Boris zweifelte nicht daran, dass diese Sprache echt und eindeutig war, um verstanden zu werden. Denn diese Sprache konnte auch ein Tauber verstehen; und wie so oft stellte sich die Gesellschaft gegenüber den Nöten der Armen und Verelendeten taub! Boris gab dem Mann ein Zeichen, holte eine Zwanziger-Note vom Wechselgeld der Apotheke aus der Jackentasche und zeigte sie ihm. Darauf ging der Mann vor die Tür der Pollack’schen Bäckerei und Konditorei, und Boris legte den Rest vom Käsekuchen auf den Teller und ging ebenfalls zur Tür, öffnete sie und gab den Geldschein dem Mann. Der bedankte sich mit einer Verbeugung und entschuldigte sich für die rausgestreckte Zunge. Er sagte: “Das kommt nicht alle Tage vor, dass es Menschen gibt, die durch ihre Tat helfen. So wolle der Herr bitte verstehen, dass die Zungensprache die Sprache der Notwehr zur Rettung des letzten Restes der Selbstachtung ist. Denn die Gesellschaft hat für unser Dasein und unsere Probleme weder ein Ohr, noch ein Verständnis, noch einen Platz. Wir haben die Achtung und Beachtung durch die Straße verloren. Ich war ein gelernter Bauingenieur. Die Firma ging Pleite, meine Frau trennte sich von mir, weil sie aus gutem Hause kommend ohne genügend Geld nicht leben wollte. Sie schmiss sich einem anderen Mann an den Hals, einem Pharma-Vertreter, der das genügende Geld brachte. Er heiratete sie, beziehungsweise sie heiratete ihn. Sie leben in Hamburg. Seitdem bin ich für diese Frau gestorben. Von meinem kleinen Besitz ist mir nichts geblieben. Das hat sie mir geradeaus weggepfändet. Nun führe ich ein Leben, das kein Leben mehr ist. Meine Eltern drehen sich im Grabe um. Noch einmal Entschuldigung und vielen Dank.” Boris nickte ihm sein Verständnis entgegen. Der Mann ging fort, und Boris ging zum Tisch zurück, um den Käsekuchen fertig zuessen. Er bestellte sich noch eine Tasse Kaffee und sah dem Mann in seiner schäbigen Kleidung gedankenvoll hinterher, wie er schließlich in der Menge der Passanten verschwand.
Es war ein Erlebnis, das Boris ergriffen hatte, denn auch er setzte an der Gesellschaft aus, dass sie ungerecht, geistlos und materialistisch sei. Einkommen und Besitz entschieden über Achtung und Stand in der Gesellschaft. Während er bei der zweiten Tasse Kaffee die Verfolgung der Straßenszene wieder aufnahm, traf ihn die zweite Überraschung. Es waren Claude und Olga, die die Straße überquerten und auf die Bäckerei und Konditorei Pollack zugingen. Ob sie ihn am Tisch sitzen sahen, wie er durchs Fenster auf die Straße sah, konnte Boris nicht sicher ausmachen. Jedenfalls traten sie ins Geschäft, gingen auf die Theke zu, als wollten sie etwas kaufen, drehten die Köpfe in Richtung Speiseraum und kamen an den Tisch. “Na, das ist ja eine Überraschung”, sagten beide wie aus einem Mund, “dass wir uns hier treffen”, setzte Claude hinzu. “Setzt euch!”, und die junge Angestellte mit der blütenweißen Schürze stellte den dritten Stuhl, den sie vom unbesetzten Nebentisch holte, hinzu.
“Was treibt euch denn her?”, fragte Boris mit einem Quantum Neugier, wie es mit Olga weitergegangen ist, wie es um sie steht. “Hunger ist’s, der uns hierher treibt”, antwortete Claude, ohne weiter nachzudenken. “Für eine warme Mahlzeit im Restaurant reicht das Geld nicht”, erklärte er schlicht und einfach. Es war eine plausible Erklärung, die keine weiteren Erläuterungen brauchte. “Dann bestellt euch den Apfelkuchen mit Sahne und einen Käsekuchen. Die kann ich euch empfehlen. Ich lade euch zum Kuchenessen ein”, sagte Boris. Dabei blickte er in das melancholische Gesicht von Olga mit den slawisch betonten Jochbögen im fast quadratischen Gesichtmit den dunkelbraunen Augen, den leicht abstehenden Ohren und dem flachen Hinterkopf. Er gab die Bestellung für die beiden auf. Dazu bestellte er für jeden eine Tasse Kaffee, für sich also die dritte Tasse. Claude bemerkte die besondere Aufmerksamkeit, die Boris seiner Freundin gab. Da wollte er vermitteln. “Es hat sich seit gestern nichts Neues ereignet”, sagte er im ruhigen Ton. Doch entging Boris nicht das nervöse Zwinkern seiner Augen. Olga scheute sich, in sein Gesicht zu sehen. Sie hielt ihren gesenkten Blick auf den Tisch gerichtet und schwieg. Sie schwieg auch, als Claude erwähnte, dass der Kerl, der türkische Dealer, hinter ihnen, beziehungsweise dem ausstehenden Geld her sei. Olga hielt ihren Blick auf den Tisch gerichtet, als Boris sagte, dass er im Anschluss zu seiner Bank, der Dresdner, gehen werde, um das Geld zu beschaffen. Die beiden aßen die Kuchen mit Heißhunger, so dass Boris sie fragte, ob er noch Kuchen bestellen solle. Olga enthielt sich der Aussage, während Claude mit zwinkerndem Blick zugab, dass er noch ein Stück vertragen könnte. Boris gab der jungen Angestellten mit der blütweißen Schürze ein Zeichen, die darauf an den Tisch kam, die Bestellung entgegennahm, die leeren Teller vom Tisch nahm, zur Theke ging und drehenden Fußes zwei Teller mit Käsekuchen brachte. Boris, der die Verfolgung der Straßenszene mit Unterbrechungen dann fortsetzte, als sich die beiden ein Kuchenstück in den Mund schoben, dachte über die Welt, die beiden und sich selbst nach. Er fragte sich, was die Zukunft für alle und für ihn bereithält. Er tat es still, um das Kuchenessen den beiden nicht zu vermiesen und in seiner Meditation zur Straße in ihrer nicht immer nachvollziehbaren Hektik weder anzuecken oder angeeckt zu werden.
“Besteht denn überhaupt die Chance, diesen Kerl mit seinen leeren Versprechungen wieder loszuwerden?”, fragte Boris nach seiner “Rückkehr” von der Straße die beiden, nachdem sie die Kuchengabeln auf die leeren Teller zurückgelegt hatten. Claude wischte sich mit der Serviette über den Mund: “das können wir nur hoffen; und wir hoffen es, denn ein Leben unter ständiger Bedrohung ist doch fürchterlich. Nachts können wir nicht ruhig schlafen, weil wir fürchten, dass dieser Kerl mit einem Messer, einer Pistole oder sonst einem Mordinstrument vor uns steht. So liegen wir über viele Stunden schlaflos im Bett und erschrecken beim kleinsten Geräusch im Hause. Da Olga auch jetzt noch auf die Tischplatte blickte und schwieg, was für Boris bei aller Geduld und dem Höchstmaß an Verständnis nicht zu erklären und auch nicht mehr annehmbar war, weil ja Olga das Problem hatte, beziehungsweise war, fragte er nun direkt, was sie, Olga, dazu zu sagen hätte. “Nichts anderes”, antwortete sie, nachdem eine Denkminute schweigend verstrichen war, “was Claude bereits gesagt hatte.” Das passte nicht ins Denkmuster von Boris, der sich Sorgen um seinen Schüler machte. Es waren doch Sorgen, die nicht er, sondern sie verursacht hat. Boris schaute ihr auf die markante, etwas tiefe Stirn und betrachtete ihr rechtes Halbprofil quasi von schräg oben mit dem vollen dunklen Haar, unter dem sich das größer als normal ausgefallene Ohr versteckte, dass das stärkere Abstehen der oberen Ohrmuschelpartie verdeckt blieb.
Boris entging nicht die blau verfärbte rechte Wange, die ihr die Ohrfreige vom türkischen Dealer gebracht hatte. Ihr Blick haftete weiter auf der Tischplatte, fuhr die leer gegessenen Kuchenteller ab und schien sich an der Form der kurzen, dreizinkigen Kuchengabel auf ihrem Teller festgesetzt zu haben, an der die linke Gabelzinke fast an die Mittelzinke herangebogen war. Während Boris auf eine Antwort von ihr wartete, fragte er sich selbst, ob Olga schüchtern, verstockt oder dickköpfig sei, denn so lange brauchte sie mit der Reaktion, eine Antwort auf seine Frage zu geben, doch nicht zu warten. Claude zwinkerte verlegen von der anderen Seite über den Tisch bis ins Gesicht von Boris. “Sag doch etwas, Olga, du weißt es doch am besten. Jetzt musst du schon reden!”, sagte Claude. Olga hob ihr lädiertes Gesicht, schaute Boris kurz an, dann senkte sie das Gesicht und hielt sich mit dem Blick an der Tischplatte fest, von der die junge Angestellte die leeren Tassen und Teller geschickt und taktvoll abräumte, nachdem Boris ihre Frage, ob weiterer Kuchen und Kaffee gewünscht würde, verneint hatte. “Ich denke schon”, begann Olga mit der lang erwarteten Erklärung und dem russischen Akzent, “dass ich diesen Mann loswerde, wenn ich ihn bezahlt habe. Das Problem ist der andere Mann, der versprochen hat, mir die rückdatierte Aufenthaltsbescheinigung zu beschaffen. Es ist ein junger Bankangestellter, der den Stoff braucht. Wenn ich ihm den nicht weiter beschaffe, wird er sein Versprechen nicht halten.” Nun schwieg sie wieder, brachte aber nach einer weiteren Schweigeminute, wobei sich ihr Blick wieder an der Tischplatte “festklemmte”, ihre Sorge zum Ausdruck, dass sie nicht wisse, wie sie sich verhalten solle.
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