Und da war ja auch noch die Frau aus dem Park, Frankie, so nannte er sie, ihren richtigen Namen kannte er nicht, er hatte sie im letzten Sommer kennen gelernt. Na ja, kennen gelernt ist eigentlich zu viel gesagt. Ein paar Worte hatten sie gewechselt. Aber vielleicht würde sie ja auch jetzt im Park sein, das wäre eine angenehme Überraschung, abgesehen davon, dass sie mehr als eine Ablenkung wäre. Sie war schön, hatte kurze, dichte Haare, die ihr Gesicht in einem Kranz umschlossen und ihrem ebenmäßigen Gesicht etwas Fremdes, Abgründiges gaben, und ihre gerade Nase und ihr schmallippiger Mund hoben das noch hervor. Doch wirklich besonders machte sie diese besondere Ausstrahlung ihrer Bewegungen, die ihrem zierlichen Körper eine Willensstärke verliehen, dass Robert sich ihr gegenüber klein vorkam, auch wenn er sie mindestens einen Kopf überragte. Was er von ihr wollte? Keine Ahnung. Sie war einfach da, in seinem Leben. Frankie. Er klappte den Herodot zu.
Robert stieß die Haustüre auf und bugsierte sein Rad auf die Straße, bevor die schwere Türe hinter ihm wieder zuknallte. Vor dem Nebenhaus stand ein großer Umzugswagen und eine ganze Menge Leute trugen schwere Schränke, einen großen Tisch, Stühle und andere große und kleine Möbelstücke und allerlei Kisten unterschiedlichster Größe aus dem Haus in den Lastwagen. Die Leute kamen Robert sogar bekannt vor. Hatten die nicht kürzlich erst die gleichen Möbel hinaufgeschleppt? Und schon zogen sie wieder weg? Hatten sie sich in der Gegend vertan?
Robert schüttelte den Kopf und schwang sich auf sein Rad. Auf dem kleinen Kreisverkehr, der sich am anderen Ende der beschaulichen Straße befand, stieß Robert auf Herrn Schneider, er stand dort und stocherte mit dem Finger vor seinem Gesicht in der Luft herum. Herrn Schneider kannten alle auf der Straße. Herr Schneider war arbeitslos. Die einzige Beschäftigung, die ihm geblieben war, war, sich aufzuregen. Am Liebsten regte er sich über die Stadtverwaltung auf. Manchmal auch über Politiker. Hin und wieder auch über seine Sachbearbeiterin auf dem Amt. Meist aber zählte er immer wieder die Schilder hier am Kreisverkehr, seit dieser Kreisverkehr vor einigen Jahren gebaut wurde, dann regte er sich wieder über die unfähige Stadtverwaltung auf, die sein Geld, ja, sein Geld zum Fenster hinauswerfen würde, weil sie hier viel zu viele Schilder aufgestellt hätten, die Hälfte hätt’s ja auch getan, und er erzählte jedem, der ihm begegnete, wie sehr ihn die Unmenge an Schildern ärgerte, und fast jeden Morgen, wenn er nicht gerade wieder einmal auf dem Amt war um sich sein Geld abzuholen und sich dort zu streiten, traf man ihn hier, an seinem Kreisverkehr, wenn er wie jetzt mit Zählen beschäftigt war.
„Siebzehn – achtzehn – neunzehn ...“
„Achtundzwanzig, Herr Schneider, achtundzwanzig! Immer noch! Es hat sich nichts verändert seit letzter Woche.“ Robert konnte sich ein leises Lächeln in den Mundwinkeln nicht verkneifen.
„Herr Kahlenborn! Machen Sie sich etwa wieder lustig?“ Herr Schneider funkelte Robert an, empört, wie immer, wenn er den Verdacht hatte, dass jemand sein wichtigstes Anliegen, die Verminderung der Zahl der Verkehrsschilder zur Vermeidung übermäßiger Kosten der Behörden nicht ernst nahm.
„Herr Schneider, Sie wissen doch, wie ich’s meine!“, fiel ihm Robert ins Wort.
„Ja, ja“, der Nachbar ging wegwerfend darüber hinweg, „Achtundzwanzig Verkehrsschilder, Herr Kahlenborn, ja, für einen kleinen Kreisverkehr, da war mir die Kreuzung davor ja noch lieber, achtund ...“
„Ihre Briefe sind wohl noch nicht beim zuständigen Beamten angekommen?“, erkundigte sich Robert, der aus Mitleid mit dem bei jedem Wetter auf der Straße stehenden Herrn Schneider die Idee mit den Briefen an das Amt nebenbei erwähnt hatte. Herr Schneider hatte diese Idee bereitwillig aufgegriffen und mittlerweile einige bitterböse Briefe geschrieben. Die ersten waren sogar noch beantwortet worden.
„Verarschen kann ich mich selber! Ämter! Ha!“
„Tja, vielleicht lässt sich ja dann wirklich nichts daran ändern?“ fragte Robert vorsichtig nach und erntete dafür einen bitterbösen Blick.
„Aber ...“ und nun legte sich Robert ein wenig zurück, kniff die Augen ein klein wenig zusammen und setzte seinen wichtigsten Blick auf, der ihm möglich war und flüsterte fast nur noch, „aber an Ihrer Stelle“, und er ließ eine bedeutungsvolle Pause folgen, „an Ihrer Stelle würde ich die Situation im Blick behalten, nicht wahr, beobachten, abwarten, das ist das wichtigste, anschleichen, um dann im richtigen Moment mit der Säge griffbereit im Mund ...“
„Herr Kahlenborn!“ Herrn Schneiders Empörung war keineswegs gespielt. Wollte Robert ihn hopps nehmen? Immerhin kannte jeder hier auf der Straße seine Indianerbegeisterung.
„Herr Schneider, Sie wissen doch, wie ich’s meine, oder?“ fiel ihm Robert mit seinem gewinnendsten Lächeln ins Wort, verabschiedete sich und ließ einen ganz verwirrten Herrn Schneider zurück. Herr Schneider hatte seine eigenartigen Seiten, zugegeben. Seine manchmal ausufernde Beschimpfung der ortsüblichen Behörden zum Beispiel, seine Begeisterung für Indianer, oder auch die zweifelhafte Liebe zu seinem VW Bulli, der schon hundert Jahre alt aussah. Trotzdem mochte Robert Herrn Schneider. Er war genauso eigenwillig wie alle hier auf dieser kleinen Straße, die Studenten nebenan, die netten Familien, die grau gewordenen Reformpädagogen, der Fahrradfreak vom Ende der Straße und nicht zu vergessen Paolo, der Italiener, der verrückt genug war, auf dieser Straße sein Restaurant zu eröffnen. Vielleicht hielt man sie in der Stadt alle ein bisschen für verrückt, und vielleicht hatten sie ja sogar Recht, dass sie hier wohnen blieben, und das seit Jahren, wo dieses Viertel doch angeblich kaum mehr zu retten war, hier, hinterm Bahnhof. Manche von denen, die merkten, wo sie hingezogen waren, zogen ja auch ganz schnell wieder weg. Aber die, die blieben, lebten hier alle wie in einer kleinen, sturmumbrausten Oase. Nur wenig Schritte weiter waren die Strandgüter der weltweiten Sturmflut zu besichtigen. Wirklich angenehm war es dort wirklich nicht. Eher rau. Keine Schnörkel mehr im Umgang miteinander. Zum Glück musste Robert nicht oft dorthin. Und wenn, dann kam er schnell wieder hierher zurück.
Nach kurzer Zeit war er im Park angekommen, fuhr am Brunnen vorbei, der schon in Betrieb war, und das Wasser plätscherte munter in die verschieden großen, treppenartig angeordneten Becken. Robert war froh, dass die Racker nicht da waren, um ihn nass zu spritzen, die Racker, Erik, Matti, Thorsten und Conni, sie wohnten alle im Nebenhaus, gingen alle auf die gleiche Schule, hier um die Ecke, und lungerten immer zusammen herum. Und an heißen Sommertagen waren sie immer hier, und wenn er hier vorbeikam und der Brunnen lief, spielten sie hier in ihren Badehosen am Wasser und ärgerten Passanten. Und ihn am liebsten. Warum ausgerechnet ihn? Keine Ahnung. Vielleicht, weil er sie nicht böse genug anfuhr? Aber zum Ärgern war es wohl noch zu kalt. Robert fuhr weiter, an der großen Wiese vorbei, auf der er letztes Jahr so oft gelegen hatte, um festzustellen, dass hier fast alle Bänke besetzt waren. Nein, nicht fast alle. Alle. Bis zum Teich hinunter. Er fuhr weiter zu der kleinen Wiese, hier war es ein wenig intimer, keine weiten Räume, die man überblicken konnte, keine großartigen Ausblicke, eine kleine Wiese eben, wie es mehrere in diesem Park gab, aber hier gab es ein kleines Blumenbeet, das Robert immer an zu Hause erinnerte, und ausgerechnet auf dieser Wiese gab es noch eine freie Bank. Robert steuerte sie sogleich an, stellte sein Fahrrad ab und setzte sich hin, sein Buch legte er auf die Bank. Er legte den Kopf in den Nacken, ließ die Sonne auf sein Gesicht scheinen, ließ ihre Wärme auf seinem Gesicht spielen und genoss die Ruhe.
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