Das nächste, was er wahrnahm, war der frische, leichte Duft von dem feuchten Tuch auf seinem Gesicht. Er bewegte sich zur Seite und spürte all die Abschürfungen. Das Tuch fiel herunter. Die Augen brannten. Vor ihm im Zwielicht saß ein kleines Mädchen mit dunkler Haut und geflochtenen Zöpfen. Es sah ihn neugierig an, sagte etwas, das er nicht verstand und schien auf eine Antwort zu hoffen. Da erschien Luise hinter dem Kind. Ihr Haar war zerzaust, aber sonst sah sie aus, als wäre nichts gewesen.
»Na, Langschläfer«, sagte sie. »Da bist du ja wieder.«
»Wo sind wir?« fragte er.
»Im Zelt des Stammesführers, wenn ich das richtig verstehe.«
»Bei den Tuareg?«
Luise nickte. »Ohne sie wären wir jetzt tot.«
»Dann bist du wohl seine Tochter«, sagte Franz zu dem kleinen Mädchen.
»Sie heißt Mariamá«, sagte Luise. »Sie hat dir immer wieder das Kräutertuch auf die Stirn gelegt und mit deinen Füßen gespielt. Die findet sie lustig, weil sie so groß sind.«
»Danke, Mariamá«, sagte Franz und setzte sich auf. Das Mädchen lächelte stolz. Eine Matte wurde beiseite geschoben. Dadurch konnte Franz kurz sehen, dass draußen schon wieder die Sonne schien. Eine dunkelhäutige Frau kam herein, sie war unverschleiert und hatte ein ausdrucksstarkes, ebenmäßiges Gesicht.
»Das ist Fatou«, sagte Luise. »Die Frau des Stammesführers.«
Franz erhob sich, auch wenn das weh tat. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll«, begann er. »Wir stehen tief in Ihrer Schuld.«
»Sie versteht dich nicht«, sagte Luise.
»Ich weiß«, erwiderte er. »Aber fängt Verständigung nicht immer an mit einem ersten Satz?«
Fatou sagte etwas, mit ruhiger, melodischer Stimme, dann sah sie Franz erwartungsvoll an.
»Ich glaube«, sagte Luise, »sie möchte wissen, ob du Hunger hast. Sie hat gekocht, und es schmeckt fantastisch.«
»Vielen herzlichen Dank«, sagte Franz.
»In ihrer Sprache heißt das tannemert «, bemerkte Luise.
Franz sah sie staunend an: »Gibt es irgendetwas über diese Leute, das du noch nicht weißt?«
Fatou ging voraus, Luise und Franz folgten ihr nach draußen. Das Sonnenlicht brannte heftig in seinen Augen, aber das machte der Duft nach gebratenem Fleisch mehr als wett. Ein Mann saß am Feuer vor dem Zelt, auf einem Teppich im Sand. Sein Gesicht war verschleiert, und er schob gerade eine Teekanne in die Glut.
»Das ist Koumamá«, sagte Luise.
Der Stammesführer deutete neben sich auf den Teppich. Franz und Luise setzten sich stumm dazu. Er schöpfte mit einem großen Löffel Suppe aus dem Topf, der im Feuer stand, und reichte Franz die volle Schale.
» Tannemert «, sagte Franz. Koumamá ließ sich nicht anmerken, ob er es schätzte, in seiner Sprache angesprochen zu werden.
»Das schmeckt sehr gut«, sagte Franz, nachdem er gekostet hatte.
» Ekrar «, erwiderte Koumamá.
»Ich weiß nicht, was das heißt«, meinte Luise. »Zu mir hat er es auch schon gesagt.«
»Ihre Sprache nennt sich tamascheq «, erwiderte Franz. »Aber dafür gibt es kein einziges Wörterbuch.« Sie bemerkten, dass Koumamás Blick auf ihnen ruhte.
»Ich glaube«, sagte Luise, »er findet es unhöflich, dass wir uns in einer fremden Sprache unterhalten.«
» Ekrar ?« wollte der Stammesführer wissen. Der Tonfall ließ eindeutig auf eine Frage schließen. Nur: Was hatte sie zum Inhalt? Koumamá sah Franz fragend an.
» Ekrar «, sagte Luise schließlich, ohne auch nur zu ahnen, was es heißen könnte. Koumamá schöpfte ein weiteres Mal aus dem Topf und füllte Franz‘ Schale.
Nach dem Essen gab es Tee. Aber nicht einfach so. Dem Genuss ging eine langwierige Prozedur voraus. Koumamá schüttete den zubereiteten Sud aus großer Höhe zielsicher in eine Blechkanne, um ihn anschließend aus ebensolcher Höhe zurück in die Teekanne zu befördern. Das wiederholte er mehrere Minuten lang, immer und immer wieder. Dadurch entstand eine Menge Schaum.
» Shahid «, sagte Koumamá.
» Shahid « sagte auch Luise.
Koumamá stellte drei kleine Gläser in den Sand und füllte sie vorsichtig mit nichts als nur diesem Schaum. Dann schob er die Teekanne zurück in die Glut, um den durch das Hin- und Hergießen erkalteten Tee wieder zu erhitzen. Endlich wurde er in die Gläser gegossen, wo er sich mit seinem Schaum wieder vereinigte. Koumamá reichte seinen Gästen die vollen Gläser. Sie bedankten sich höflich und lächelten freundlich. Koumamá lächelte nicht.
» Bismillah «, sagte er.
»Das ist arabisch«, wusste Franz. »Es heißt Im Namen Allahs «.
» Bismillah «, sagten Luise und Franz, fast wie aus einem Mund. Vorsichtig kosteten sie den Tee. Er war sehr stark. Und so süß, dass es Franz erst einmal schüttelte. Er versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Schließlich wollte er es sich mit seinem Gastgeber nicht schon beim ersten Treffen verscherzen. Bereits beim zweiten Schluck änderte er, zu seiner eigenen Überraschung, die Meinung. So übel war der Tee gar nicht. Beim dritten Schluck schmeckte ihm das Gebräu, und als die Tasse leer war, hoffte er auf eine zweite.
»Er ist köstlich!« rief Luise. »Ich liebe ihn!«
Koumamá musterte sie. Derart expressive Gefühlsbekundungen am Lagerfeuer war er nicht gewohnt. Um selbst trinken zu können hatte er seinen Schleier ein wenig herunter gezogen. Deswegen sahen sie, dass auch er sich nun den Anflug eines Lächelns nicht verkneifen konnte. Als ihm klar wurde, dass seine Gäste das bemerkten, schob er den Stoff rasch wieder hoch, und seine Augen wurden ernst. Auch Luise nahm schnell wieder Haltung an. Sie wusste: Der Kontakt mit diesen Leuten war für Franz sehr wichtig, also wollte sie sich benehmen.
Koumamá bereitete einen zweiten Aufguss vor, und diesmal sahen sie staunend, was für Zuckermengen er in die Kanne schüttete. Er ließ den Tee sehr lange ziehen, bevor er ihn wieder viele Male zwischen Teekanne und Blechkanne hin- und herschüttete. Der zweite Sud war etwas weniger stark, aber dafür noch süßer als der erste. Das war für Franz jetzt aber kein Problem mehr. Auch er war nun erfasst vom Strudel der Sucht, der jeden packte, der je von diesem Tee kostete. Die beiden wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was für eine zentrale gesellschaftliche Bedeutung die Teezeremonie für die Tuareg hatte. Das Ritual unterlag strengen Regeln und schrieb drei Aufgüsse vor: Der erste hatte bitter zu sein wie das Leben, der zweite süß wie die Liebe und der dritte sanft wie der Tod. Die Tuareg pflegten diesen Brauch nach jeder Mahlzeit, aber auch dann, wenn sie geschätzten Besuch bekamen. Er stand in direktem Zusammenhang mit der kompromisslosen Gastfreundschaft, der sie sich verpflichtet fühlten. Wer drei Gläser shahid von ihnen bekommen hatte, stand unter ihrem persönlichen Schutz.
Nach dem Essen unternahm Koumamá mit seinen Gästen einen Spaziergang durch das Zeltlager. Da waren die anderen Mitglieder des Stammes, verschleierte Männer, unverschleierte Frauen und bunt gekleidete Kinder. Luise wunderte sich über die unterschiedlichen Hautfarben, zwischen ganz hell und sehr dunkel gab es alle Schattierungen.
»Das liegt daran«, sagte Franz, »dass sie früher Sklaven hatten, vom Stamm der Hausa in Nigeria. Sie haben sich mit den dunkelhäutigen Frauen vermischt.«
»Was für ein schönes Volk sie sind«, bemerkte Luise. »Ob sie sich von mir malen lassen?«
Auf einer kargen Wiese standen ein paar Dutzend Kamele und wurden von Frauen geweidet, deren Kinder auf dem Boden saßen und spielten. Fatou hatte Mariamá an der Hand und sprach mit einer von ihnen.
»Sieh mal, sie ist auch schwanger«, sagte Luise. Franz sah sie nun auch, die Wölbung von Fatous Bauch. Und schon hatten die beiden Frauen ein gemeinsames Thema. Luise hatte keinerlei Scheu, sich mit Händen und Füßen zu verständigen, und es gelang ihr, mit Fatou eine Unterhaltung unter werdenden Müttern zu führen. Franz und Koumamá taten sich schwerer. Sie sahen ihren Frauen zu, wie sie miteinander lachten, sich Zeichen gaben und drauflos improvisierten - und hatten keine Ahnung, wie die beiden das anstellten.
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