Horton ist ein großer Elefant mit einer Liebe für die kleinen Dinge und Momente. Die anderen Einwohner von Nümpels halten ihn, freundlich gesagt, sowieso schon für etwas seltsam. Und natürlich glaubt ihm niemand, dass er von einem kleinen Staubkorn einen Hilferuf vernommen hat: Dort leben nämlich die Hus im Städtchen Hu-Heim – und Horton sieht es als seine Pflicht an, das Staubkorn samt all seiner Bewohner an einen wirklich dauerhaft sicheren Ort zu bringen.
Horton hört ein Hubasiert, wie zum Beispiel auch Der Grinch, auf den wunderbaren Erzählungen des amerikanischen Kinderbuchautors Dr. Seuss, und vor allem Hu-Heim (im englischen Original sind die Wortspiele um die Whos und Whoville natürlich noch wirksamer) strahlt ganz seinen Geist aus. Dass der Bürgermeister des Staubkornstädtchens ebenfalls Schwierigkeiten hat, seine Mitbürger_innen von der Existenz des riesigen, hilfreichen Elefanten zu überzeugen, gibt nebenbei eine kleine Lektion über Perspektive und Glaubwürdigkeit her… aber darum geht es dem Film wahrlich nicht primär.
Nein, in allererster Linie ist Horton hört ein Huein großer Spass, der vielleicht ein etwas zu einfaches, versöhnliches Ende findet – aber es muss ja nicht immer alles konfliktintensiv sein, ne?
Horton Hears a Who!USA 2008. Regie: Jimmy Hayward, Steve Martino, 86 Minuten. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren. Auf zahlreichen Plattformen als VoD verfügbar.
Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ hat mittlerweile auch schon mehr als 60 Jahre auf dem Buckel – wie sehr das Kinderbuch allerdings, mit kleinen Anpassungen hier und da, immer noch auch sehr gegenwärtig ist, beweist Michael Schaerers Verfilmung mit Karoline Herfurth in der Titelrolle als gerade einmal 127-jährige Junghexe, die endlich auch in der Walpurgisnacht auf dem Blocksberg tanzen will.
Zaubersprüche, Hexenflüge und vor allem natürlich der Rabe Abraxas (mit Inbrunst gesprochen von Axel Prahl) fügen sich als computergenerierte Effekte ohne Übergang in den Realfilm ein, und nur das – von der Protagonistin abgesehen – doch sehr einheitlich altmodische Hexenbild stört ein wenig, da wäre etwas mehr Modernisierung vielleicht nicht fehl am Platze gewesen. Das Buch ist halt doch aus den 1950ern: Und wird hier mit einer der schönsten deutschen Kinderbuchverfilmungen der letzten Jahre noch einmal richtig gefeiert.
Die kleine Hexe.Deutschland, Schweiz 2018. Regie: Mike Schaerer, 103 Minuten. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren. Bei amazon Prime in der Flatrate, auf zahlreichen Plattformen als VoD verfügbar.
Ob man den kleinen Raben Socke unbedingt als besten Freund haben möchte, das ist durchaus unklar. Er ist eigensinnig, vorlaut, gern auf seinen eigenen Vorteil konzentriert. Gelegentlich lügt er, immer wieder dreht er sich die Welt so, wie sie ihm gefällt. Er ist, mit anderen Worten, an solchen Tagen, wie jedes Kind manchmal ist, wenn das Ego wächst und die Empathie gerade Urlaub macht oder sich noch entwickeln muss. Bösartig ist er aber nie, er hat auch Angst und sieht am Ende doch meist ein, dass das Leben besser ist, wenn es den Freund_innen auch gut geht… ein kleines Alter Ego unserer Schwächen ist er also, dieser freche Vogel mit der einen Ringelsocke.
In seinem ersten Kinofilm geht es inhaltlich recht dramatisch zu: Weil er ohne große Selbstkontrolle den Staudamm oberhalb der Waldsiedlung beschädigt, das aber nicht eingestehen will, muss Socke nicht nur die Biber finden und davon überzeugen, den Damm wieder zu reparieren, verstrickt sich und seine Freund_innen durch Lügen auch immer mehr in komplizierte Geschichten. Anders als in vielen Kinderfilmen gibt es hier aber keine Antagonistin, keinen Bösewicht, die zu bekämpfen wären: Socke steht sich vor allem selbst im Weg, die Motive und Interessen der anderen sind durchaus stets berechtigt, und die Lösung aller Probleme liegt schließlich in der Gemeinschaft – ohne dass jede_r sich ganz und gar unterordnen müsste. Bestes Kinderkino.
Der kleine Rabe Socke.Deutschland 2012. Regie: Ute von Münchow-Pohl, Sandor Jesse, 78 Minuten. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren. Auf zahlreichen Plattformen als VoD verfügbar.
Ponyo – Das große Abenteuer am Meer
Der kleine Sōsuke lebt mit seinen Eltern in einem abseits gelegenen Haus an einer Steilküste. Eines Tages findet er einen (etwas seltsam aussehenden) Goldfisch am Ufer und nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Dieser Fisch mit Namen Ponyo wünscht sich bald, ein Mensch zu sein wie sein neuer Freund Sōsuke – weil er aber Kind eines Menschen und einer Meeresgöttin ist, setzt dieser Wunsch ungeahnte Naturkräfte in Bewegung. Bald naht ein Sturm und droht, das ganze Land zu überschwemmen.
Derart geradlinig erscheinende Inhaltsangaben sind eigentlich für die Filme von Hayao Miyazaki weder treffend noch geeignet, und so ist es auch bei Ponyo – Das große Abenteuer am Meer, der doch so viele Wunder und Abenteuer bereithält. Ein winziges Spielzeugboot hat auf einmal Platz für mehrere Menschen; Ponyos Vater, eine sehr androgyne Gestalt, sammelt mit einem U-Boot eine geheimnisvolle Essenz; seine Mutter, die schließlich als Meeresgöttin mit den Menschen verhandelt, um die Natur wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Das ist magisch, bestaunenswert, nie einfach und doch zugleich immer ganz und gar klar; von allen Animationsfilmen aus dem Studio Ghibli (das u.a. auch für Kikis kleiner Lieferserviceverantwortlich ist) ist dieser der auch für kleine Kinder schon zugänglichste.
Gake no Ue no Ponyo.Japan 2008. Regie: Hayao Miyazaki, 96 Minuten. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren. Nur auf Netflix in der Flatrate.
Shaun das Schaf – Der Film: Ufo-Alarm
Wer Shaun das Schaf nicht kennt, dem fehlt ein ganzes Stück Lebensfreude. Glücklicherweise sind die weniger Minuten langen Miniaturen aus dem Hause Aardman überall zu finden, etwa auf dem eigenen YouTube-Kanal und nicht zuletzt immer wieder, fast wöchentlich, in der Sendung mit der Maus. Das erfindungsreich-freche Schaf mit seinen Herdengenoss_innen, dem Hund Bitzer und anderen Bauernhofbewohner_innen gibt es mittlerweile auch in zwei Kinofilmen, deren zweiter trotz der Einführung einer sehr ortsfremden Figur dem Geist der Kürzestfilme mehr entspricht als der ganz mild krawalligere Shaun das Schaf – Der Film.
Lu-La kommt von irgendwo aus dem All, aus der Sternenmitte, und sie ist wahrlich das liebenswürdigste Alien, das man sich vorstellen kann – zudem kindlich-naiv, von Süßigkeiten und Limonade sehr zu begeistern. Sie landet eher versehentlich in der kleinen Stadt, die in der Nähe von Shauns Farm liegt, und sorgt alsbald für großes Durcheinander und das Eintreffen einer seltsamen Geheimabteilung der Regierung. Shaun das Schaf – Der Film: Ufo-Alarmnutzt dann die Gelegenheit, um mit winzigen Knetfiguren und ohne gesprochene Dialoge eine Tour de Force durch das Science-Fiction-Kino zu machen, aufregend, hochgradig komisch, mit brillantem Timing und Ideen so glitzernd wie die Gestirne über uns.
A Shaun the Sheep Movie: Farmageddon.Großbritannien u.a. 2019. Regie: Will Becher, Richard Phelan, 86 Minuten. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren. Auf zahlreichen Plattformen als VoD verfügbar.
Das singende, klingende Bäumchen
Zugegeben, die Vorlage für Das singende, klingende Bäumchengehört nicht gerade zum Märchenkanon, der in allen Familien vorgelesen und erzählt wird; Anne Geelhaar und Regisseur Francesco Stefani bedienten sich bei dem recht unbekannten Fragment „Hurleburlebutz“ aus den Grimm‘schen Sammlungen. Das Ergebnis ist sehr eigen, mit gelungenen kleinen Effekten und tollen Studiokulissen; es wirkt aus heutiger Sicht politisch eher harmlos und sorgte doch nach seiner Premiere im Dezember 1957 schnell für Kontroversen.
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