
Am Anfang von Hancocks Recherchen stand eine Ernüchterung: Ein „Tabot“, so erfuhr er in der Asservatenkammer des Britischen Museums, gehört zum Inventar jeder äthiopisch-orthodoxen Kirche. In jedem dieser mauerumschlossenen Allerheiligsten, die nur der jeweils älteste Mönche betreten darf, liegt so eine geweihte Replik der Bundeslade. „Damit alle Äthiopier mit dem Heiligtum in Berührung kommen und seinen Segen empfangen können, hat man Kopien angefertigt“, weiß Haile Selassie Berhe. Am „Timkat“, dem höchsten Feiertag am 19. Januar, tragen die Priester am Ende des Gottesdienstes die Tabota unter dem Jubel der Gläubigen vor das Kirchenportal. Doch bei diesen handelt es sich um lediglich 30 Zentimeter lange Kistchen, in denen Holztafeln ruhen, auf denen die Zehn Gebote eingraviert stehen - in der äthiopischen Kirchensprache Ge´ez.
Im Zweiten Buch Mose aber wird die Bundeslade als mittelgroße, rechteckige Truhe aus Akazienholz beschrieben, „dritthalb Ellen lang, anderthalb Ellen breit und hoch, und mit feinem Golde überzogen“, also etwa 112 cm lang, 68 cm breit und hoch. Die äthiopischen Tabota sind zu klein für diese Abmessungen, und die Schriftzeichen der originalen Bundeslade müßten der Bibel folgend nicht in Ge´ez, sondern Althebräisch sein. Was haben die beiden Ausländer also gesehen, die in jemals einen Blick auf dieses Heiligste des Heiligen geworfen haben sollen? Ein armenischer Erzbischof und ein armenischer Pater, die 1867 als Gesandte der britischen Königin Victoria Äthiopien, weilten, hatten in Axum die Gelegenheit, den „Tabot“ zu sehen. Pater Dimotheus beschreibt in seinem 1871 in Jerusalem erschienenen Buch eine rote Marmortafel von knapp 30 Zentimeter Länge, auf der die zehn Gebote in Ge´ez eingraviert seien. Er war der Ansicht, die Tafel könne nicht älter als 500 Jahre alt sein, weil sie keine Beschädigung aufweise. Doch hat man Dimotheus, der sich mit unflätigen Worten über die „dummen Äthiopier“ erregte, die den Stein blindlings als echt ansähen, auch ihr Allerheiligstes gezeigt, oder eine der geweihten Kopien?

„Sie haben den arroganten Dimotheus an der Nase herumgeführt“, glaubt Haile Selassie Berhe. Nicht einmal der Patriarch in Addis Abeba dürfe das Original sehen, daß in der Kapelle der Heiligen Maria von Zion in Axum, dem Palladium der äthiopisch-orthodoxen Kirche, verborgen ist, bewacht vom greisen Abbe Georgios. Der Mann in den Fußstapfen von Moses trägt ein grünes Gewand und einen schwarzen Turban, nie darf er das Gelände der Kapelle verlassen. Neben ihm steht der 12jährige Abene, sein Nachfolger. „Nein, niemand außer mir darf den Schrein sehen“, bedeutet der Wächter der Lade, „Laien müssen vor seiner Kraft geschützt werden. Gott segne dich.“
Die Kraft der Bundeslade begleitet Äthiopien durch dick und dünn, auch wenn ihre materielle Existenz bis heute nicht bewiesen ist. Die Lade ist mächtig.
Da brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflegte. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab. Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie.
Markus 10,13-16
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