Am nächsten und letzten Tage meiner Orientierungsreise schaute ich mir die Reklame längs der Straßen und an den Geschäften an. Mir fiel dabei des Öfteren der Name Mehmet auf. Ich assoziierte das sofort mit zwei gleichen Namen aus meiner Heimat. Beide waren scharf auf das Erzielen größerer Geldmengen. Der eine war ein hochdotierter Fußballer, der andere ein jugendlicher Schwerverbrecher. Sieh an, wie sich alles gleicht, dachte ich und sagte das meiner Angetrauten, die sich an den Kopf fasste und dabei nickte. Die ganze Reise bestand nur aus Höhepunkten. Das erinnerte mich an unsere Hochzeitsreise in Plau am See – nur die Höhepunkte waren moderater, wenn auch genau so anstrengend. Dann, nach den Strapazen wieder zu Hause angekommen, als ich meine üblichen Stullen aß, bekam ich dann prompt mein lang vermisstes Sodbrennen.
Avon Darius wird beidseitig schreiend (Mutter und Sohn) mit untätiger Hilfe, des mit ängstlich, freundlichem Gesicht zuschauenden Erzeugers, aus dem Mutterleib gezogen. Ein ganz normales Kind von ganz normalen Eltern, hineingeboren in die schöne Prignitzer Landschaft. Spielend im Kindergarten des eben so schönen Landes Niedersachsen. Helene, ein Mädchen von ganz normalen Eltern. Sie war nicht so grässlich schreiend in die Wanne der Hebamme gerutscht und der Erzeuger hatte der Mutter bei der Geburt nicht unverschämt in die Öffnung zwischen den Beinen gesehen.
Beide, kulturbeanspruchende Kinder in einem Hochkulturland, wie Deutschland. Deutschland mit einem Kulturminister, Mängelverwalter, Forstmeister der Kunstszene, ausgestattet mit drückenden Schuhen von Deichmann und einem Anzug von C&A, der beim ersten Regen einlief, ihm den ersten Schnupfen einbrachte und einen Viruseffekt mit starkem Magendrücken. Nachdenklich nahm er seinen Allgemeinzustand wahr und erkannte, dass es besser dotierte und trockenere Plätze gab. Der Neue (es gab immer einen Neuen), ein gestandener kulturgehärteter Macher, übernahm die gleichen Ansprüche, stellte neue und edlere, ja gleichsam kulturvollere Ansprüche an sich und seine zu bearbeitenden Kulturmenschen. Es änderte sich nichts, bis auf Maßanzüge, die er bevorzugte, und Schuhe von Salamander. Landesminister mit angehängtem Kulturressort probten in ihrem Ländle, mit viel Geschick und Ungeschick, die Alimentierung der Kultur, im meistens verlorenen Kampf, mit ihren Finanzministern.
Treu der Globalisierung (sie war jetzt modern), nach dem Muster der Wirtschaft und anderer Nebenschauplätze, modellierten ihre Kulturarbeiter nach diesen ungeeigneten Vorbildern grenzüberschreitende Spartenmodelle. Jeder Künstler der darstellenden und der Musik machenden Zunft sollte ein Auto bekommen und im Ländle von Spielstätte zu Spielstätte fahren, die Kultur in jeden Winkel bringen. Mit einer Truppe waren mindestens drei der Kulturträger in verschiedenen Orten zu bedienen. Wunderbar, Geld einsparen, die faulen Künstler endlich in die sogenannte Vollbeschäftigung zu kriegen und zwei Drittel davon an den heimischen Herd zu schicken. Der Bedarf an gemeinnütziger Arbeit war in den Ländern immens, endlich konnte der Jugend, nach ihrem Unterricht, die Kultur näher gebracht werden es standen genug Ein-Eurojobber zur Verfügung. Die Künstler tauchten in den immer größer werdenden Strom der Arbeitsämter ein. Die Internetseiten und Vorruhestandsbänke füllten sich. Wir haben ja genug perspektivlosen Nachwuchs.
Die Ausbildungsstätten sind voll von verrückten Kunstanwärtern, die motiviert und fantastisch ausgebildet auf den Markt schleichen. Inzwischen holen Produzenten und Regisseure die „Stars“ für ihre Fastfood-Produktionen, für Film und Fernsehen, aus Kaufhallen und von der Straße. Wir sind ein Volk von Fastfood-Konsumenten, jetzt haben Schönlinge und Naturtalente Hochkonjunktur. Jeder hat die Möglichkeit der Wahl zwischen Big-Mag oder Mag-Shicken. Nun kommen die Laien, Skandalaffen und völlig Unbedarfte zum Zuge. „Die Ra(a)ben krächzen fröhlich über dem Container.“ Blühende Skandale sind ein Qualitätsmerkmal und bringen in der Öffentlichkeit die alles überragende Quote. Diese Dame, von Millionen verehrt, bringt Millionen ein, lässt keine Kompromisse zu. Sind unsere Macher so geldgierig?
Der Kunst sind keine Befehle zu geben. Die Künstler sind die Vertreter von denen, die die Zeche bezahlen, den Mühseligen und Beladenen, den Ahnungslosen und Ohnmächtigen – nicht der Mächtigen. Wo bleibt die Zivilcourage der Journalisten? Eindeutige Fragen an die Politiker wären eindeutig zu beantworten – nicht das ewige pflaumenweiche Geschwafel, das eine Unkultur höchster Güte angenommen hat. Die Kunst des Nichtantwortens sollten diese „Redekünstler“ von der Politik lernen. Es ist erstaunlich, dass auf sehr unterschiedliche Fragen, hochrangige Politiker immer die gleichen Antworten geben, die mit der Sache eigentlich nichts zu tun haben. Ehemalige Bundeskanzler und jetzige Ministerpräsidenten haben diese Form der Kommunikation auf eine gewisse Kultstufe gebracht. Da wird zum Beispiel auf die Frage eines Journalisten: „Wann haben sie das letzte Mal gebadet?“, geantwortet: „Nun, die Bedeutung der Kirche ist unbestritten!“
Was erwarten nun unsere beiden, jüngst geborenen Kulturkonsumenten. Helene kommt in die Schule – großartig motivierte Lehrer und lustige Kinder. Helene reibt sich die übernächtigten Augen, stürzt die Milch zwischen die Zähne und rennt los. Sie hatte sich einen der üblichen Filme, der ungefähr tausend blöde Fortsetzungen haben wird, vor dem Fernseher hockend, reingezogen und davor die Talkshow „Ich hatte mit zwölf Jahren Geschlechtsverkehr“ mit voller Aufmerksamkeit angesehen. Nun war sie müde, kann sich an den Film nur undeutlich erinnern und treibt mit den Mitschülern während des Unterrichts einen regen Erfahrungsaustausch über die Frage: Sex oder nicht Sex? Der blöde Lehrer mit seinem öden Unterricht war ja ätzend – Biologie, was weiß der schon. Der Musikunterricht in der letzten Stunde fällt sowieso aus. Den einzigen Musiklehrer hatten sie geschafft – Nervenzusammenbruch. Im Fernsehen konnten sie dann die Nachmittagstalkshow „Ist der Alkoholiker ein besserer Liebhaber“ noch erwischen.
Der Vater von Avon Darius hatte als Musiker (nun arbeitslos) gerade den Zusammenschluss dreier Theater erlebt. Er war sehr froh über die gewonnene arbeitslose Zeit, konnte er sich doch jetzt voll der musischen Ausbildung seines Sohnes widmen – ihm schwebte das Genie Mozart vor Augen. Für eine musische Ausbildung in der Schule gab es kein Geld und keinen Lehrer. Avon Darius hatte allerdings keinen Bock, nach der Schule mit dem Vater die Fiedel zu streichen. Eine Kinderpopgruppe, die durch kostenaufwendige Promotion hochgepuscht worden war, gab ein Konzert. Das Geld für den hohen Eintrittspreis würde er von seinem arbeitslosen Vater in Zukunft sicher nicht mehr erhalten. Sein Vater hatte die kleinen schreienden und trampelnden Kerle bereits erlebt, es war einfach irre, die Mikrofone verstärkten die kleinen Stimmchen überdimensional. Sein Sohn und dessen Schulfreundin waren einfach hin und weg, sie kreischten und schrien in der Masse – sind sie nicht süß? Und diese herrlichen Klamotten und Frisuren, einfach toll!
Wohin wandelst du Kulturhochburg Deutschland? Eine Burg, unbegehbar für Begabte – Burg für Etablierte, die niemanden hineinlassen, deren Qualität, hofft man, an den hohen Gagen zu erkennen. Werbeflächen für die Wirtschaft – Abhängige von Gönnern, die sich prostituieren? Meine Herren Kulturmanager und Minister, Konkursverwalter der Kultur oder deren Abwickler. Geld wird durch Kulturfastfood eingespielt. Milliardäre und Großkonzerne, die durch eine geschickte Lobbyistenpolitik von den Generationen der politischen Klasse steuerbefreit wurden, spielen sich, wenn ihnen gerade danach ist, als Mäzene der Kultur auf, obwohl sie zu dieser Aufgabe verpflichtet wären. Es wird Zeit, Kulturkönnern und nicht Kulturgönnern, endlich durch die Politik richtige Ausrüstungen zu kaufen und sich nicht hinter Absichtserklärungen zu verstecken.
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