Nun stand sie an dem alten gusseisernen Ofen und briet Bratkartoffeln mit Speck und Zwiebeln. Ida kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ihre Mutter hatte sich noch nie in einem Kleid ohne Kittelschürze an den Herd gestellt und Speisen zubereitet. Sicher wollte sie Rolf gefallen. Der hatte Dosen mit Ananas, Corned beef und eine Tüte mit Bohnenkaffee mitgebracht. Idas Mutter freute sich auf den Kaffee. Sonst gab es nur den unvermeidlichen Muckefuck, den Ersatzkaffee aus der blauweißgepunkteten Tüte von Linde.
Sie war sichtlich erstaunt. „Woher haben Sie das alles?“ fragte sie und schaute ihn misstrauisch an. Er wiegelte mit einer Handbewegung ab.
„Nicht fragen, sondern essen,“ befahl er lächelnd. „Auch wenn es nicht mein Lieblingsgericht ist. Ich esse für mein Leben gern Sauerkraut mit Stampfkartoffeln.“
Später, als Ida endlich in ihrem Bett lag, bot ihre Mutter dem netten jungen Mann das Du an.
„Ich heiße Erika.“ Sie freute sich, dass sich Rolf um sie bemühte. Jedenfalls vermittelte er den Eindruck, Interesse an ihr zu haben. Er war etwa im gleichen Alter wie sie, vielleicht etwas älter.
„Und ich heiße Rolf. Mit Nachnamen Schneider.“
Sie prosteten sich mit einem Glas Leitungswasser zu, denn alkoholische Getränke konnte sich Erika nicht leisten. Sie vermisste sie jedoch auch nicht. Vermisst hatte sie die köstlichen Sachen, die Rolf zum Abendessen beigesteuert hatte. Auch Idas wegen. Das Kind kannte ja solche Sachen gar nicht. Erika sah ihren Traum näher rücken: Eine kleine Familie. Sie war so lange allein gewesen. Zuerst der Krieg, der ihr den Mann genommen hatte, und danach? Erika sehnte sich nach einer heilen Welt mit einem Ehemann. Sie betrachtete ihn nachdenklich. Rolf hielt ihrem Blick stand und lächelte ihr mit erhobenem Glas zu.
Erika war auf dem besten Wege, sich ernsthaft zu verlieben.
Danach kam Rolf jeden Tag, manchmal schon am Vormittag. Ida freute sich
auf seine Besuche, unternahm sie doch mit ihm schöne Ausflüge. Ihre Mutter hatte dies erlaubt, weil Rolf so nett mit Kindern umgehen konnte. Sie durfte vorne auf der Fahrradstange sitzen und genoss den Fahrtwind, die kreischenden Möwen über der Nordsee, die Sonne und Rolfs belustigtes Lachen, als sie fast einmal den Deich hinuntergestürzt wären, weil er für Sekunden gedanklich abgelenkt war.
Doch da war Ida ziemlich erschrocken gewesen. Aber sie hatte sich nichts anmerken lassen.
Und seine Aktentasche beinhaltete immer leckere Sachen: Zitronensaft, Kekse, Schokolade. Er wusste, was kleine Mädchen gerne mochten. Er hatte doch schon einmal so ein kleines Mädchen. Unterwegs machten sie Halt und suchten sich eine geeignete Stelle aus, wo sie niemand störte. Dann tranken sie den Zitronensaft aus der Flasche, aßen Kekse und Schokolade. Ida gefiel das sehr und sie konnte sich nicht erinnern, schon einmal so schöne Sommerferien verbracht zu haben. Es störte sie auch nicht, dass Rolf ständig ihre Haare berühren wollte. Oder ihre Beine. Sie fand das ganz normal, denn er erwähnte einmal:
„Du bist jetzt meine kleine Tochter.“ Und Väter sind nun einmal so. Sie vergaß jedoch, dass sie ihren Vater kaum gekannt hatte und daher gar nicht wissen konnte, wie Väter „so sind“.
Abends aßen sie gemeinsam zu Abend. Erika bekam glänzende Augen, wenn sie Rolf ansah. Auch er schien sie genauso zu mögen und lud sie einmal am Wochenende zu einem Kinobesuch ein.
Erika zog ihr dunkelblaues Sonntagskleid mit dem großen weißen Kragen an, das eigentlich zu schade für das Fahrrad war. Aber sie besaß kein anderes – außer dem einen, das sie zuletzt beim gemeinsamen Abendessen für ihn trug und dann noch ihr Alltagskleid - und für Rolf wollte sie besonders schön sein. Zuletzt betupfte sie ihren Hals noch mit ein paar Tropfen des Duftwassers, einem Mitbringsel von Rolf. Sie hatte aufgehört zu fragen, aus welchen Quellen er seine Kostbarkeiten bezog. Sie schnupperte an dem verführerischen Duft. Erika war im Begriff, einen Mann zu verführen.
Das so genannte Kino im Dorf war zum Bersten voll. Sie nahmen auf einen der unbequemen Bänke in der Holzbaracke Platz und harrten der Dinge, die da kommen sollten.
Es gab rührende Liebesszenen, aber sie konnte sich nicht mehr auf die Handlung konzentrieren, weil sie ständig an Rolf dachte. Aber irgendwann war der Film zu Ende.
Schweigsam fuhren sie mit ihren Fahrrädern Richtung Kanalweg wieder zurück.
Unterwegs hielt er plötzlich an.
„Lass uns eine kleine Pause einlegen,“ schlug er vor. „Es ist so schön ruhig hier.“
Das stimmte, denn bis hierher verirrte sich um diese Zeit kaum jemand und die wenigen Nachbarn schliefen sicher. Er legte den Arm um Erika und zog sie an sich. Und sie fühlte sich wie im siebten Himmel und war unbeschreiblich glücklich. Doch jäh fand sie sich auf der Erde wieder, denn Rolf schien sich plötzlich zu besinnen und wollte weiter fahren. Erika war enttäuscht, denn sie wäre gern noch länger mit Rolf an diesem lauschigen Plätzchen geblieben. Zu Hause angekommen, verabschiedete er sich schnell von ihr und Erika war sichtlich entmutigt.
„Ich komme ja morgen wieder,“ tröstete er sie und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Dann radelte er eilig davon und Erika sah ihm noch lange nach.
Das kleine Haus kam ihr mit einem Mal so trostlos vor. Die Stille erdrückte sie. Erika nahm sich den Korb mit ihrem Strickzeug vor, um ihren Gedanken nachzuhängen.
Sie hörte nicht auf, an Rolf zu denken, bis ihr vor Müdigkeit die Augen zufielen.
Rolf ließ sich am nächsten Tag nicht blicken. Auch am übernächsten kam
er nicht. Nach vier Tagen ließ Ida den Kopf hängen. Sie vermisste Rolfs kleine Späße, überhaupt seine lustige Gesellschaft. Und seine schönen Geschichten. Nur für sie allein, hatte er immer betont. Hatte sie ihn vergrault? Sie grübelte über die letzten Tage nach und ihr fiel ein, dass sie sich manchmal ein wenig geziert hatte, wenn er sie streicheln wollte. Ja, sie trug die Schuld an seinem Fernbleiben, sie ganz allein. Ida machte sich die größten Vorwürfe. Aber das half ihr auch nicht weiter. Rolf kam nicht wieder. Ihrer Mutter würde sie lieber nicht verraten, warum sie Rolf vertrieben hatte. Sie regte sich so leicht auf, besonders in der letzten Zeit. Sie schien überarbeitet zu sein. Dass es für ihre Stimmungen auch andere Gründe gab, konnte ihre kleineTochter nicht wissen. Ida sehnte händeringend Rolfs Erscheinen herbei..
Aber Ida hatte in den langen Tagen des Wartens feste Grundsätze gefasst. Nie mehr würde sie sich gegen seine Zärtlichkeiten wehren! Er wollte doch ihr Vater sein. Da musste sie sich doch anpassen. Es lohnte sich, für Rolf kleine Opfer zu bringen. Das war doch nicht schlimm. Auch ihre Mutter vermisste Rolf in den ersten Tagen. Jedoch im Gegensatz zu ihrer Tochter hatte sie nicht so viel Zeit zum Nachdenken, denn ihre Arbeit nahm sie bis zu ihrem Urlaub voll in Anspruch. Und man musste Rolf wohl Zeit lassen, wusste sie denn, was der Krieg ihm angetan hatte? Bisher war er schweigsam geblieben, was seine Vergangenheit betraf. Sicher plagten ihn die Erinnerungen an schwere Kriegserlebnisse. Aber sie musste zugeben, dass ihr so gut wie nichts aus seinem Leben bekannt war. Verheiratet war er nicht, das hatte er einmal erwähnt. Und mit Nachnamen hieß er Schneider. Ein ganz normaler häufiger Name. Aber was wusste sie sonst von ihm? Eigentlich nichts, was ihr weiterhalf. Und erst recht nichts, was sein bisheriges Leben betraf. Von sich selbst gab er nie auch nur das Geringste preis. Im Nachhinein machte sie das stutzig.
Ihr Unterbewußtsein sträubte sich, hinter Rolfs glatte Fassade zu blicken. Sie gab sich der Illusion hin, er sei der Mann fürs Leben. Und warum sollte er das nicht sein? Sie hatte solange auf eine Änderung in ihrem Leben gewartet. Nun war die Zeit endlich gekommen. Und Idas Begeisterung für Rolf wollte sie nicht dämpfen. Die kindlichen Zärtlichkeiten zwischen ihrer Tochter und ihm hielt sie in ihrer Naivität für völlig normal. Kinder sind nun einmal anhänglich, wenn sie jemandem vertrauten und ihn mochten. Den Begriff Liebe verdrängte sie wohlweislich.
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