Alles war in Ordnung. Ohne Scheiß jetzt, wirklich in Ordnung.
Mama arbeitete als Versicherungsangestellte und war überfürsorglich. Wenn Preise für Gluckenmamas verliehen würden, Martina käme immer unter den ersten drei. Gleich hinter Olga Dimitryev, die ihren Nikolai immer noch persönlich zur Schule brachte und abholte.
Hallo? Auch Niko machte gleich das Abi!!!!!! BITTE!!!!!
Nikolai war ein niedlicher Kerl, aber ich wollte nie mit ihm abhängen.
Wie wäre das denn abgelaufen?
Ich hatte Arbeit genug, meine eigene Mutter auszuhebeln. Als ich das erste Mal mit einem Jungen aus der Schule abends ins Kino ging, folgte uns Martina heimlich und saß drei Reihen hinter uns.
Das war tierisch uncool und so eine Aktion traute ich der guten Olga ebenfalls zu. Es mit ZWEI solchen Tiger- Mamas aufzunehmen, war mir echt zu viel.
Ich dachte immer, das läge an Mamas Beruf.
Vielleicht bearbeitete sie morgens einen schlimmen Fall von: Pech gehabt, leider tot.
Oder die Ärzte hatten das falsche Bein amputiert.
Oder der Hund jagte die Katze über die Straße, das Auto knallte gegen einen Tanklaster, alles explodierte, danach gab es das Dorf nicht mehr!
Oder ihr Chef war einfach ein Arsch.
Sie kam dann also mit vor Schreck geweiteten Augen zitternd nach Hause und versuchte auf heile Welt zu machen.
Ich meine, sie nervte ja nicht nur mich! Auch Simon und Kathy wurden an der kurzen Leine gehalten, in Watte gepackt und klein gehalten.
Papa ..... mein Gott .... sollte ich jetzt nicht mehr Papa zu ihm sagen? Es war erst zwanzig Stunden her, seit ich erfahren habe, das Paul gar nicht mein Erzeuger war.
Sollte ich jetzt Paul zu ihm sagen? War das nicht megablöd?
Er hatte mir nie Anlass geben, zu glauben, ich wäre nicht seine Tochter. Nicht mal letzte Woche, als ich seinen Kombi AUF dem Mäuerchen vor unseren Garten parkte.
Wir hatten ein supertolles Haus, eine kleine Bürgervilla in Saarbrücken. Papa ..äh ...Paul hatte alles total umgebaut und renoviert, von Keller bis zum Dachgeschoß, schick und cool. Alles handgeackert mit Hilfe einiger Kumpels. Er war Marktleiter in einem Baumarkt und so toll er auch alles gerichtet hatte, so nervig konnte es auch sein. Wenn er nämlich die Brücke über Feiertage schlug, oder Überstunden abfeierte, gab es zuhause Alarmstufe ROT.
Mama ging fröhlich mit uns in den Zoo und wenn wir heimkamen, standen möglicherweise sämtliche Innentüren im Garten, oder das Klo im Erdgeschoß war nur noch ein Loch, weil er grauen Marmor und Pupsschüsseln von Villeroy und Boch im Spitzenangebot bekommen hatte.
Es hatte schon was, auf einer Dauerbaustelle zu leben, ohne Aussicht darauf, das irgendwann mal alles fertig wäre.
Letzten Monat hatte er mich im Klo eingesperrt! Nicht absichtlich! Er hatte vergessen, das meine Lehrer auf Ausflug waren und klebte die Tür ab, damit er streichen konnte. So komisch war das nicht, total nicht. Ich bekam die Panik, warf mich gegen die Tür und kippte Papa, äh Paul, samt Leiter und Farbeimer um. Der komplette Gang voller Farbe. Riesensauerei! Und er ....? Brüllte etwa? Nee!
"Was machst du denn hier, Lämmchen?"
"Ich wohne hier! In dem Zimmer unterm Dach, das du nicht mehr betreten darfst, weil du meine lässigen Holzregale gegen einen modernen Einbauschrank getauscht hast. OHNE mich zu fragen!"
"Das Teil war im Angebot. So was nennt man Überraschungsgeschenk. Tritt nicht in die Farbe."
"Tut mir leid. Hab alles versaut, was?"
Paul grinste nur und sagte ganz cool: „Macht nix. Teppich ist eh out und wir haben deutsches Eichenparkett reingekriegt. Oder doch lieber fast weiße Lärche? Ach, soll Tina entscheiden. Komm Lämmchen, wir rufen sie von unterwegs an.“
Ständig lief er im farbbespritzten Blaumann herum und hatte zumindest einen verletzten Daumen.
Ich dachte wirklich, ich hätte meine Größe von ihm geerbt und die Zickigkeit von meiner Mutter.
Die beiden waren vielleicht ein bisschen bescheuert, doch ansonsten okay.
Haue? Schlagen gab es bei uns nicht. Jedenfalls nicht von Mama und Papa. Mama ging lieber in den Keller und schrie ihr Fettröllchen- Strampelrad an. Paul lief in den Garten und rauchte mal die heimliche, verbotene. Wenn es ganz schlimm kam, schliff er allerdings schon mal ne Tür ab.
Bis tief in die Nacht!!!
Unter uns Geschwistern war das anders. Simon hatte schon mehr als eine Maulschelle von mir gekriegt und Kathy konnte super treten. Zurücktreten, meinte ich.
Und meine Geschwister? Die waren jetzt nur noch halbe Supernervensägen, oder was?
Da war Kathy, die zwei Jahre jünger, also fünfzehn war und keinen Respekt vor meinem Eigentum besaß. Sie presste ihren fetten Hintern in meine schicken Klamotten und ruinierte sie dadurch gründlich. Die besaß schon mehr Busen als ich.
Und Simon, der wie angeklebt an seinem Idioten- Kumpel Kevin hing?
Was hatte Papa äh, Paul gesagt, als ich mich über Kumpel Pickelgesicht Kevin beschwerte, als der mir an den Hintern griff?
„Du wirst doch wohl mit einem pubertierenden Fünfzehnjährigen fertig werden?“
Klar doch.
Mama hatte mir eine supi- irre- hohle Predigt über gewaltfreie Problemlösungen gehalten, nachdem ich Kevin in die dämliche Fresse gehauen hatte, weil er mir grad mal eben an die Möpse griff.
Auch seine Mutter war angepisst, wegen dem Blut auf seinem Hemd und der dicken Nase. Und weil ich sie fragte, was bei ihnen Zuhause denn Sache war, weshalb ein Pickelhengst wie ihr Ableger jedem Mädchen gleich in die Intimzone griff.
Dabei war sie eine schicke, sehr vornehm tuende Lady, die bei jeden zweiten Satz erwähnte, das ihr Alter Arzt war. Als würde Mama das zwischen dem Kaffee einschenken und Törtchen herbei schleppen, vergessen. War mir so auf die Nerven gegangen, das mir das mit den Pornos rausgerutscht war.
Woher hatte Pickel- Kevin diese total widerlichen, perversen DVDs her, die sie heimlich bei Simon guckten?
In dem folgenden Tumult ( hinterher war es lustig, aber steh mal zwischen den Furien !!! Und überlebe !!!! ) übersahen die um sich schnappenden Mamas ganz, sich und mich zu fragen, woher ich das denn wusste. Wäre mir echt schwer gefallen, darauf zu antworten.
Nein, ich hatte nichts zufällig gesehen. Das Wissen kam aus Simons Erinnerung. Echt fiese Sequenz, die ich auf meinem geheimen übersinnlichen Kanal abbekommen hatte. Igittigitt. Danach wusch ich mir tagelang ganz manisch die Hände.
Seitdem war Simon so sauer mit mir, das er kein Wort mit mir sprach. (Echt eine Erholung.) Und Kumpel Arschgesicht durfte nicht mehr zu uns. Wogegen ich bestimmt nichts gegen hatte.
Aber Papa .. äh .. Paul grinste nur und nannte mich: “ Mein kleiner Klitschko.“
Wenn es keiner hörte.
Also, das war doch eine ganz normale Familie, oder was?
Ich klemmte die Schultasche zwischen meine Beine und kramte das Handy raus. Schaltete an. Viele Plings. Hhmm. Mal sehen.
56 verpasste Anrufe. Ha. Und das in knapp drei Stunden. Cool. Das sollte mal einer toppen.
24 mal auf den Anrufbeantworter gesprochen, jetzt war das Ding voll. Gut.
38 Mails. Hatten sich jetzt wohl aufs Tippen verlegt.
Die Anrufe kamen fast alle von unserem Hausanschluss.
Nur einer war von meiner Freundin Melanie.
Sieben Mails waren von ihr, und Daniel hatte es immerhin auf zwei Mails gebracht.
Zwei mickrige Mails! Dieser Arsch. Mehr war ich ihm wohl nicht wert.
Ich öffnete die jeweils letzten von jedem.
Daniel:
Sorry, sorry, sorry. Aber ich kann doch nichts für meine Gefühle. Ist halt so passiert. Können wir nicht Freunde bleiben? BIIITTTTE.
Ich konnte es nicht fassen. War das der Kerl, der mir die letzten drei Monate seitenlange Gedichte und kiloweise kopierte Bücherausschnitte mailte? Und alle diese süßen Comics von Liebe und Leidenschaft.
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