Endres stutzte. „Rudger!“, rief er ihm laut flüsternd hinterher. Doch sofort bereute er seine voreilige Reaktion, denn jetzt waren die Blicke aller auf ihn gerichtet. Bei Tisch herrschte strengstes Redeverbot. Vorwurfsvoll schauten ihn die anderen Ordensbrüder an und er senkte beschämt den Kopf. Aus dem Augenwinkel heraus sah er noch, wie ihr Ordensmeister Rudger nach draußen zog, dann waren sie im Schatten des Ganges verschwunden. Doch in der Gewissheit, dass Rudger ihm später sowieso alles erzählen würde, grübelte er nicht weiter über das Gesehene nach. Er zog eine Augenbraue leicht nach oben und lächelte Valten und Jorge, die ihn fragend anschauten, entschuldigend zu. Er zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder seinem Mahl. Insgeheim freute er sich schon auf den Abend, denn dann würde der Küchenmeister wieder ein deftiges Fleischgericht auftragen. Was jetzt im Herbst in der Jagdzeit auch üppiger als in anderen Jahreszeiten ausfiel. Soviel er wusste, hatte Friedrich erst in der letzten Woche einen großen Rehbock erlegt, der nun inzwischen genug abgehangen sein dürfte. Endres lief das Wasser im Mund zusammen, und für einen Moment glitt ein Ausdruck der Glückseligkeit über seine Züge.
Die Speise der Ordensleute, ganz gleich, ob Ritter- oder Priesterbruder unterlag strengen Regeln. Sonntags, dienstags und donnerstags gab es zum Abend immer Fleisch und Gemüse, während montags, mittwochs und sonntags nur Käse und Eierspeisen aufgetischt wurden. Freitags war Fastentag, an dem Fisch gegessen wurde. Endres war zufrieden mit dem Essen. Am Abend erhielten sie dann auch einen Nachtisch in Form von Kuchen oder einer anderen süßen Leckerei. Auch wenn es am Morgen immer eine Gersten- oder Hafersuppe gab, zum Nachtmahl konnten sie alle tüchtig zulangen. Das war auch wichtig, denn sie trainierten den ganzen Tag hart mit ihren Waffen, um für ihre Einsätze im Kampf gerüstet zu sein. Die Priesterbrüder bewirtschafteten den Hof und ihr Tagwerk stand dem der Ritter in nichts nach, dafür sorgte ihr Ordensmeister. Und so kam es, dass sie immer alle gemeinsam ihre Mahlzeiten einnahmen.
Friedrich von Alvensleben schritt zügig auf den Treppenaufgang zu und bedeutete den anderen wortlos, ihm zu folgen. Das flackernde Licht einzelner Fackeln, welche in den Halterungen an den Wänden steckten, spendete wenig Helligkeit. Die große Halle, von der eine Treppe nach oben zu den Schlafsälen der Ritter und Priesterbrüder führte, blieb weitestgehend im Dunkeln. Rudgers Herz begann zu klopfen. Jetzt endlich würde er erfahren, was an den Worten Anselms wirklich dran war. Vielleicht hatte auch die Fantasie dem jungen Mönch einen Streich gespielt. Rudger wusste, dass Anselm gern seine Nase in alte Schriften steckte, in denen antike Sagen und Mythen standen. Oft erzählte er seinem Freund dann von diesen Fabelgestalten und seine Begeisterung kannte keine Grenzen.
Doch als der Ordensmeister die Tür zu seiner Kammer öffnete und sie mit einem besorgten Blick in den Gang zurück sorgfältig hinter sich schloss, wusste Rudger, dass etwas Bedeutendes in der Luft lag.
Friedrich wies seinen beiden Gästen jeweils einen der hohen Lehnstühle zu, die sich um einen schweren, mit Papieren beladenen Eichentisch in der Mitte des Raumes reihten. Als er den jungen Ritter nicht auch zum Setzen aufforderte, stellte dieser sich direkt neben den Tisch.
„Rudger“, begann sein Meister ohne Umschweife. „Dies hier sind der edle Ritter Guy de Saint Nivelle und Bruder Hippolit aus unserer Ordensgemeinde in Paris.“ Er zögerte einen kurzen Moment. „Ich glaube, du ahnst bereits, was das zu bedeuten hat.“ Rudger nickte stumm.
„Das Gerücht, was dir Bruder Anselm zugetragen hat, stimmt also. Der französische König hat im Namen des Papstes - letzterer wohl auch nur auf die Erpressung durch Philipp hin - alle unsere Brüder in Paris und den umliegenden Gemeinden gefangen nehmen lassen. Ihnen wird Verrat am Christentum, Gotteslästerung, Blasphemie und, was wohl am Schlimmsten ist, Sodomie und Götzendienst vorgeworfen. Wir sollen angeblich Baphomet huldigen. Wie lächerlich“, schnaubte er voller Verachtung. Dann fuhr er fort: „Inzwischen dürften auch auf den anderen Ordenshöfen in ganz Frankreich unsere Brüder verhaftet worden sein. Es war eine geplante Nacht- und Nebelaktion und es gelang den wenigsten, zu fliehen.“ Er schaute zu Guy.
„Du vertraust dem jungen Bruder, Francois?“, fragte der Ordensritter mit einem starken französischen Akzent. „Wir brauchen jemandem, auf den einhundert Prozent Verlass ist, wenn wir die Brüder im deutschen Reich warnen wollen. Nach Osten hin, gibt es zum Glück nicht viele Ordenshöfe, und der böhmische König steht auf unserer Seite.“
„Woher wollt Ihr das wissen?“, entfuhr es Rudger ungefragt. Trotzig reckte er das Kinn. Wenn sie ihn schon in die Sache hineinzogen, so wollte er auch alles ganz genau erfahren. Und was seine Herkunft anbelangte, so stand er den anderen als Sohn eines reichsunmittelbaren Adligen wohl in nichts nach.
Irritiert blickte Guy erst zu ihm, dann mit einem fragenden Ausdruck auf dem Gesicht zu Friedrich. Doch bevor er ungehalten reagieren konnte, kam ihm der Ordensmeister zuvor.
„Nun, was das anbelangt, so glaube ich, der böhmische Herrscher hat in der Vergangenheit oft genug bewiesen, dass er weder mit Philipp noch mit dem deutschen König viel gemein hat. Schon aus der Tatsache heraus, ihnen eins auswischen zu können, wird er sich auf die Seite der Templer stellen.“ Friedrich grinste. „Und was deine Frage anbelangt, mein lieber Guy, Bruder Rudger ist der geeignete Mann, dem wir diese Mission anvertrauen können. Ihr wisst, in Aruad hatte er großen Anteil daran, dass wir fliehen konnten. Auch wenn es uns nicht gelungen ist, rechtzeitig Hilfe holen zu können.“ Friedrich verstummte einen Moment. „Nun, wie auch immer. Ich vertraue Rudger und ich werde ihn mit einigen Männern, die er selbst auswählen wird, auf die Ordenshöfe der Marken Brandenburg und Meißen schicken. Die Kunde von der Vernichtung unseres Ordens muss so schnell als möglich im ganzen Land publik werden. Dem französischen König darf es nicht gelingen, mit Hilfe des Papstes all unsere Brüder gefangen zu nehmen. Unser über Jahrhunderte errichtetes Werk darf nicht zerstört werden.“
„Glaubst du wirklich, einem so jungen Mann wird es gelingen, unseren Orden zu retten, Bruder Friedrich?“, fragte nun auch der Mönch mit spöttischer Stimme. Er warf Rudger einen geringschätzigen Blick zu. „Und außerdem, wie können wir auf ihn bauen, nachdem er in Aruad Fersengeld gegeben hat. Sonst stünde er wohl nicht hier, oder?“ Ein süffisantes Lächeln umspielte die fleischigen Lippen Hippolits.
„Es reicht“, herrschte ihn Guy mit scharfer Stimme an. „Du vergisst dich, Bruder Hippolit. Oder willst du dem edlen Ordensmeister etwa auch Feigheit vorwerfen? Wie du gerade gehört haben dürftest, ist es auch ihm nur mit Müh und Not gelungen, das Schlachtfeld lebend zu verlassen. Wenn er den jungen Bruder hier als für geeignet erachtet, diese Mission zu erfüllen, dann vertraue ich auf sein Urteil.“ Er wandte sich an Friedrich. „Nun, du weißt, was zu tun ist, Bruder. Das weitere Schicksal des Ordens im Reich liegt in deiner Hand. Möge Gott auf deiner Seite sein. Bruder Hippolit und ich werden weiter nach England reisen, und versuchen, den jungen König Edward davon zu überzeugen, nichts gegen die Templer zu unternehmen. Immerhin ist er mit der Tochter Philipps verlobt. Auch steht er in Opposition zu den Schotten. Der schottische König hat sich in den letzten Monaten, als die Anschuldigungen gegen unseren Orden laut wurden, immer auf unsere Seite gestellt. Selbst aus seiner Familie gibt es Kämpfer in unseren Reihen.“
„Erlaubt mir eine letzte Frage, Bruder Guy“, wagte Rudger noch einmal das Wort zu ergreifen. „Verzeiht mir meine Unwissenheit. Aber wie war es überhaupt möglich, dass der Orden in ganz Frankreich innerhalb nur weniger Stunden aufgerieben werden konnte? Obwohl es, wie ihr gerade selbst gesagt habt, immer wieder Gerüchte darüber gab, der Papst würde im Einklang mit Philipp gegen die Templer vorgehen? Wieso habt Ihr die Anzeichen ignoriert? Warum hat unser Großmeister die Brüder nicht gewarnt oder sich entsprechende Verbündete gesucht? Das begreife ich nicht.“
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