„Du musst unbedingt mitkommen“, meinte sie. Robert schaute sie nur fragend an.
„Komm, los, lass uns mit dem Fahrrad fahren! Hier ganz in der Nähe gibt es eine wunderschöne Stelle, hab ich gestern entdeckt“, meinte sie und zog ihn vom Schreibtisch weg. „Mach schon!“
Simone war verrückt. Hatte er ihr das nicht immer wieder gesagt? Aber so war sie eben! Liebte er sie nicht gerade deswegen? Und was konnte schöner sein als eine verrückte Idee? Also fuhren sie mit ihren Rädern zu der wunderschönen Stelle ganz in der Nähe.
Na ja, ganz in der Nähe war es nicht, Robert hatte so etwas schon geahnt. Erst durch den Park, dann in einem großen Bogen an der Uni vorbei, hinter der Uni durch die Anwohnerstraßen, über die Autobahn, und anschließend wieder Anwohnersträßchen bis zum Rhein. Robert wollte schon beinahe protestieren. Aber dann waren sie da. Und Robert war zuerst ganz verwirrt, so sehr berührte ihn die Stimmung dieses Mittags in den Rheinauen. Er hätte nicht einmal sagen können, was ihn so berührte, er konnte nur vage umschreiben, dass diese Landschaft mit ihren hoch aufragenden und weit ausladenden alten Bäumen, ihr Licht, das silbrig in den im Wind flatternden Blättern flirrte, der blassblaue, weite Himmel für ihn etwas Leichtes besaßen. Einen ganz eigenen Charakter, etwas Unerreichbares. Hatte sie wissen können, dass dieser Flecken Land ihn so verzaubern würde?
Simone ließ sich ins Gras fallen, verschränkte die Arme unter ihrem Kopf und schloss die Augen. Und Robert hatte neben ihr geträumt, sich immer mehr verloren, verloren im strahlenden Frühlingshimmelblau. Hin und wieder, wenn man genau hin schaute, konnte man den blitzenden Rumpf eines Flugzeuges sehen, man konnte es nicht hören, dazu flog es zu hoch oben über dem Blau des Himmels, winzig klein, kaum zu erkennen, nur einen kurzen, dünnen weißen Streifen ließ es hinter sich. Aber der verschwand schnell.
Simone hatte die Augen geschlossen, schaute gar nicht mehr in den Himmel, sie schien zu schlafen, aber sie war hellwach. Ihre langen, fast weißlich schimmernden Haare hatte sie in ihrem Nacken zusammengerafft, nur hin und wieder ließ der Wind das ein oder andere Haar tanzen, das sie nicht erwischt hatte. Die Bluse spannte sich über ihrer Brust. Wenn sie tief Luft holte, zeichneten sich ihre Brustwarzen deutlich als kleine, erhabene Punkte unter dem dünnen hellblauen Stoff ab. Robert seufzte. Er hatte diesen Reizen noch nie widerstehen können. In Momenten wie diesen wusste er wieder genau, warum er sich in sie verliebt hatte, warum er ihre kleinen Fehler immer wieder übersah. Er strich ihr über die Wange, sie lächelte, er setzte sich halb auf und küsste sie auf die Stirn.
Boooooooooouuuuuuoobooouuuaaaoooaaauuu ...
Robert hielt sich die Ohren zu, aber es nützte nichts. Es war kaum zu ertragen. Daniel war nicht zu bremsen. Daniel war sein anderer Nachbar, der zur Rechten. Wohnte schon hier, als Robert vor einer halben Ewigkeit hier eingezogen war. Irgendwann war er wohl mal in Australien gewesen. Und seitdem er von dort wiedergekommen war, passierte es alle paar Tage, dass er sein Didgeridoo ausprobierte. Wie hatte er das nur von Australien hierher bekommen? Als Handgepäck?
Simone und er standen sich gegenüber, die Hände an den Ohren und mussten beide lachen.
Als sie von ihrer kleinen Fahrradtour zurückgekommen waren, hatte Robert schon aufgeatmet, dass Ingo sein Telefonat endlich beendet hatte und gar nichts mehr aus seiner Wohnung mehr zu hören war. Bis plötzlich Daniel aus der anderen Wohnung ...
Baaaaaoooooooouuuuuubbbboooooooouuuuuu ...
Simone fiel ihm lachend um den Hals. Küsste ihn innig. Robert allerdings störte der Lärm, normalerweise kribbelten ihre Küsse immer, auch nach so vielen Jahren noch, aber heute nicht, und Simone bemerkte es sofort.
„Was ist los?“
„Nichts, nichts, ich – ach, nichts!“ Sollte er sich diesen Nachmittag durch Lärm kaputt machen lassen?
Boooooaaaaoouuuuuuuuooooouuuoooo ...
Simone nahm ihn enger in ihre Arme und erstickte alles weitere in einem leidenschaftlichen Kuss.
„So, und nun?“, fragte er, als sie seinen Mund wieder frei gegeben hatte. Er musste kurz an Barbara denken. Aber wirklich nur kurz.
„Das fragst du noch?“, lächelte sie, stieß ihn in das Zimmer, trat die Tür rücklings zu und zog ihn wieder an sich packte ihn mit beiden Händen am Kragen und küsste ihn erneut wild und leidenschaftlich.
Nebenan fiel ein großer, hölzerner Gegenstand auf den Boden.
„Macht dein Nachbar eine Pause? Das ist aber rücksichtsvoll!“
Es hörte sich so an, als ob Daniel tatsächlich aufräumen würde.
Sie riss sein Hemd aus der Hose, Robert ließ es sich gefallen, er mochte es, wenn sie stürmisch wurde, Gänsehaut machte sich breit auf seinem Oberkörper, eigentlich hatte er dieses Mal darauf bestehen wollen, zu tun, was er sich vorgenommen hatte, aber konnte er sich etwas entgehen lassen, von dem er wusste, dass es auch dieses Mal wieder einzigartig sein würde? Da war sie, ihre barbarische Ader, ihre unbändige Lust. Hatte Robert jemals vergessen, warum er mit Simone zusammen war?
Sie knöpfte seine Hose auf, Robert spürte, wie es ihn erregte, wenn Simone ihn auszog, ihn ungestüm küsste, wenn sie gar nicht mehr aufhörte ihn zu küssen. Robert strich über ihre Brüste, merkte, wie sich ihre Brustwarzen gegen den dünnen Stoff ihrer Bluse abhoben, sie hat nichts darunter an, dachte er, das erregte ihn noch mehr, er begann, langsam einen Knopf nach dem anderen zu öffnen, je wilder sie wurde, um so langsamer zog er sie aus, ein wilder Strudel erfasste sie beide, sie zog ihn mit sich aufs Bett, immer fordernder wurden ihre Küsse, ihr Streicheln wurde zu einem Kratzen ...
Buuuuooooooooaaaaaaaaooouuuuooooooaaaaaaauuuuooooh!
Simone war weg. Heute morgen in aller Frühe hatte sie sich auf den Weg gemacht. Keine Ahnung, wohin.
Manchmal verschwand sie einfach, ohne zu sagen wohin. Nächsten Freitag würde er sie wiedersehen.
Spätestens!
Warum fiel ihm in der letzten Zeit immer wieder Barbara ein, wenn er mit Simone zusammen war? Gut, eigentlich war er mit Barbara zusammen. Eigentlich. Sie war seine feste Beziehung, wie man so sagt. Aber nicht nur, sie war ja eigentlich die Frau, mit der er zusammenleben wollte, wenn er ehrlich war. Wenn sie nicht gerade in München wäre. Na ja, gerade stimmt so nicht ganz, eher seit – ungefähr einem Jahr. Ja, stimmt, ungefähr ein Jahr ist es her, dass sie für ein Semester nach München gehen wollte. Daraus sind jetzt zwei geworden. Na gut, kann man jetzt sagen, wenn man sich ein Jahr immer nur an den Wochenenden sieht, das kann schon schwierig werden für eine Beziehung. Aber Robert war immer optimistisch. Sie und ihre Beziehung würden daran wachsen, hatte er gesagt. Und wenn sie wieder zurückkommen würde, würde alles so weitergehen wie gehabt. Aber in den letzten Wochen hatte sich etwas verändert. Er konnte nur nicht sagen, was.
Robert beschloss, erst einmal wieder einen klaren Kopf zu bekommen und in den Volksgarten zu fahren. Eigentlich müsste er heute noch in die Uni, um etwas für den nächsten Volkshochschulkurs nachzuschlagen. Aber das hatte Zeit, dachte er sich. Jetzt wollte er erst einmal in den Park, und dort zu seiner Lieblingsstelle, von wo aus man einen kleinen Teil des Rheinturms erhaschen konnte, so lange das Laub der Bäume noch nicht allzu dicht gewachsen war. Wenigstens ein bisschen des schönen Tages erleben. Hoffentlich hab ich noch die Ruhe dazu, ging es ihm durch den Kopf. Aber nur kurz. Er ging zu seinem Bücherregal, in dem im Gegensatz zu seiner immer etwas vernachlässigt wirkenden Wohnung immer alles sauber und geordnet stand, baute sich davor auf, schloss die Augen und griff auf gut Glück ein Buch heraus, nur nichts historisches, dachte er und hielt schließlich Herodots „Geschichte und Geschichten“ in der Hand, auf den Zufall ist auch kein Verlass mehr. Aber er musste doch schmunzeln, er schlug das Büchlein auf, dieses kleine gebundene Büchlein hatte es ihm angetan, immer und immer wieder hat er es zur Hand genommen und darin gelesen, und so konnte er sich jetzt schnell mit dem Gedanken anfreunden, es mit in den Park zu nehmen, das wird mich nicht an meine Arbeit ermahnen, nein, eher ablenken, vielleicht sogar ein bisschen anspornen, dachte er sich noch und machte sich auf den Weg zum nahe gelegenen Park, in dem sich an diesem Tag eine Menge Leute tummeln würden, es war immerhin einer der ersten schönen Tage in diesem Jahr, und doch hätte er seine Ruhe. Allein auf einer Bank würde er den Gedanken nachgeben, die heute wie wässrige Farbkleckse auseinander liefen.
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