„Was!“, rief der Ritter erstaunt. Erschrocken schlug er die Hand vor den Mund und schaute sich verstohlen um. Doch niemand schien ihn gehört zu haben. „Komm, lass uns nach draußen auf den Gang gehen.“ Anselm am Arm packend zog er ihn hinter sich her. Vor der Kammer sah er sich aufmerksam um. Doch sie waren allein hier.
„Warum das denn?“, fragte er leise.
„Ich war halt neugierig, was die Kerle mitten in der Nacht und in aller Heimlichkeit hier wollten. So bin ich ihnen nach. Als sie hinter der Tür unseres Ordensmeisters verschwunden sind, habe ich mich angeschlichen und gelauscht.“ Entschuldigend zog Anselm seine Schultern nach oben. „Ich habe ein paar Gesprächsfetzen erhaschen können, als der eine Kerl zu Friedrich sagte, es sei schlechte Kunde, die er brächte. Auf Friedrichs Nachfrage antwortete er, der Orden sei verloren. Dann haben sie nur noch gemurmelt. Aber nach einer Weile konnte ich noch verstehen, wie irgendwer sagte, der französische König habe in Paris alle Templer verhaften lassen. Aber das habe ich dir ja bereits erzählt.“
Rudger ließ sich gegen die Wand sinken. Unruhe ergriff ihn. Schon seit längerem wusste er, dass der französische König Philipp, den alle Welt den Schönen nannte, Unruhe in den Reihen der Kirche säte. Der von ihm wie eine Marionette dirigierte Papst, Clemens V., hatte die Templer zwar von den Vorwürfen freigesprochen, die im Verlaufe der letzten Jahre gegen sie laut geworden waren. Dennoch stand der Verdacht im Raum, dass sich die Ordensritter der Häresie schuldig gemacht hätten. Auch der Vorwurf, sie wären lieber ihren Geldgeschäften nachgegangen, statt sich der Bekämpfung der Heiden zu widmen, wog schwer. Nun schien sich das Blatt endgültig gewendet zu haben. Wenn es überhaupt stimmte, was der Mönch in gehört hatte. Oft gaukelten die Gespenster der Nacht einem Dinge vor, die tagsüber betrachtet vollkommen lächerlich waren.
Da an Schlaf nicht mehr zu denken war, beschloss Rudger in die Kapelle zu gehen und dort den Beginn des Tages abzuwarten. Er schlich sich zurück in den Schlafsaal, streifte seine Hosen über und befestigte die Bänder am Gürtel seiner Bruche. Seinen Rock hatte er gleich nach dem Aufstehen, als Bruder Anselm ihn unsanft aus dem Schlaf riss, übergezogen, da es im Schlafsaal zugig und kalt war. Dann schlüpfte er in seine Schuhe, warf sich den Mantel über und klopfte Anselm, der ihm gefolgt war, leicht auf die Schulter. Mit einem verhaltenen Nicken verließ er den Schlafsaal. Wie durch ein Wunder war keiner der anderen von ihrem Treiben wachgeworden.
Anselm holte tief Luft und überdachte seine eigene Lage. Er war einer der Ordensmönche, die sich auf dem Templerhof aufhielten. Außer ihm selbst gab es noch sieben weitere Brüder, die sich um die wirtschaftlichen Belange des Hofes und um das leibliche Wohl der fünfzehn Ritterbrüder einschließlich ihres Ordensmeisters kümmerten. Anselm hatte erst vor wenigen Wochen das Gelübde abgelegt. Er war der jüngste Sohn eines anhaltinischen Adligen, ohne Aussicht auf ein Erbe. Doch die Familie stand den Templern schon seit Generationen nahe. Sein Onkel Wilhelm von Colbitz, selbst ein Tempelritter, war in der Schlacht um Akkon gefallen. Anselm war von schmächtiger Statur, und sein Vater hatte bestimmt, dass er als Ordensmönch zwar tauglich sei, nicht aber als Krieger. Die Tempelritter waren seit über zweihundert Jahren die militärische Elitetruppe des Abendlandes, und es waren nur kräftige junge Männer, denen das Privileg zuteilwurde, in ihre Reihen aufgenommen zu werden.
Anselm war nicht böse darüber. Immer schon hatte er lieber seinen Gedanken nachgehangen, verabscheute jedwede Form von Gewalt. Jetzt diente er dem Ritterorden. So erforderte es die Tradition seiner Familie. Denn jeweils ein Spross jeder Generation war für den Templerorden bestimmt. Doch Anselm war froh darüber, nicht selbst zum Kämpfer erwählt worden zu sein. Dass er den Preis zahlen und dafür Mönch werden musste, um dem Orden beizutreten, hatte ihn anfangs traurig gestimmt. Viel lieber wäre er als Verwalter eines Gutshofes oder auf den Ländereien seiner Familie in Colbitz geblieben. Jetzt oblag ihm seit wenigen Tagen trotz seiner Jugend die wirtschaftliche Führung des Ordensgutes Wichmannsdorf, und er wollte sein Bestes geben, um die Templer und seine Familie nicht zu enttäuschen.
Das Lehen von Wichmannsdorf gehörte ebenso wie die Güter Rolstedt und Gerdingsdorf den Herren von Alvensleben. Friedrich von Alvensleben* war der Ordensmeister der Templer im Deutschen Reich. Er hatte die Höfe mit verdienten Rittern des Ordens besetzt, die in ständigem Kontakt zu ihm standen, ganz gleich, wo er sich aufhielt. Anselm hatte sich geschworen, Friedrich nicht zu enttäuschen. Er war nicht weniger wert, nur weil er das Schwert nicht zu schwingen wusste. Langsam ließ er die Luft wieder aus seiner Brust entweichen und schloss kurz die Augen. Doch ein Geräusch brachte ihn in die Gegenwart zurück. Rudger hatte den Saal schon vor einer ganzen Weile verlassen. Mit klopfendem Herzen schaute sich Anselm verstohlen um. Doch niemand schien auf sie aufmerksam geworden zu sein. Leise schlich er zurück in seine eigene Schlafkammer, die er sich mit den anderen Mönchen teilte.
Die Kapelle des Gutshofes lag in tiefer Finsternis. Am klaren Himmel funkelten unzählige Sterne. Rudger wandte sein Gesicht nach oben. Dann schloss er die Augen. Gott, lasse es nicht wahr sein. Warum nur willst du den Orden bestrafen? Wir alle sind gottesfürchtige Menschen, standen dir immer nahe und haben nur nach deinem Gefallen gehandelt. Warum nur Gott ...
Der heisere Schrei einer Eule ließ ihn zusammenfahren. Für einen kleinen Moment stockte sein Atem. Rudger straffte die Schultern. Mit einem kurzen, freudlosen Auflachen wandte er sich der Kapelle zu. Die Tür gab beim Öffnen einen schwachen knarzenden Laut von sich. Er trat ein und ging die wenigen Schritte bis zum Altar. Irgendwie wusste er nicht so recht, was er eigentlich hier sollte. War Gott ihm hier in der dumpfen, muffigen Umgebung der alten, feuchten Mauern näher, nur weil das Abbild seines Sohnes dort vorn am Kreuz hing? Sofort meldete sich das schlechte Gewissen über seine Blasphemie in Rudger. Er schüttelte kurz den Kopf, dann schlug er das Zeichen des Kreuzes und sank auf die Knie. Doch wollten seine Gedanken zu keinem Gebet finden, wieder kamen ihm die Worte Bruder Anselms in den Sinn. Was, wenn es wahr wäre? Er konnte sich nicht konzentrieren. Ungeduldig erhob er sich und begann in der Kirche auf und ab zu gehen. Ein Unterfangen, was fast schon an Unmöglichkeit grenzte, da der Raum nur wenige Meter maß, gerade genug Platz für die Menschen, die sich auf dem Ordenshof aufhielten.
Ungeduld fraß an seinem Inneren. Immer wieder lauschte er, ob nicht auch die anderen Ordensbrüder langsam wach werden würden. Er brannte darauf, zu hören, was der Ordensmeister ihnen zu sagen hatte. Aber ob er sie überhaupt über seine nächtlichen Besucher unterrichtete?
Erschrocken wandte Rudger den Kopf, als jemand die Tür energisch aufstieß. Eine Fackel in der Hand, betrat Friedrich von Alvensleben das Gotteshaus. Verwirrt schaute Rudger ihn an, zu keinem klaren Gedanken fähig. Erst die Stimme des Ritters holte ihn zurück in die Wirklichkeit.
„Rudger?“ Fragend schaute Friedrich ihn an. „Was tust du hier?“ Verwunderung schwang in seiner Stimme mit. Rudger wurde es schlagartig bewusst, dass er ja eigentlich noch gar nichts von den nächtlichen Besuchern wissen durfte. Er riss sich zusammen. Er schluckte und atmete tief durch. Friedrich wurde ungeduldig.
Rudger verbeugte sich leicht vor seinem Meister. Der legte nicht sonderlich viel Wert auf derlei Gehabe. Ein freundschaftlicher Umgang mit seinen Rittern war ihm lieber. Das hieß allerdings nicht, er würde von ihnen nicht den nötigen Respekt erwarten.
„Ich konnte nicht mehr schlafen“, beeilte sich Rudger mit etwas heiserer Stimme zu sagen. „Ich dachte, ein Gebet könne meine innere Unruhe besänftigen.“ Damit hatte er nicht einmal gelogen, denn schon bevor Bruder Anselm zu ihm in den Schlafsaal gekommen war, hatte er eine Weile wach auf seiner Pritsche gelegen. Doch nun kam er sich vor seinem Meister etwas albern vor, hier in die Kapelle gekommen zu sein.
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