensmeister. Er holte tief Luft. „Geh mein Sohn. Du musst unverzüglich aufbrechen. Zuerst reite nach Mücheln. Du bist lange Zeit dort gewesen. Unser Meister Gero muss gewarnt werden. Er wird wissen, was zu tun ist und wohin er dich als nächstes schickt. Er kennt sich Richtung der Ostmarken am besten aus. Du nimmst dir ein paar Männer mit, denen du vertraust. Ich schätze, ich weiß auch, wen du auswählen wirst.“ Er lächelte Rudger an. Vor dessen geistigem Auge erschienen sofort sie Gesichter vor Endres, Jorge und Valten. Er grinste zurück. Dann wurden beide schnell wieder ernst.
„Ich schreibe in der Zwischenzeit ein paar Briefe, sowohl um dir sicheres Geleit zu garantieren als auch einen für Bruder Gero. Im Meißner Land dürfte deine Familie noch recht sicher sein. Da musst du dir keine Sorgen machen. Der Markgraf ist ein Freund der Templer. Auch steht er mit dem König auf Kriegsfuß und streitet sich mit diesem um sein Erbe in der Mark. Doch trotzdem ist Vorsicht geboten, denn der Papst hat seine Verbündeten überall. Und der König wird demjenigen nachgeben, der seine Macht am wenigsten bedroht. Friedrich, als ein Enkel des letzten großen Staufers, gehört leider nicht zu den bevorzugten Freunden seiner Majestät. Also mach dich bereit, mein Sohn. In einer Stunde erwarte ich euch im Hof. Ich werde dafür sorgen, dass ihr Pferde und Proviant erhaltet. Außerdem müsst ihr noch ein paar Pferde aus den Stallungen mitnehmen. Ich will nicht, dass diese edlen Rösser in die Hände unserer Feinde fallen.“
Damit war Rudger entlassen. Schnell deutete er eine Verbeugung vor Friedrich an. Doch der hielt ihn unvermittelt am Ärmel fest und sah ihn mit durchdringendem Blick an. „Rudger, es soll noch keiner weiter von den Vorgängen in Frankreich erfahren. Nur deine Männer dürfen eingeweiht werden. Ich möchte nicht, dass es zu Unruhen in unseren Reihen kommt. Ich werde erst einmal abwarten, wie sich der Erzbischof in Magdeburg in dieser Sache verhält, bevor ich die Brüder in Angst und Schrecken versetze. Doch Bruder Gero muss gewarnt werden. Unter Umständen bin ich vielleicht später nicht mehr in Lage dazu, alles Nötige zu unserer Rettung zu veranlassen.“
„Davor bewahre uns Gott“, brachte Rudger mit heiserer Stimme hervor. Dann eilte er aus der Kammer, in der Hoffnung, seine Freunde noch beim Morgenmahl zu finden.
Wichmannsdorf
17. Oktober 1307
Endres, Jorge und Valten saßen in der Tat noch im Refektorium. Die meisten der Brüder waren bereits hinausgegangen, um ihr Tagwerk zu beginnen. Die Kerzen auf den Tischen spendeten nur ein dusteres Licht. Noch hatte die Morgendämmerung nicht alle Winkel des niedrigen Speisesaals erreicht. Doch die drei jungen Männer wollten unbedingt auf die Rückkehr ihres Freundes warten. Da heute eh alles anders zu sein schien, wagten sie dann auch, ihn laut anzusprechen. Den bösen Blick der zwei Priesterbrüder, die sich anschickten, die Tische abzuräumen, ignorierten sie. Schließlich war das Morgenmahl vorbei.
„Was wollte Friedrich von dir?“, fragte Valten ungeduldig. Lässig lehnte er mit dem Rücken an einer der steinernen Säulen, die das niedrige Gewölbe des Refektoriums stützten und zwischen denen die Tische und Bänke aufgereiht waren. Sein dichtes braunes Haar stand in alle Richtungen. Obwohl er es nach dem Aufstehen mit Wasser geglättet hatte, war es zu widerspenstig, um sich bändigen zu lassen. Er trug es kurz, wie alle Ordensritter. Doch im Gegensatz zu den Priesterbrüdern mussten sie sich keine Tonsur rasieren. Sein wilder Haarschopf und seine leuchtenden dunkelblauen Augen verliehen ihm ein verwegenes Aussehen, das seinem stürmischen Charakter entsprach.
Auch Endres und Jorge schauten Rudger mit gespanntem Gesichtsausdruck an. Sie konnten unterschiedlicher nicht sein. Endres dunkle Locken schimmerten fast schwarz. Seine feinen Gesichtszüge hätte man weich nennen können, wäre da nicht sein energisches Kinn gewesen, das er jetzt trotzig nach vorne schob. Er war genau so groß gewachsen wie fast alle seiner Brüder, denn sie waren die Elite der Ritter und mussten ganz besondere körperliche und charakterliche Eigenschaften besitzen. Der schon fast hypnotisierende Blick aus seinen dunklen Augen, ließ manchen seiner Gegner auf dem Schlachtfeld ein kurzes Gebet gen Himmel senden, bevor sie sich ihrem Schicksal stellten. Er war ein knappes Jahr jünger als Rudger, aber ließen ihn die Erfahrungen etlicher Kämpfe älter erscheinen. Auch Jorge konnte sich in der Runde der jungen Männer sehen lassen. Er war blond, doch hatte er das Haar ganz kurz geschoren. Der Blick aus seinen hellblauen Augen war offen und herzlich und offenbarte seinen aufrechten Charakter. Seine hohen Wangenknochen verliehen seinem Gesicht einen stolzen Ausdruck und ließen auf seine edle Herkunft schließen. Allerdings war er nur ein nachgeborener Sohn und sein älterer Bruder der Erbe des beträchtlichen Landgutes im Emsland. Sein Vater war ein Lehnsmann des Fürstbischofs von Münster, und es war ihm gelungen, durch seine Beziehungen zum Bischofshof seinen Sohn in einem Ordenshof der Templer unterzubringen. Jorge war der Stolz seiner Familie, auch wenn er nicht der Erbe war. Doch dem jungen Ritter war das eher gleich. Für ihn gab es nur den Orden, dem er sich verpflichtet hatte, alle weltlichen Dinge schloss er aus seinem Leben aus.
Rudger hob beschwichtigend die Hände. „Ruhig Freunde“, warnte er sie mit verhaltener Stimme. Er sah sich im Raum um. Die zwei Ordensbrüder trugen gerade das benutzte Geschirr hinaus. Hinter ihnen schloss sich die Tür, dann zog Ruhe ein.
„Ich glaube“, begann er, „ihr habt es bereits gemerkt. Aber der heutige Morgen ist alles andere als normal verlaufen. Mich wundert es, dass niemand offen gefragt hat, was los ist.“
„Haben wir ja auch nicht“, meinte Endres grinsend. Doch Rudger schaute ihn ernst an.
„Und was ist los?“, fragte der Ritter, durch die betroffene Miene des anderen stutzig geworden. Doch bevor sein Freund zu einer Antwort ansetzen konnte, wurde die Tür leise geöffnet und der Kopf Bruder Anselms erschien.
„Hast du nichts zu tun?“, herrschte ihn Valten an.
Rudger, der sich herumgedreht hatte, gebot Valten mit einer Geste seiner Hand Einhalt.
„Nein, Anselm. Komm rein. Du sollst hören, was ich erfahren habe. Anselm war der erste, der mir heute am frühen Morgen eine ungeheuerliche Neuigkeit zugetragen hat“, wandte er sich an seine Freunde. „Erst wollte ich ihm nicht glauben. Aber vorhin war ich bei unserem Meister. Und was ich da gehört habe, das ahnt ihr nicht einmal.“
Anselm setzte sich zu ihnen und sah Rudger gespannt an.
„Nun mach schon, lass uns nicht solange schmoren. Was gibt es so furchtbar Geheimnisvolles, dass ihr zwei euch ständig verstohlen umschaut, aus Angst, es könnte einer zuhören?“ Jorge wurde wie die anderen langsam ungeduldig. Die Geheimniskrämerei seines Freundes mutete ihm etwas seltsam an.
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