Es folgte ein kollektives Grinsen.
„Suffkopp – jetzt kommt`s raus,“ lachte Irmgard Kowalski Paul an.
Paul spürte ein seltsames Gefühl, als er ihren Blick sah.
„Das ist unglaublich…“ warf Dieter ein.
Jochen setzte das Thema fort: „Wenn also die Verstorbenen seit je her den Kontakt zu den Lebenden suchten, so frage ich mich, was haben sie denn früher getan, als es noch kein Tonband gab und die Radiowellen noch nicht gefunden wurden, sondern erst achtzehnhundertfünfundachtzig bis achtzehnhundertneunundachtzig durch Heinrich Hertz?“
„Ich denke, dass sie ein Medium benutzt haben,“ mutmaßte Paul.
Nach einer Weile des Schweigens und Nachdenkens: „Sie warnen uns auch,“ sagte Franziska. „Vor drei Jahren hatte ich ein Erlebnis, dass ich jetzt noch eine Gänsehaut kriege, wenn ich daran denke. Ich hatte einen Mann aus Amsterdam kennen gelernt. Ich verliebte mich und dachte, der wäre es fürs Leben. Wir verbrachten erst ein paar herrliche Tage am Rhein, dann flog er zurück nach Amsterdam. Wir schrieben uns Briefe, telefonierten fast jeden Tag. Ich schwebte im siebten Himmel. Auch Jan sagte mir, dass er auf dem besten Weg sei, sich in mich zu verlieben. Es schien alles zum Besten.
Natürlich „konsultierte“ ich auch meine Kontaktperson >Elli< . Und seltsamerweise erhielt ich nie eine Reaktion. In einigen Alltagsdingen helfen sie uns manchmal, beraten uns. Aber wenn ich den Namen Jan und Amsterdam erwähnte, kam nichts. Ich fand das seltsam, machte mir aber keine Gedanken mehr, weil ich mit meinen Gefühlen ganz oben schwebte und vielleicht auch nichts Negatives hören wollte.
Dann verabredeten wir, dass ich im Juni siebenundsiebzig für einen Kurzurlaub nach Amsterdam kommen sollte. Ich buchte für den zweiten Juni einen Platz im ICE von Frankfurt nach Amsterdam-Centraal. Am einunddreißigsten Mai spielte ich auf das Tonband ein. Was ich hörte, gefiel mir gar nicht. Ich sagte zu >Elli<, dass ich nach Amsterdam fahren werde, und dann kam die Stimme > Zug nicht bitte Venlo <. Ich reagierte so, wie ich im Normalfall nie reagiert hätte: ich wollte die Stimme nicht wahrhaben. Ich dachte, das wäre jemand von >drüben<, der mich nicht meinen konnte; ich dachte, dass es nicht Stimme sein kann, vielleicht ist noch für jemand anderen eine Kontaktperson und diese Botschaft bezog sich auf den anderen.
Einen Tag vor meiner Abreise, es war der erste Juni, spielte ich wieder ein. Und ohne dass ich den Namen Jan oder Amsterdam aussprach, brach sofort durch: > Zug nicht für Franzi.. Venlo <. Und da wusste ich, dass sämtliche Verdrängungen für mich gefährlich sein konnten. Ich erstarrte innerlich, ich war am Boden zerstört, weil ich es nicht fassen konnte. Ich wollte zu meinem Liebsten. Morgen früh um zehn Uhr sollte ich abfahren. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Es war aber eindeutig: meine Kontaktperson wollte, dass ich nicht in den Zug stieg! Ich war auch nicht in der Lage, Jan anzurufen. Was hätte ich ihm sagen sollen? Dass mich ein Geist gewarnt hat, in den Zug zu steigen? Er hätte mich ausgelacht. Über meine Tonbandstimmen haben wir nie gesprochen.“
Franziska nahm einen Schluck Kaffee. Die anderen konnten schon ahnen, was passiert war, aber sie hörten mit Spannung zu. Solche Dinge sind im Laufe der Zeit nichts Außergewöhnliches mehr. Warnungen kommen manchmal von der anderen Seite.
„Ich war wie gelähmt, saß am zweiten Juni in meinem Wohnzimmer, starrte auf das Telefon und hoffte, dass er nicht anrief, um mir eine gute Reise zu wünschen und sich freue, mich am Nachmittag in die Arme nehmen zu können. Mein Körper spielte verrückt. Magenschmerzen, Herzrasen, Zittern. Warum hat mich gewarnt? Die Antwort war für mich eindeutig: ich sollte ihn aus irgendwelchen Gründen nicht treffen. Dann sah ich in meinen Gedanken: Unglück, der Mann taugt nichts, es sollte nicht sein, ich bin für einen anderen bestimmt, Vorbestimmung, Schicksal, Fatalismus, Kismet. Was man sich so alles einbildet. Ich wurde noch nervöser, als es zehn Uhr war. Ich hielt es in meiner Wohnung nicht mehr aus, also setzte ich mich ins Auto und fuhr in die Stadt, wollte mich ablenken, einkaufen, essen gehen, eine Freundin besuchen. Nur nicht an ihn und an die Bahnfahrt denken.
Und dann sah ich gegen Mittag die Schlagzeile der Bild-Zeitung auf der Zeil:
„Zugunglück bei Venlo. Der ICE 690 von Frankfurt nach Amsterdam sprang gegen 14 Uhr aus den Gleisen. Bisher wurden 10 Tote geborgen.“
„ Mir wurde schwarz vor den Augen, und ich musste mich an einer Litfasssäule festhalten. Die Leute scharten sich um den Zeitungsstand. Ich fuhr sofort nach Hause, schaltete den Fernseher an und sah die Bilder am Unglücksort. Die vorderen Wagen lagen neben den Gleisen. Ich hatte einen Platz in der Mitte gebucht. Den ganzen Nachmittag war ich wie gelähmt. Gegen sechs Uhr abends rief meine Mutter an. Ich konnte an ihrer Stimme erkennen, wie ihr ein Stein vom Herzen geflogen ist, weil ich mich gemeldet habe. Sie hatte befürchtet, dass ich im Zug wäre. Ich sagte ihr, etwas wäre dazwischen gekommen.
Erst am späten Abend war ich in der Lage, meinen Freund in Amsterdam anzurufen. Ob er von der Katastrophe gehört hatte? Ob er vielleicht dachte, ich wäre tot? Ob er sich nach meinem Namen erkundigt hat bei der Katastrophenleitung der Bahn? Ich zitterte am ganzen Körper, als ich das Freizeichen hörte. Und dann wurde abgenommen, und eine weibliche Stimme meldete sich: „ Hallo, wer ist da?“ Es war die Stimme einer älteren Frau, seine Mutter, vermutete ich. Ich stellte mich vor und bat sie, mir Jan zu geben, aber sie sagte nur, er sei im Krankenhaus; sie sagte mir nicht, weshalb. Ich rief nach ein paar Tagen nochmals an und erfuhr, dass Jan an einer Krankheit litt, die Immunschwäche zur Folge hatte.“
Sie legte ihr Band ein. „Und jetzt diese zwei Stimmen. Die erste Warnung.“
Im Raum hörten sie ein lautes Rauschen, untermalt von Brausetönen, dann eine schnelle schreiende Frauenstimme >Zug nicht bitte Venlo<. Einigen lief es kalt den Rücken herunter. Franziska spulte ein paar Zentimeter vor. „Jetzt die zweite Warnung. Dieselbe schreiende Frauenstimme im Gewirr des Rauschens und der Brausetöne
„Die schreit ja richtig. Die hat das alles kommen sehen,“ sagte Irmgard.
Es war schon erstaunlich, vor welcher menschlichen Katastrophe Franziska bewahrt wurde.
„Nicht jede Stimme gehört zu unseren Verwandten, wie ihr wisst. Es kommen Stimmen herein, die uns was sagen wollen. Ich habe manchmal den Eindruck, als würden die da drüben Schlange stehen, um uns was mitzuteilen.“
Paul stellte seine Teetasse zur Seite und holte ein anderes Band aus der Aktentasche. „Ich habe hier ein Beispiel einer kleinen Präkognition. Aufgenommen am siebten August um siebzehn Uhr zehn. Ich sitze an meinem Schreibtisch und mache Einspielungen. Plötzlich ruft meine kleine vierjährige Nichte Sybille laut meinen Namen und rennt von der Küche weg in mein Arbeitszimmer. Ich schalte deswegen das Band ab und unterbreche meine Einspielungen. Die Kleine wollte nur einmal nach mir sehen. Nachdem sie wieder draußen war, spule ich das Band zurück – und höre. Und staune. Eine Frauenstimme, Esther, sagt sofort am Anfang meiner Aufnahme ganz deutlich: „Sybill ruft dich!“ Und dann höre ich sie, wie sie „Pauuuul“ ruft und höre ihre Schritte.“
„Das heißt, dass diese Esther ihre Aussage gemacht hat, bevor deine Nichte in Aktion trat! Diese Esther wusste, dass deine Nichte dich gleich rufen wird.“
„Ja. Und jetzt hört euch das an.“ Paul drückte auf den Startknopf, die beiden Spulen drehten sich, und dann kam Pauls Ansage und dann jene Stimme dieser Esther: „Sybill ruft dich!“ Und dann hört man die kleinen tapsenden Schritte und eine rufende Kinderstimme: „Pauuuul!“.
Für ein paar Minuten war es wieder still im Raum, jeder dachte über diese so genannte Präkognition nach.
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