Wir blicken aufs Meer: „Wer weiß, ob das für uns nächstes Jahr noch möglich ist? Die radikale Rechte in Ungarn kommt noch dazu.“ Davor fürchten sich alle.
In der Zeit des Shutdowns im Frühjahr 2020 trafen sich Menschen vor der Volksbühne zu sogenannten „Hygienedemos“, trotz Versammlungsverbots.
Linke und Rechte, Verschwörungstheoretiker, Querdenker und Impfgegner schrien, Dreijährigen ähnlich: „Ich will aber nicht!“, „Meine Grundrechte! Ich will aber nicht!“
Sie sprachen vom „Merkelschen Diktat“, von „Diktatur“, von „verlorener Selbstbestimmung“, „Verstößen gegen das Grundgesetz“. Eine Mund-Nasen-Abdeckung zu tragen, zum Schutz des Gegenübers und ihrer Selbst, war ein Grund ihrer jaulend brüllenden Unbill.
Juli 2016
Kleine Reisegedanken
Heute bin ich endlich wieder in Premantura angekommen. Die Bora weht schneidend, auf Slowenisch heißt sie burja, ein Nordwind, der eisig durch Kleider und Hirn weht. Untypisch für diese Jahreszeit. Nach dreißig Jahren im jug erlebe ich tatsächlich zum ersten Mal, dass ich im Fleecepullover, mit Wolldecke, Socken und Schal auf dem Balkon sitze. Die Klimakatastrophe ist auch hier angekommen.
Wie gut, dass ich in diesem Jahr mein „Atlantik-La Gomera-Outfit“ hierhin mitgenommen habe, mit siebtem Sinn. Ich kam mir beim Kofferpacken ehrlich gesagt blöd vor.
Mein Onkel Matja, der mich vom Bahnhof in Pula abholte – ein Bahnhof, vor dem, wie vor jedem slowenischen Bahnhof, eine alte schwarze Diesellok steht –, meinte, in seinem Garten in Ljubljana würden Khaki, Kiwi und Feigen wachsen, da es keine Winter mehr gebe. Vor 20 Jahren sei das noch unmöglich gewesen.
Im Februar 2014 hat wiederum ein Eisregen 50 Prozent der slowenischen Wälder zerstört, sie sind einfach umgeknickt unter der Eislast. Die Schäden habe ich heute noch vom Zugfenster aus gesehen. Damals waren ganze Regionen mehrere Tage ohne Strom und teils ohne Heizung und durch das Eis vom Rest der Welt abgeschnitten gewesen. Ich saß damals ohne Telefon im Haus in Maribor fest.
Meine Cousine meinte gestern, es werde dieses Jahr in Kroatien noch voller werden, da die Touristen die Türkei, Tunesien und Ägypten aus Angst vor weiteren Terroranschlägen meiden. Daher würden sie sich alle auf die paar europäischen Mittelmeer-Urlaubsländer umverteilen. Daran hatte ich gar nicht gedacht.
Natürlich habe ich mal wieder meine Kunas zu Hause vergessen. Großspurig wollte ich meinen Onkel gestern einladen und hatte dann nur Euros in der Tasche. Als EU-Bürgerin vergesse ich diese Devisengeschichte hier regelmäßig …
Die kroatische Landeswährung ist die Kuna (internationales Währungskürzel „HRK“). Eine Kuna entspricht 100 Lipa, das sind die Münzen. Der Name Kuna bedeutet übersetzt „Marder“, weil im Mittelalter mit Marderfellen bezahlt wurde. Obwohl Kroatien EU-Mitglied ist, dauert das mit dem Euro noch.
Jug bedeutet übrigens Süden, das südliche Slawien, Jugoslawien. Das Geburtsland meiner Eltern und meiner Wenigkeit. Ich bin vorgestern Abend erst einmal in Ljubljana mit dem Zug angekommen. Die Zeit steht dort, wie hier, still. Angst vor der Entwicklung Europas, dem IS, Terrorismus gibt es. Jedoch hörte ich in Slowenien immer wieder: „Weißt du, bei uns ist noch nichts passiert und wir sind so klein, Gott sei Dank. Die wissen gar nicht, dass wir existieren und wenn, verwechseln sie uns mit der Slowakei.“
Slowenien hat geografisch die Form einer Henne und ist sehr ländlich. Es gibt viele Dörfer, Berge, Täler, Dialekte und eine starke Bewegung für natürliche, lokal angebaute Nahrungsmittel. Bio ist auch in Slowenien sehr angesagt. Meine Cousine Nana verdient als Professorin gut. Sie kauft in der tržnica (Markthalle) vorwiegend bei Bauern ein, die zum Verkauf ihrer Produkte in die Hauptstadt kommen. Stolz präsentiert sie mir ihren Lieblingseinkauf, koži sir (Ziegenkäse) und kruh iz pire in ajdove moke (Dinkel-Buchweizenbrot). Es schmeckt köstlich. Sie erzählt, der Bauer mahle sein Korn selbst auf einem Mühlstein. Acht Euro hat sie für das Brot bezahlt, dabei verdienen die meisten hier nur 800 Euro monatlich.
Die alljährliche Lieblingsgeschichte meiner Cousine ist die über japanische Reisegruppen, die entzückt und fassungslos kacke-verschmierte Bioeier in der tržnica knipsen, weil sie so etwas noch nie gesehen haben. Echt Bio eben, aus dem Darm einer Henne.
Gestern habe ich von meinem Cousin, der im Fischhandel tätig ist, erfahren, dass das kroatische Meer sauberer ist als die Adria auf der italienischen Seite. Das habe mit den Strömungen zu tun; die Strömung käme an der kroatischen Küste sauber aus dem Mittelmeer bis zum Golf von Triest hoch und würde an der italienischen Küste schmutzig hinunterfließen. Ich verstehe es nicht richtig. Was ich davon verstehe ist, in kroatischen Gewässern gefangene Fische sind hochwertiger, da das Wasser sauberer ist. Und als ich ihn fragte, wie er denn mit Gewissheit sagen könne, die Dorade sei nur in kroatischem Meer geschwommen, musste ich erfahren, dass der Fisch in Buchten gehalten wird, in Meeresbassins. Ist das etwa die berüchtigte Aquakultur? Geschmeckt hat sie mir auf jeden Fall.
Heute weht sie immer noch, die burja. Ich habe auf dem Balkon – mein Brot festhaltend (der Belag flog frecherweise in Richtung Meer davon) – auf das Meer geschaut und dann meine Zikaden-Freundin, die auf dem Balkon lebt, und mich selbst portraitiert. Jede Nacht singt sie mir ein schnarrendes Lied.
Jetzt gehe ich ins Dorf, ich brauche ein Fahrrad, um aufs Kap rausfahren zu können: Kamenjak.
Ich hoffe, dass ich mit meinem Kroatisch klarkomme. Ich habe das Slowenisch-Sprechen in den zwei Tagen in Ljubljana sehr genossen. Es kam mir selbstverständlich aus Seele und Mund gesprudelt, sogar spontan gereimt habe ich und Wortwitze gemacht. All meine Gesprächspartner, einschließlich meiner Wenigkeit, waren erfreut und überrascht. Das ganze Jahr in Berlin spreche ich doch sonst keinen einzigen slowenischen Satz.
In der Zeit des Shutdowns wurde sie unruhig, sie hatte das Gefühl, nie mehr körperlich an den Ort ihrer Herzenssehnsucht gelangen zu können.
Sehnsucht: nach sozialem Leben, gemeinsamem, umarmendem Tanzen und nach der jährlichen Reise zum blauen Meer der Kindheit – ihrem Lebenselixier. Die Spirale und der Krabbenfelsen riefen sie in ihren Träumen. Sehnsucht war eines der Wörter, die ihr Leben geprägt hatten.
Jetzt verstehe ich, wie es mit den Strömungen der Adria verläuft. Sauber bis zum Golf von Triest hoch und dann verdreckt runter vor Italiens Küste, denn der Po scheint eine Giftdeponie zu sein, die das Meer verdreckt. Der Po, der dreckige Po …
Mit politischen Strömungen ist das anders. Gestern sprach ich mit einem Surfer aus der slowenischen Kolonie. Denn die Slowenen bevölkern Premantura schon seit Jugo-Zeiten (SFRJ – Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien), wie die Deutschen das Valle Grand Rey auf La Gomera.
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