Er sagte, dass er und Vogel jetzt die Dinge zusammentragen würden und dass sie überlegten, ob sie alternativ innerhalb eines Konsortiums auftreten sollten. Monika Hutinger hielt das für eine ausgezeichnete Idee. Lenz dachte, dass er mit ihr wahrscheinlich nicht weiterkäme. Die beiden Männer verabschiedeten sich und verließen die Bank.
Vogel war erleichtert, dass es offenbar schwierig war, solche hohen Kreditsummen aufzunehmen. Natürlich schwieg er und hoffte, dass der Termin am kommenden Montag ähnlich verlaufen würde. Er wollte sich durchaus um diesen Auftrag bemühen. Er wäre damit zufrieden, wenn er Teil eines Konsortiums sei. Der Brocken wäre immer noch gewaltig genug. Und sollten sie in dem Projekt tatsächlich Fuß fassen, ständen ihnen die nächsten Türen ein wenig weiter offen. Darüber konnte er mit Lenz aber jetzt nicht sprechen. Der war frustriert, das sah er.
*
Der Termin bei der Genossenschaftlichen Kreditanstalt Hamburg verlief im Prinzip ebenso. Auch hier stießen Sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Die Gesprächspartnerin, Martina Tiedtken sah weniger gut aus wie die Hutinger, dachte Lenz.
Vogel merkte schon während des Gesprächs, dass sein Kompagnon die Dame bereits abgeschrieben hatte. Diesmal machte er keinen so frustrierten Eindruck auf ihn. Im Auto fragte er ihn, ob ein Konsortiums nicht mehr infrage käme. Die Verantwortung teilen, das würde ihm entsprechen.
„Aber mir nicht.“
Die nächsten zwei Wochen brachten die beiden damit zu, neben ihrem Tagesgeschäft die Unterlagen für die Ausschreibung des Senats durchzugehen und erste Berechnungen anzustellen. Sie recherchierten im Internet nach Firmen, die für ein Konsortium infrage kämen.
Lenz telefonierte mit den Geschäftsführern. Sie vereinbarten Treffen, um eine mögliche Zusammenarbeit zu sondieren. Es gab Gesprächspartner, die sofort absagten. Von diesen Terminen kam Lenz wütend zurück. „Da muss ich meine Zeit mit Idioten verschwenden – die prüfen die Dinge nicht mal. Solche Unternehmer sind Unterlasser!“
Andere fanden die Idee hervorragend und fühlten sich stark genug, in einem Konsortium mitzubieten. Bei einigen kamen jedoch Zweifel auf, ob die Firma Lenz und Vogel eine ausreichende Größe habe, die geforderten Bauleistungen bewältigen zu können. Auch solche Gesprächspartner erzürnten ihn.
Vogel war schon lange nicht mehr wohl bei der Sache. Er neigte zu voreiliger Zufriedenheit, wie Lenz es ausdrückte. Er kümmerte sich zu spät um Folgeaufträge und hatte in der Akquisition von Neukunden zu wenig Biss. Er arbeitete am liebsten einen Auftrag nach dem anderen ab. Er genoss es, ein gutes Einkommen zu haben und ein Auftragspolster vor sich herzuschieben. Das hatte er seinem Partner zu verdanken.
Das Senats-Projekt war ihm zu groß. Wenn es Lenz gelingen sollte, diesen Fisch an Land zu ziehen, war Vogel ihm endgültig ausgeliefert. Er hintertrieb Lenz’ Bemühungen nicht, er forcierte sie allerdings auch nicht.
Er bemerkte, dass Lenz sich mit jedem Gespräch, dass er mit anderen Firmen führte, veränderte. Er wirkte zunehmend unruhiger und starrte minutenlang nachdenklich aus dem Fenster.
Bremen, Donnerstag 17. April 2008, 10.00 Uhr
Am nächsten Tag hatte er einen Termin mit einem Unternehmen für elektrische Anlagen vereinbart. Die Firma hatte ihren Sitz in Bremen. Vogel hatte ihm gesagt, dass er an dem Tag auf zwei Baustellen vor Ort sein müsse. Er könne es sich nicht leisten, einen ganzen Tag in das Gespräch zu investieren. Er bat Lenz, allein zu fahren.
Um zehn Uhr war der bei Kovacic Systems mit dem Inhaber Mirko Kovacic verabredet. Die Firma lag in einem Gewerbegebiet im Stadtteil Hemelingen. Das Gebäude hatte eine beachtliche Größe, war modern und gepflegt. Im Erdgeschoss schien eine Werkhalle zu sein, im ersten Stock konnte er Lagerregale erkennen und in der darüberliegenden Etage vermutete er die Büroräume. Er erkannte es an deckenhohen Pflanzen.
Er betrat den Eingangsbereich im zweiten Stock. Hinter einem modernen Empfangstresen saß eine attraktive Frau. Neben dem Tresen war ein Bildschirm in die Wand eingelassen. Dort stand ‚Wir freuen uns, Herrn Lenz begrüßen zu dürfen.’
Er lächelte die Frau an und zeigte auf den Monitor: „Das bin ich, ich bin mit Herrn Kovacic verabredet.“
„Herzlich willkommen, Herr Lenz. Herr Kovacic erwartet Sie. Ich begleite Sie in den Besprechungsraum.“
Sie ging vor. Er sah auf ihren Hintern, der perfekt geformt war und in der hautengen Hose wohl nicht schlechter aussah als ohne. Sie führte ihn in ein extravagantes Besprechungszimmer. Es lag von der Straße aus gesehen im hinteren Teil des Gebäudes. Der Grundriss war rund, mehr als die Hälfte des Raumes bestand aus deckenhohen Fenstern. Man sah über einen Fluss, vermutlich die Weser, auf ein Wohngebiet auf der andern Seite. Rechts lag ein Nebenarm, der in den Feldern endete.
Lenz blickte sich im Raum um. Der Besprechungstisch war ringförmig und stand exakt in der Mitte. In die Wand eingelassen war ein wahrhaft gigantischer Monitor. Auf ihm lief eine Unternehmenspräsentation als Endlosschleife. Lenz hatte einige der Bilder und Headlines bereits im Internet gesehen. Im Tisch war eine Bedientafel integriert. Die Möbel bestanden aus einem edlen, hellen Holz und aus Aluminium, wahrscheinlich alles Sonderanfertigungen.
Er stand am Fenster und sah hinaus, als ein großgewachsener, sportlicher Mann von etwa vierzig Jahren eintrat. Er hatte dunkles volles Haar und einen gebräunten Teint, so als sei er gerade von einer Reise heimgekehrt. Er war attraktiv – sicher auch jemand, der bei Frauen ankam.
Er begrüßte den Gast mit einem offenen Lächeln, das seine strahlend weißen Zähne preisgab: „Herr Lenz, ich freue mich, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben.“
„Toll ist es hier“, sagte Lenz anerkennend. Im Stillen war er neidisch auf das, was er sah.
„Ja, ich bin sehr stolz auf das, was wir aufgebaut haben“, antwortete Kovacic.
Er stand mit Lenz am Fenster und erklärte, was in der Nähe und in der Ferne zu sehen war. Ihm sei zugesichert worden, dass die Aussicht nicht verbaut werden könne und er hoffe, dass die Stadt lange dabei bleibe. Er habe schon überlegt, ob er eine Etage oben draufsetzen lasse und den Wohnsitz her verlege. Es sei zwar ein Gewerbegebiet, der Blick sei aber phantastisch. Er sei jedoch davon abgekommen, weil er fürchte, dass er dann noch mehr arbeite.
Er bot Lenz Platz an, stoppte die Präsentation und fuhr fort: „Mein Vater ist in den frühen Sechzigerjahren aus Jugoslawien nach Deutschland gekommen. Er war Elektriker, war sehr fleißig und hatte die deutsche Sprache schnell gelernt. Meine Mutter hatte er in der Heimat zurückgelassen und ihr versprochen, dass er sie nachholen werde, sobald er eine eigene Firma hat.“
Kovacic deutete in die Runde: „Das war die Grundlage hierfür.“
Er erzählte, dass er neunzehnhundertneunundsechzig in Bremen geboren wurde. Seine Eltern, die aus bescheidenen Verhältnissen kamen, hatten darauf gedrungen, dass er sein Abitur machen und studieren solle. Das sei für Gastarbeiter damals von großem Weitblick gewesen.
„Leben Ihre Eltern noch in Bremen?“
„Meine Mutter“, antwortete Kovacic, „sie ist einundsiebzig Jahre alt und lebt bei mir. Mein Vater war leider Kettenraucher und ist vor zehn Jahren an Lungenkrebs gestorben.“
„Das tut mir leid“, antwortete Lenz mechanisch.
Sie tauschten einige Daten ihrer bisherigen Leben aus. Dabei stellte sich heraus, dass sie ungefähr zur selben Zeit in räumlicher Nähe studiert hatten. Lenz in Stuttgart und Kovacic in Esslingen Elektrotechnik.
Kovacic erzählte, dass er, als er in die Firma des Vaters eintrat, das Unternehmen für Elektroinstallationen ausgebaut habe in den Bereich Elektrotechnik, Steuerungen und Netzwerk.
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