Das kleine Feuer loderte auf. Für den Bruchteil einiger Sekunden erinnerten ihn die Flammen an orangefarbene Hände. Das Feuer knisterte. Innerhalb wenigen Minuten verbreitete sich eine wohlige Wärme.
Seine Hände tief in die Jackentasche gebohrt, ging er hinaus. Wie kleine Wölkchen schwebte sein Atmen vor seinem Mund. Nach wenigen Schritten, bevor er sein Auto erreichte, klingelte das Handy. Penetrant – unnachgiebig.
Knut runzelte die Stirn, gleichzeitig dachte er an Ole und Lars. Er öffnete den Wagen, nahm das Handy und sagte: „Ja.“
„Mach den Kofferraum auf! Sofort!“
Wieder diese Stimme von vorhin.
„Hör zu, du Arschloch“, wetterte er los, „Wenn du glaubst…“
Er hob den Kofferraum auf.
„Und dann?", brüllte er und riss die Decke weg. Er ge-wahrte einen neongrünen Anorak mit Cars-Motiven.
Der Anrufer hatte aufgelegt.
Wie ein eisiger Wind kam die Gewissheit. In diesem Anorak steckte ein Kind. Sein Kind! Tobi!
Das Handy fiel auf den Rasen.
„Tobi!“, schrie er wie von Sinnen. Sein Schmerz ver-mischte sich mit dem Fauchen des Windes.
Tobi… Tobi… Tobi, rauschte es in den Wipfeln der Bäume.
Wimmernd sackte Knut in die Knie und umfasste den kleinen, leblosen Körper.
„Tobi“, schluchzte er und barg seinen Kopf auf die kleine Kinderbrust. Ein feiner, süßlicher Geruch strömte in seine Nase. Wie ein Tier blähte er seine Nüstern. Angler und Jäger kannten diesen Geruch. Es war Blut!
Das Handy schnarrte. Mit zitternder Hand griff er danach. „Du Bestie!“, schrie er mit überschlagender Stimme. „Bestie“, äffte ihn die Stimme nach. Ein heiseres Lachen folgte, bevor sie weitersprach: „Und jetzt tust du, was ich dir sage!"
„Ich tu' gar nichts!“, schrie Knut. „Die Polizei wird…“ „Schnauze!“, fiel ihm die Stimme ins Wort.
Knuts Gedanken überschlugen sich. In Bruchteilen von Sekunden wühlte er in den Schubladen seiner Erinnerungen. Mit kometenhafter Geschwindigkeit taumelten Gesichter, Geräusche und Gelächter durch seine Gedanken.
Wer war dieser Perversling? Wer? Wann hatte diese Person seinen toten Sohn in den Kofferraum gelegt?
Wie ein Blitz fiel ihm Lena ein. Nie ließ sie Tobi allein! Nie! „Wo ist Lena. Wo ist mit meiner Frau?“
Ein heiseres Lachen drang wie perlender Hohn an sein
Ohr. Wie Eis fühlte sich das Handy in seiner Hand an. „Nicole!"
Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen.
„Warum hast du…?“
„Warum?“, echote sie seine Frage lang gedehnt. „O Baby,
du warst sooo unglücklich. Dein Sohn nervte dich, deine Tussi war dir sooo lästig!"
„Mann!", schrie er verzweifelt. „Im Bett faselt man…“
„Sei still“, zischte Nicole. Ihre Stimme bekam einen gefährlichen Unterton: „Und du? Du hast mich gefickt! Gefickt wie ein Karnickel! Sonst nichts! Als du satt warst, hast du mich weggeworfen wie ein Stück Dreck!"
„Aber Nicole…", stammelte Knut verirrt, „ich wusste nicht, dass du dich in mich…"
„Schnauze!", zischte sie mühsam beherrscht. „Geh den gleichen Weg zurück! An der ersten Abzweigung gehst du nach links! Dort wartest du!"
Das Licht auf dem Display erlosch.
Stöhnend lehnte sich Knut an den Wagen. Er blickte in das kleine, bleiche Gesichtchen seines Sohnes. Tobi hatte den Mund leicht geöffnet. Im Oberkiefer fehlte ein Zahn. Instinktiv wollte er seine Augen schließen – doch seine Hand zitterte und sank herab.
Was hatte diese Bestie Lena angetan? Wo war sie?
O Lena! Wieso? Trauer wühlte sich in seine Seele.
Angst kroch wie eine giftige Schlange durch seinen Verstand. Noch nie hatte er solche Angst gehabt.
Tobi, Tobi, Tobi - hämmerte sein Herzschlag.
Lena, Lena, Lena - flüsterte es aus all seinen Poren.
In der Ferne hörte er herannahendes Sirenengeheul.
Abrupt blieb er stehen. Ob die Polizei schon nach ihm suchte? Die Sirene wurde leiser und verstummte.
Wind zog auf. Wolken schäumten über den Wipfeln. Seine Schritte warfen schmatzend den Schlamm bei jedem Schritt auf.
Jäh nahm die Dunkelheit zu. Am Himmel sah er den Mond. Scharf warfen die Baumstämme ihre Schatten.
Der Wind vermischte sich wispernd mit seinen Gedanken. Tobis Gewicht schien sich verdoppelt zu haben. Seine Arme fühlten sich taub an.
Knut blieb regungslos stehen und lauschte – lauschte gegen seinen eigene Herzschlag.
Abrupt wandte er sich um. Ihm schien, als höre er das hysterische Bellen eines Hundes und menschlichen Stimmen.
Zwischen den Bäumen blieb er stehen. Wie das Gerippe flatternder Flügel wirkte das dürre Geäst.
Das Handy schnarrte. Mit fahrigen Fingern zog er es aus der Tasche und meldete sich.
„Am nächsten Feldstein rechts, dann bis zur Lichtung.“
Sie hatte aufgelegt. Sie war in seiner Nähe.
Wie ein Tier blähte er seine Nasenflügel. Ihm schien, als rieche er ihr Parfüm. Tränen brannten auf seinen Wangen, so als wollten sie die Traurigkeit für immer in sein Gesicht graben.
„Verzeih mir, Tobi!“, schluchzte er.
Vor seinen Augen erschien Lenas lachendes Gesicht. Ihre Augen blitzten - ihr Mund wirkte so verführerisch.
Die Bäume wurden lichter, der Weg etwas breiter.
Lena war hübsch, gebildet und sooo zärtlich. Warum liebte er sie nicht mehr? Wann hatte seine Liebe zu ihr aufgehört?
Knut stolperte. Er verlor das Gleichgewicht. Seine Brille rutschte von seiner Nase. Das Gewicht des toten Kindes riss ihn zu Boden.
Knut kauerte mitten auf der Lichtung. Vorsichtig zog er seine Arme unter Tobis Leichnam hervor. Leise vor sich hinfluchend tastete er den Boden nach seiner Brille ab. Seine Fingerspitzen fuhren über die spitzen Zacken von Lärchen- und Fichtenzapfen. Er gewahrte einen eigen-artigen, sehr süßlichen Geruch.
Der Wind strich flüsternd durch das Laub. Er lauschte. Wieder hörte heiseres Bellen.
Knut setzte sich auf einen Baumstumpf, bettete das Kind an seine Brust und nahm die kleinen Händchen in die seine.
„Die sind ja ganz kalt“, murmelte er und hauchte die kindlichen Fingerspitzen an. Er zog seine Jacke aus und hüllte Tobis Körperchen darin ein.
„Bald wird dir wärmer werden“, flüsterte er.
Das Licht des Mondes sickerte durch die Zweige. In den kleinen Pfützen schimmerten viele neue, sehr kleine Monde, ihre Lichter spiegelten sich in Tobis Augen, sie schienen zu funkeln – zu leben.
„Du sollst schlafen!“, murmelte Knut und wiegte den
kleinen Körper sanft hin und her.
„Ich hab' Angst“, vernahm er Tobis Stimme, die immer etwas heiser klang.
„Du brauchst keine Angst zu haben!“
„Es ist so dunkel!“
„Ich bin ja bei dir!“
Tobis Kopf sank an seine Brust.
Wieder ein Geräusch. Knut hielt den Atem an und lauschte.
In seiner Nähe knackten Zweige. Ein eisiger Finger strich über sein Rückgrat als er zwischen den Stämmen Nicole erkannte.
Ihr Gesicht schimmerte wie ein Mahnmal. Ihre Augen bohrten sich in die seinen. Ihre Stimme klang heiser.
„Das hast du mir selbst gesagt: Wenn das Kind nicht wäre… und: Ich weiß nicht, ob ich traurig wäre, wenn Lena plötzlich sterben würde!"
Sie warf den Kopf in den Nacken.
„Ich habe dich beobachtet! Monatelang! Ich weiß alles über dich! Wann du aufstehst, wann du zu Bett gehst, ich kenne all deine Gewohnheiten, deine Vorlieben, sogar deinen Müll!", höhnte sie. „Du siehst, ich habe deine Karten sehr gut gemischt!"
Abrupt rannte sie los. Innerhalb eines Wimperschlags hatte die Nacht ihre Gestalt verschluckt.
„Nicole….", stammelte Knut verwirrt, „ich… ich wusste nicht, dass…"
Er vernahm Stimmengemurmel und das Hecheln eines
Hundes.
Warum machte da irgendeiner Lärm? Gerade jetzt, da Tobi endlich am Einschlafen war!
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