Ich wollte etwas sagen, doch ich wagte es nicht. Da waren so viele Worte, so viele die nur falsch zu verstehen waren. Ich selbst verstand sie nicht. Ich wünschte ich könnte schreien, damit ich all das Schweigen nicht hören musste. Jane wollte sich in Luft auflösen, doch es gelang ihr nicht.
Der Moment schien festgefroren. Keiner bewegte sich. Ich konnte spüren wie sie in Gedanken den Raum hinter sich ausmaß. Doch es führte kein Weg an mir vorbei. Die Seitentür nach außen war mit Getränkeboxen zugestellt. Sie musste still mit sich fluchen, dass sie die dort abgestellt hatte. Zu allem Überfluss stand ich so dicht an der Treppe, dass sie nicht berührungslos an mir vorbei kommen konnte.
Zu der Einschätzung musste sie auch eben gekommen sein. Ich beschäftigte mich seit einer Weile mit dem Gedanken einen Schritt zur Seite zu gehen, konnte mich aber nicht entscheiden.
Jane drehte sich um und ihr Mund lächelte. Sie gab nicht vor überrascht zu sein. Sie nickte mir grüßend zu, bückte sich und schnappte sich eine Kiste mit Gefrierelementen. Ihre Schritte wirkten sicher als sie auf mich zukam.
Endlich tat ich den Schritt zur Seite.
„Es tut mir leid.“
Sie betrat eben die Treppe.
„Ich wollte nicht.“
Sie ging weiter nach oben.
„Wir räumen lieber noch ein bisschen auf, bevor dein Vater kommt.“
Ich blickte mich um und sah auf den Turm voll Müll den der gestrige Abend hinterlassen hatte.
Als ich erneut zur Treppe sah, war Jane bereits verschwunden. Schwerfällig arbeitete ich mich die Treppe hoch.
Jane stand hinter der Bar und wischte nass auf. Wo sie den Eimer so schnell her hatte, blieb mir ein Rätsel. Sie wandte mir den Rücken zu und war eifrig dabei zu schrubben. Dennoch war von Hektik bei ihr nichts zu erahnen.
Sie bewegte sich wesentlich schneller und flinker als es ihrem Körperbau entsprach. Ich hörte Vaters Stimme.
„Die Putze putzt“, pflegte er zu sagen, wenn er sie so sah.
Dabei lachte er stets leise, als würde er sich für seine Wortkombination bewundern.
Ich hielt mich an der Wand fest. Es war so ungerecht.
„Du kannst die Kisten hinunter tragen.“ Jane blickte mich kurz an und zauberte ein neues Tuch aus ihrer Schurze hervor und nebelte den Spiegel mit ihrer Sprühflasche ein.
Ich ließ meinen Oberkörper nach vorne kippen und stützte mich am Tresen ab. Am anderen Ende der Bar standen drei Kisten mit leeren Flaschen. Ich nahm eine Kiste und ging zur Treppe. Es kam mir vor, als wären alle Flaschen gefüllt, so schwer wog es in meinen Armen. Das Gehen fiel mir noch schwerer. Als ich die ersten Stufen hinter mir hatte, erkannte ich den Fehler. Es war keine Hand frei, um mich an der Wand abzustützen. Stehen bleiben konnte ich auch nicht mehr. Mein Oberkörper zog mich nach unten. Doch auch so kam ich nicht weit. Meine Beine verloren den Rest Kontrolle, den sie noch hatten. In dem verzweifelten Versuch das Gleichgewicht zu wahren, setzte ich die Füße schneller ab. Doch diese entwickelten eine Eigendynamik, derer ich nicht gewachsen war. In der Hälfte der Treppe kippte mein Körper endgültig nach vorne. Meine Füße verloren den festen Boden unter sich. Die Kiste entglitt meinen Händen und flog in einem hohen Bogen nach unten. Mein Oberkörper schlug schmerzhaft auf und kippte zur Seite. Die restlichen Stufen rollte ich unkontrolliert in die Tiefe. Zusammen gekauert blieb ich liegen. Lautes Klirren schallte mir entgegen, während viele der Flaschen brachen. Die Scherben lagen in einem weiten Kreis verteilt. Mit Alkohol beladener Dunst erhob sich und erweckte unerwünschte Geister in meinem Kopf.
Kleine Splitter glitzerten auf der Erde und mir war es, als wäre das Klirren immer noch zu hören. Die Welt kam nicht zur Ruhe. Überall war Lärm und Schmerz. Ich lag gegen die Wand gerollt auf der Erde. Als ich wieder zur Ruhe kam, horchte ich.
Doch Jane kam nicht nach mir sehen.
Eine Weile starrte ich die Treppe hoch. Dann zog ich mich an der Wand nach oben.
Jane war immer noch am Wischen. Die Stühle waren hochgestellt und der Boden glänzte feucht. Auch wenn sie es bemerkte, so reagierte sie nicht, als ich ihr bei der Arbeit zusah.
Ich konnte mich nicht entschließen etwas zu sagen und senkte den Blick. Ich schloss die Augen und schüttelte den Kopf, bevor ich glauben konnte, was ich dort sah. Vor meinen Füßen stand ein kleiner Handfeger samt Eimer und Schaufel.
Ich sah Jane nochmals an und gehorchte ihrem Befehl.
Auf allen Vieren rutschte ich über den Kellerboden und sammelte die Scherben auf.
Es war mühselig und nicht selten fand ich unter meinem Knie einen Splitter der mitrutschen wollte.
Mehrmals setzte ich mich auf den Hintern und musste resignierend feststellen, dass Jane das viel schneller und gründlicher tun würde.
So konnte das nicht weiter gehen. Nachdem die meisten Scherben eingesammelt waren, stand ich auf und fasste einen Entschluss. Diesmal würde Jane mich nicht aufhalten. Keiner würde mich aufhalten.
Den Eimer mit Scherben stellte ich direkt neben Jane ab.
„Hier bitte“, sagte ich und reichte ihr den Handfeger.
„Danke.“ Sie musterte mich von oben bis unten.
„Das hast du gut gemacht, mein Junge.“ Alles war wieder wie immer. Den Ton kannte ich gut. Sie war mir nicht mehr böse. Auch wenn ich mich sonst über das fragwürdige Kompliment geärgert hätte, freute ich mich diesmal.
„Jane?“
Sie hielt inne und wirkte etwas angespannt.
„Ich meinte das ernst.“
Sie wurde unruhig.
„Du hast mir nie von dir erzählt.“
„Du hast nie gefragt!“ Sie nahm ihren Wischmopp und ging nach draußen. Dort stellte sie ihn ab, weil sie merkte, dass sie andere Arbeit hatte liegen lassen.
„Hast du auch eine Familie?“
„Ja.“ Jane schüttelte den Kopf.
Ich kam mir so dumm vor. So hatte ich es eigentlich nicht fragen wollen.
„Ich meine da wo du herkommst.“
Jane flüchtete in die Gartenanlage und sammelte unter den Büschen noch die Überreste der Nacht ein.
Diesmal ließ ich sie nicht fort und lief ihr hinterher. Jane zügelte ihre Schritte als sie merkte, dass ich nicht nachließ.
Sie hob die Schultern.
„Jane?“
„Ja.“ Sie blickte mich nur kurz an. „Ja, hab ich.“
„Wo kommst du denn her?“
„Ich wohne auf dieser Insel!“ Sie blieb stehen und drehte sich suchend um.
„Dort.“ Sie zeigte vom Meer weg den Berg hinunter. „Dort unten. Du kannst es aber nicht sehen. Es liegt hinter dem Kaufhaus.“
Jane wollte, dass ich es sah. Sie wich mir nicht mehr aus und drängte mich, ihrem ausgestreckten Finger zu folgen. Ich hörte ihrer Beschreibung zu, auch wenn es mir unmöglich war, mich dort unten in dem Gewusel an Gebäuden wieder zu finden.
„Jane, sei mir nicht böse. Ich meine, wo du wirklich herkommst.“
Sie ließ ihren dunklen Arm resignierend fallen und sah mich an, als würde sie mich bitten die Frage zu vergessen.
Aber ich hielt ihrem Blick stand.
„Ein Dorf bei Yendi“, antwortete sie gepresst. Sie wollte nicht darüber sprechen.
Ich nickte gedankenversunken.
„Wo ist das?“
„Ghana.“ Sie legte ihre Stirn in Falten. „Westafrika.“ Mit einem Seitenblick auf mich ging sie weiter durch den Garten.
„Und bist du schon lange hier?“
„Länger als du lebst.“
Ich rechnete in meinem Kopf.
„27 Jahre.“
„31 und 4 Monate“, antwortete sie fast zeitgleich.
Ich verstand, was sie mir damit sagen wollte. Aber es war mir gleichgültig. Sie brauchte sich nicht zu rechtfertigen. Ich wollte wissen, wo sie herkam.
„Bitte erzähl mir, wie du hergekommen bist.“
„Das ist keine Geschichte zum Erzählen.“ Sie bückte sich und zog ein nasses Badetuch unter einer Hecke hervor und klopfte den Mulch ab.
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