Als sie in den Hausflur trat, wäre sie beinahe über etwas gestolpert. Zwei riesige Reisetaschen versperrten den Weg und Lisanne musste einen großen Schritt machen, um über das Gepäck zu steigen. Ihr Herz klopfte vor Aufregung. Sie war noch nie geflogen. Früher war Ma mit ihnen zweimal im Jahr rauf nach Wales zu Tante Maggie und Onkel Ted gefahren. Einmal hatten sie Urlaub in Irland gemacht. Aber geflogen war sie noch nie.
„Huhu“, rief sie in Richtung Küche, von wo aus sie die Stimmen ihrer Eltern vernahm. „Ich bin wieder da. Bin oben und packe!“
Sie lief die Treppe hinauf und überlegte genau, was sie alles mitnehmen wollte. Der Sommer in Südfrankreich war wirklich das, was man einen Sommer nennen konnte. Vielleicht würde sie neue Klamotten benötigen, denn so warm wie in Arles wurde es in Cornwall nie. Sie warf die Tür ins Schloss, kramte den Koffer unter dem Bett hervor und schob ihn vor den Schrank. Draußen hatte es zu regnen begonnen. Das Prasseln der Tropfen übertönte das Brummen der Melkmaschine. Die Treppe knarrte. Wenig später klopfte jemand an die Zimmertür.
„Komm rein“, sagte Lisanne und fuhr fort, ihre Kleider in den Koffer zu legen. Ein kurzer Seitenblick verriet, dass es Dad war. Er schwieg und setzte sich auf die Bettkante. „Um wie viel Uhr geht denn der Flug?“
„Um zehn am Morgen“, antwortete er. „Wir müssen sehr früh aufstehen, um rechtzeitig in Bournemouth zu sein. Von dort aus fliegen wir nach Nîmes. Vielleicht nehmen wir einen Mietwagen bis Arles.“
„Prima! Damit habe ich kein Problem. Fährt Logan uns zum Flughafen?“
„Nein“, Dad räusperte sich. „Er wäre zum Melken nicht rechtzeitig zurück. Mein Freund Ian fährt uns. Hör zu, Liebling.“
Ian. Der schräge, rothaarige Typ aus Little Bree. Er nannte sich selbst „Landwirt“, dabei besaß er allenfalls drei Hühner und zwei Schafe. Lisanne schmunzelte und faltete einen Rock zusammen.
„Ma und ich ...“, Dad druckste herum. Sie fragte sich, ob sie eine lange Jeans benötigen würde. „Erinnerst du dich daran, was du mir damals versprochen hast, Lissy? Ich meine, als Onkel Jamie gestorben ist.“
Sie erstarrte. Onkel Jamie. Nein, das war kein guter Zeitpunkt, um sie an irgendwelche Versprechen, die sie mal gegeben hatte, zu erinnern. Ganz langsam drehte sie sich um. Dad schaute auf seine Hände hinab und redete immer weiter.
„Weißt du, wir haben nur Shannon und dich. Sicher, ich habe mir oft einen Sohn gewünscht, der mit anpackt. Einen Hoferben.“ Er lachte. „Onkel Jamie musste dran glauben, solange, wie Ma immer sagte, bis sie einen Sohn zustande bekommt. Aber wir haben nur euch beide. Und Jamie ist tot. Du sagtest damals, dass ...“
„Dad, was soll das jetzt? Ich weiß, was ich gesagt habe! Ist das im Augenblick so wichtig?“
Er erhob sich, drehte sich wie ein unbeholfener kleiner Junge zu ihr.
„Du hast gesagt, dass du immer für mich da sein wirst. Wann immer ich dich brauche. Weißt du das noch? Dabei warst du erst zwölf und so süß wie Zuckermais. Du wolltest mir immer den Sohn ersetzen, obwohl ich euch beide nie hergeben würde.“
„Und das habe ich auch, oder?“ Lisanne warf ein paar T-Shirts in den Koffer. „Ich habe immer mit angepackt, wo ich konnte. Bei der Heuernte, beim Silieren, ich kann sogar Treckerfahren. Dad, du hast gesagt, dass es okay ist, wenn ich nach London gehe, um Lehramt zu studieren. Willst du mir das jetzt vorhalten? Hast du Angst, dass ich den Hof nicht haben will?“
Er lächelte, kam näher, strich ihr die zerzausten Haare aus der Stirn. Seine schwielige Hand war immer etwas schmutzig, auch wenn er sie noch so oft wusch.
„Nein, Liebling. Wenn du Lehrerin werden willst, dann werd es. Wenn es das ist, was dich glücklich macht, werde ich dir nicht im Weg stehen. Ich wollte dir etwas anderes sagen ...“
Sie schluckte und verdrängte die aufkommende Ahnung. Dad griff nach ihren Händen.
„Lisanne, ich brauche dich in den nächsten Tagen hier. Hier , auf Wildflowers Hill, verstehst du? Ich möchte dich ein letztes Mal an dein Versprechen erinnern, denn jetzt brauche ich dich wirklich dringend.“
„ Was ?“ Sie zog ihre Hände weg, wich einen Schritt zurück, prallte an die Schranktür. „Soll das heißen, dass ... dass ich ...?“ „Dass Ma und ich allein fliegen, ja.“ Er schaute zu Boden. „Es tut mir so leid.“
Ihr fehlten die Worte. Sie musste sich verhört haben. Das konnte nicht wahr sein.
„Dad, ... das heißt, ich meine ... Ich würde ...“ Sie kämpfte gegen die Enttäuschung, gegen ihre Tränen. Dad nutzte den Moment, um weiterzureden.
„Weißt du, Liberty und ich sind dieses Jahr fünfundzwanzig Jahre lang verheiratet. Im August. Es ist unsere Silberhochzeit und wir sind noch nie zusammen verreist. Wir hatten keine Flitterwochen, immer stand der Hof im Vordergrund. Immer die Tiere, die Arbeit, ihr.“ Er machte eine Pause. Sie spürte, wie der Schmerz in ihr abwechselnd aufbrauste und abflachte.
„Endlich ergibt sich eine Gelegenheit, Lissy. Wir haben immer davon geträumt, nach Südfrankreich zu fahren. Ihr seid erwachsen, ich habe jemanden eingestellt, der für die Woche klarkommen wird. Logan ist ein guter und vertrauenswürdiger Arbeiter. Und er ist ja nicht ganz allein auf dem Hof. Du bist da und passt mit auf, hab ich recht? An zwei Tagen besuchen wir Shan, den Rest der Zeit verbringe ich mit deiner Mutter. Lissy, jetzt, vor der Ernte, ist die einzige Gelegenheit, Urlaub zu nehmen. Im August ist Hochsaison, das weißt du.“
„Klar“, murmelte sie und bemühte sich, ihre Trauer zu verbergen. „Klar verstehe ich das, Dad. Flitterwochen. Ihr habt Silberhochzeit. Wow, ... das solltet ihr unbedingt feiern.“
„Ich danke dir, dass du Verständnis hast.“ Er breitete die Arme aus, zog sie an seine Brust. „Wir fahren ein anderes Mal weg. Alle zusammen. Das meine ich ernst, Liebling.“
„Sicher. Ich hab’s versprochen, hm? Onkel Jamie kann dir nicht mehr zur Hand gehen, ich schon.“
„Lissy“, Dad löste die Umarmung, „da ... ist noch etwas.“
Sie atmete tief durch. Wie viel schlimmer konnte es schon noch werden? Eine Woche Semesterferien ohne ihre Eltern, allein mit einem herzamputierten Arbeiter, kein paar schöne Tage in Frankreich, kein Wiedersehen mit Shannon.
„Ja?“
„Du weißt doch, dass unsere Becky großes Potential hat, zur besten Kuh Großbritanniens gekürt zu werden. Ihre Milchleistung ist phänomenal, ihr Euter ist straff, die Zitzen sind ...“
„Dad! Ich will das alles nicht wissen! Was habe ich damit zu tun?“
„Am Wochenende finden in Bristol die großen Viehauktionen und die Rindershow statt.“ Er kratzte sich nervös am Hinterkopf, druckste herum. Ihr wurde heiß und kalt. „Ich ... ich habe Becky angemeldet. Zur Show. Logan fährt mit ihr hin. Und du ... du musst mit und ihm helfen. Es ist immer besser, wenn eine hübsche, junge Dame wie du in der Show ...“
„ Was hast du da gerade gesagt ?“
„Er kann sie da unmöglich vorführen. Er ist mein Arbeiter. Ich möchte, dass du das tust. Als meine Tochter.“
„Ich ... soll ... eine ... Kuh ... rumführen? Dad, das kann unmöglich dein Ernst sein! Frankreich, okay, aber eine Kuhshow ? Das ist Schwachsinn!“ „Das Preisgeld für die Siegerin beläuft sich auf mehrere Tausend Pfund, die du sicher gut für dein Studium gebrauchen kannst. Becky wird auf das Titelbild der ‚Cow and Cattle‘ kommen, von den Zuchtangeboten ganz zu schweigen. Lissy, das ist die Chance für mich! Darauf wartet ein Landwirt sein Leben lang.“
Sie heulte und sank in den Koffer. Das war ein Albtraum! Mit Logan und einer Kuh nach Bristol! Für ein ganzes Wochenende! Jill würde sich kringeln vor Lachen.
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