Ludwig verstand die Österreicher sowieso nicht. Was wollten sie denn mit diesem Tal, das sie höchstens aus der Luft oder eben über Bayern erreichen konnten. Ein Anachronismus. Doch, eigentlich verstand er die Österreicher schon, schließlich war das Kleinwalsertal eine touristische Gelddruckmaschine, die Steuern sprudelten fleißig, und zwar sprudelten sie in Richtung Wien, nicht in Richtung München. Noch dazu kamen auch die meisten Besucher aus Bayern oder Deutschland. Das war nicht richtig.
Ludwig wusste aus Erkenntnissen seines Geheimdienstes, dass die große Mehrheit der Talbewohner einen Verbleib bei Österreich vorzog. Diese Haltung war Ludwig ganz und gar unbegreiflich. Wie konnte jemand NICHT zu Bayern gehören wollen? Anscheinend mussten die Walser zu ihrem Glück gezwungen werden.
Aber dafür waren Regenten ja da.
Zum Zeichen seines guten Willens ließ Ludwig zunächst ein Schreiben an die Regierung in Wien aufsetzen, in der er kurz und leicht verständlich die Bedingungen für eine friedliche Übergabe des Kleinwalsertals an Bayern formulierte. Auf eine Begründung für sein Ansinnen verzichtete Ludwig ganz ungeniert, denn die Zugehörigkeit des Kleinwalsertals zu Bayern war ja offensichtlich, musste also nicht weiter rechtfertigt werden.
Der österreichische Bundeskanzler Qualtinger war außer sich: Was sich denn dieser blaublütige Depp da auf seiner Zuckerbäckerburg eigentlich einbilde?! Dass er, Qualtinger, sage: Bitte gern?! Dass er ihm schnell mal ein Stück Land über die Grenze schiebe, wie eine Schale Erdnüsse über den Tresen?! Immerhin hatte Österreich das Kleinwalsertal dereinst regulär erworben. Aus seiner Schulzeit wusste Qualtinger noch, dass ein Bayernherzog seinerzeit beim Watten mit Baron Alfons von Dornbirn alles auf eine Karte gesetzt und neben ein paar tausend Gulden auch das Tal an jenen verspielt hatte.
Nachdem er seine Wut auf ein verträgliches Maß hatte abklingen lassen, ließ Qualtinger über seinen Botschafter in München in dürren, aber wohlgesetzten Worten bestellen, dass die österreichische Regierung auf solche Unverschämtheiten nicht zu reagieren beabsichtige und sich weitere derartige Zeugnisse bayrischer Arroganz verbitte.
Diese Replik führte zur umgehenden Ausweisung des österreichischen Botschafters, dies wiederum zur Ausweisung des königlich bayrischen Botschafters aus Wien.
König Ludwig unternahm noch ein paar halbherzige Versuche, die Österreicher umzustimmen, doch weder die Aussicht auf eine verbilligte Maß auf dem Oktoberfest für österreichische Staatsbürger über siebzig noch das Angebot eines Gratis-Zwetschgamännlas auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt für alle in Mittelfranken geborenen Österreicher konnte die Regierung in Wien überzeugen.
Um des lieben Friedens Willen bot Österreich sogar selbst ein paar kleinere Kompensationen an, die Ludwig den Verzicht auf das Kleinwalsertal schmackhaft machen sollten, doch der lehnte kategorisch ab.
„Ich möcht‘ das Kleinwalsertal“, sagte Ludwig gebetsmühlenartig.
Und genauso gebetsmühlenartig sagte die österreichische Regierung: „Naa.“
Aufgrund der mangelnden Einsicht auf österreichischer Seite sah sich König Ludwig gezwungen, die Mobilmachung anzuordnen. Er rief seinen Bruder Gustl und den Oberbefehlshaber der bayrischen Truppen, General Stangl, zu sich.
„Herr General, mein lieber Gustl“, hub Ludwig an, „unsere österreichischen Nachbarn haben uns jetzt ja alles Mögliche an Kompensation angeboten, ihre Hälfte der Zugspitze, mautfreie Benutzung der Brenner-Autobahn, sie würden sogar ab und zu einen unserer Ski-Abfahrtsläufer aufs Stockerl lassen. Aber das interessiert mich alles nicht. Ich will das Kleinwalsertal. Die Österreicher wollen’s mir nicht geben, also muss ich es mir holen.“
„Willst du das wirklich durchziehen, Ludwig?“ fragte Gustl.
„Ja natürlich! Wovon rede ich denn die ganze Zeit? Das Kleinwalsertal gehört zu uns, geographisch, geschichtlich, emotional. Und Gottes Wille ist es sowieso. Schließlich habe ich mein Amt auch von Gottes Gnaden, also sollte ich am ehesten wissen, was sein Wille ist. Willst du jetzt kneifen oder was?“
„Nein nein. Ich wollte bloß sicher gehen, dass du weißt was du tust.“
„Das weiß ich. – Wie viel Zeit wird die Mobilmachung in Anspruch nehmen, Herr General?“
„Mindestens vierzehn Tage, eher mehr.“
„Gut. Dann veranlassen Sie das.“
„Jawohl, Euer Majestät.“
„Und du, Gustl, setzt mir mal eine schön formulierte Kriegserklärung auf. Ich weiß zwar, dass man heutzutage einen Krieg nicht mehr erklärt, sondern ihn einfach anfängt, aber ich finde, so eine Kriegserklärung ist eine schöne Tradition, und an der möchte ich gerne festhalten. Aus dem Internet kannst du dir sicher ein paar Vorlagen runterladen. Ich will auch nichts Aggressives, schließlich sind die Österreicher unsere Nachbarn. Immer schön höflich bleiben, Wiener Schmäh, du weißt schon.“
Gustl tat wie ihm geheißen und legte seinem Bruder zwei Tage später den Entwurf seiner Kriegserklärung vor:
Wir Ludwig, von Gottes Gnaden bayrischer König, verordnen auf Grund des Artikels 1 der königlich bayrischen Verfassung im Namen des Reichs was folgt:
Da die österreichische Regierung die ihr vom Königreich Bayern gestellte Forderung angelegentlich des Kleinwalsertals nicht in befriedigender Weise erfüllt hat, sieht sich das Königreich Bayern in die Notwendigkeit versetzt, selbst für die Wahrung seiner Rechte und Interessen Sorge zu tragen und zu diesem Ende an die Gewalt der Waffen zu appellieren. Bayern betrachtet sich daher von diesem Augenblicke an als im Kriegszustande mit Österreich befindlich.
„Passt“, sagte Ludwig. „Ein bisschen geschwollen, aber der Qualtinger wird’s schon verstehen.“
„Die spinna, die Bayern!“ fluchte Bundeskanzler Qualtinger fassungslos. In seinen schweißnassen Händen hielt er die bayrische Kriegserklärung, die ihm soeben per Einschreiben mit Rückschein zugestellt worden war. Ludwigs Bruder Gustl hatte zwar gemeint, ein Sonderkurier wäre der Bedeutung dieser Sache eher angemessen, aber Ludwig fand, damit würden sich die Österreicher bloß unnötig wichtig vorkommen.
„Und dann auch noch mit der Post! - Oder Moser? Die spinna doch.“
Generalleutnant Moser nickte mit hochrotem Kopf, wobei ihm der Schweiß in kleinen Bächen über Gesicht und Körper rann. Das lag nur zu einem kleinen Teil am ohnmächtigen Zorn, der ihn angesichts dieser Nachricht erfasst hatte. Vor allem schwitzte Moser, weil er zusammen mit Bundeskanzler Qualtinger bei 90ºC in der Sauna saß.
Qualtinger hielt Besprechungen mit seinen Ministern und Mitarbeitern gerne in der Sauna ab, er liebte das. Moser hasste es. Und nicht nur er. Er kannte keinen Kollegen und schon gar keine Kollegin, die Qualtingers Spleen etwas hätte abgewinnen können. Niemand hatte Lust, den Regierungschef im Adamskostüm zu sehen. Mit seinem stattlichen Bauch und den ausgeprägten Brüsten gab er wahrlich kein schönes, geschweige denn respektheischendes Bild ab.
Qualtinger fand, dass die Sauna eine ungezwungene Gleichheit zwischen den Partnern herstellte, die so leichter zu einer gemeinsamen Gesprächsebene finden konnten. Das entbehrte nicht einer gewissen Logik. Er hatte sogar schon einmal überlegt, auch Treffen mit ausländischen Abordnungen in der Sauna abzuhalten. Das konnte ihm sein Umfeld allerdings mühelos ausreden, indem es das Bild eines nackten afrikanischen Potentaten auf dem Lattenrost heraufbeschwor und dazu Statistiken zur Größe des durchschnittlichen schwarzafrikanischen Gemächts ins Feld führte. Diesem unfairen Vergleich wollte sich Bundeskanzler Qualtinger dann lieber nicht aussetzen und beließ es dankbar bei innerösterreichischen Saunagängen.
„ Bayern betrachtet sich daher von diesem Augenblicke an als im Kriegszustande mit Österreich befindlich.
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