„Herr Baldur auch?“, brüllt Amos. „Er ist doch auch ein Mops. Das haben wir alle gerade gesagt.“
„Sie sind ja völlig durchgeknallt“, sagt Herr Baldur zu Amos’ Mama. Er schlägt Amos und Amelie etwas vor: „Vor dem Einschlafen überlegt ihr euch am besten ganz viele Namen und geht sie durch: zum Beispiel Eva, Wiede-weva oder Adam, Wiede-wadam … Den lustigsten Namen merkt ihr euch. Darüber lachen wir morgen zusammen.“
Amelie und Amos sind einverstanden. Sie legen sich hin und fangen an zu überlegen.
„Tobi, Wiede-wobi ist ganz witzig“, murmelt Amos.
„Bernie, Wiede-wernie auch“, gähnt Amelie.
Und danach, obwohl sie gerade noch laut gelacht haben, schlafen sie von einem Augenblick auf den anderen ein.
„Gute Nacht, träumt süß“, sagte Amos’ Mama.
„Ich wünschte, es wäre schon morgen“, seufzt Amelie. „Ich kann es kaum noch erwarten, mein Schwesterchen zu sehen.“
„Nun dauert es ja nicht mehr lang“, sagt Tante Susanne. „Nur noch einmal schlafen, dann ist es so weit.“
Sie löscht das Licht und geht hinaus.
Amos ist aus irgendeinem Grund schlecht gelaunt. Er weiß nicht genau, warum. Vielleicht, weil er ein bisschen traurig ist, dass seine Cousine morgen fortgeht und er wieder allein schlafen muss. Jedenfalls kann er vor lauter schlechter Laune nicht einschlafen.
Amelie kann vor lauter guter Laune nicht einschlafen.„Ich freu mich so darauf, Mareike zu sehen“, sagt sie.
„Mareike“, schnaubt Amos. „Was für ein bekloppter Name. Egal, was du sagst.“
„Ich finde Mareike viel schöner als Amos.“
Wieder schnauft Amos durch die Nase. „Gar nicht wahr. Außerdem könnte ich überhaupt nicht Mareike heißen. Das ist ein Mädchenname.“
Amelie hat heute Abend keine Lust zu streiten. Sie will lieber über ihr Schwesterchen reden. „Wenn Mareike älter ist, können wir zusammen spielen“, sagt sie.
„Ich will nicht mit jemandem spielen, der kleiner ist als ich“, meint Amos.
„Und ich darf helfen, sie zu wickeln.“
„Baaaah!“, schreit Amos übertrieben laut und hält sich die Nase zu. „Ich hätte keine Lust, andauernd Pipi und Kacka wegzumachen.
Amelie lässt sich ihre gute Laune nicht verderben. „Vielleicht darf ich ihr auch mal das Fläschchen geben“, fügt sie hinzu.
„Ach du Schande“, ruft Amos. „Ich habe mal gesehen, wie Bens kleiner Bruder die Flasche gekriegt hat. Und anschließend hat er gerülpst und die ganze Milch in die Gegend gespuckt. Iiih, war das eine Schweinerei!“
Amelie lässt sich immer noch nicht beirren. „Mama sagt, dass Mareike abends gebadet wird“, erzählt sie weiter. Dabei darf ich auch helfen.“
„Pass bloß auf! Nachher säuft sie dir noch ab“, antwortet Amos düster.
Langsam hat Amelie genug. „Och Mann“, beschwert sie sich. „Immer sagst du nur solche Sachen.“
„Ich finde es schrecklich, eine Schwester zu bekommen“, behauptet Amos. „Ich bin froh, dass ich keine habe.“
„Möchtest du lieber einen Bruder?“, erkundigt sich Amelie.
„Nee! Ich finde es besser, wenn man das einzige Kind ist.“
Das kann Amelie überhaupt nicht verstehen. „Warum soll das besser sein?“, fragt sie.
„Überleg doch mal. Ab jetzt musst du alles teilen. Wenn dir jemand zum Beispiel eine Tafel Schokolade schenkt, musst du die Hälfte abgeben. Oder du kriegst eine Tüte Gummibärchen oder Cremehütchen. Alles musst du teilen. Das ist doch schrecklich!“
Einen Augenblick wird Amelie still. Schließlich sagt sie: „Bestimmt bekommen Mareike und ich zwei Tafeln Schokolade oder zwei Tüten Gummibärchen oder Cremehütchen.“
„Das glaube ich nicht!“
Amelie hört Tante Susanne draußen im Flur. „Tante Susanne“, ruft sie, „wenn du demnächst zu uns zu Besuch kommst, bringst du dann eine oder zwei Tafeln Schokolade mit?“
„Eine“, antwortet Tante Susanne.
„Siehste?“, schreit Amos.
„Aber Tante Susanne, wir sind doch zwei“, wendet Amelie ein.
„Mareike ist noch zu klein, um Schokolade zu essen“, erklärt ihre Tante. „Aber wenn sie größer ist, bringe ich euch zwei Tafeln Schokolade mit.“
Nun schreit Amelie: „Siehste?“
„Trotzdem“, wiederholt Amos. „Ich find‘s doof, eine Schwester zu haben.“
„Ich verstehe nicht, warum du das sagst“, erwidert seine Mama. „Du hast zwar keine Schwester, aber eine Cousine. Jetzt sogar zwei. Das ist fast dasselbe. Und Amelie hast du doch gern.“
„Och, na ja, geht so“, brummt Amos.
„Ich weiß genau, dass du mich gern hast“, verkündet Amelie. „Ich dich nämlich auch.“
Da ist Amos paff. Seine Laune wird schlagartig besser.
„Auch wenn du manchmal blöd bist“, fügt Amelie noch hinzu.
„Du auch“, erwidert Amos.
Trotzdem ist seine Laune jetzt gut genug, dass er endlich einschlafen kann.
Amelie liegt noch ein Weilchen wach und freut sich auf den nächsten Tag.
Eine Glatze und ein rotes Gesicht
„Gute Nacht, schlaf schön“, sagt Amelies Papa.
Amelies Mama ist bei dem Baby. Es ist seine erste Nacht zu Hause. Das Kind liegt in einer Wiege, und die steht im Elternschlafzimmer.
Darüber ist Amelie ziemlich enttäuscht. „Warum schläft Mareike nicht bei mir im Kinderzimmer?“, fragt sie ihren Papa.
„Weil sie noch sehr klein ist“, erklärt er. „Wir möchten auch nachts auf sie aufpassen.“
„Das kann ich doch tun.“
„Später, wenn sie etwas älter ist, stellen wir ihr Bettchen in dein Zimmer, und du kannst auf sie aufpassen“, verspricht Papa.
„Immer muss ich warten“, beschwert sich Amelie. „Erst auf mein Schwesterchen. Und dann darauf, dass sie größer ist und in meinem Zimmer schlafen darf.“
Ihr Papa lacht. „Tja, das Warten musst du wohl noch ein bisschen üben.“ Er beugt sich zu ihr herunter und flüstert ihr ins Ohr: „Ich mag es übrigens auch nicht, wenn ich warten muss.“
Amelie findet es toll, dass ihr Papa ehrlich ist. „Beim nächsten Mal können wir ja zusammen üben“, sagt sie. „Zum Beispiel, wenn wir auf Weihnachten warten.“
Und nun liegt sie im Dunkeln und übt allein. Sie wartet aufs Einschlafen.
Mareike schreit.
Amelie seufzt. Wenn sie ganz ehrlich ist, macht sie sich Sorgen. Ihr Schwesterchen ist nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie hat schon oft Fotos gesehen von runden, zufriedenen Babys mit rosigen, lachenden Gesichtern. Aber Mareike sieht ganz anders aus als die Babys auf den Fotos.
Dass ein Baby keine Zähne hat, wusste sie vorher. Aber Mareike hat außerdem auch keine Haare. Doch, ein paar ganz dünne, hinten. Aber von vorne sieht sie aus, als hätte sie eine Glatze.
Und Mareikes Gesicht ist überhaupt nicht rosig, sondern knallrot, vor allem, wenn sie schreit.
Zufrieden wie die Babys auf den Fotos sieht Mareike nie aus. Höchstens, wenn sie schläft. Lächeln tut sie auch nicht. Wenn sie wach ist, schreit sie wie am Spieß oder sie guckt ganz ernst.
Amelie seufzt ein paar Mal schwer.
Mama, die gerade aus dem Schlafzimmer kommt, hört es. Sie setzt sich zu Amelie aufs Bett. „Was ist los, mein Schatz?“, fragt sie.
Amelie kuschelt sich an sie. „Findest du Mareike schön?“, fragt sie ganz leise.
„Ja, sicher. Sie ist ein gesundes und niedliches kleines Mädchen.“
„Aber … Sie hat doch gar keine Haare!“, bricht es aus Amelie hervor. „Und ihr Gesicht ist rot.“
Mama lächelt und steht auf. „Ich komme gleich zurück“, sagt sie.
Kurz darauf steht sie mit einem Fotoalbum vor Amelies Bett. „Hier habe ich ein paar Bilder von dir, als du noch ganz klein warst“, sagt sie. „Du warst gerade geboren, wie Mareike.“
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