Ludwig war zufrieden. Übung macht den Meister, das hatte schon sein Vater bei jeder Gelegenheit zu ihm gesagt, wenn auch nicht im Zusammenhang mit der Vertreibung hilfloser Rentner. Aber egal. Muskeln brauchten Training.
Der für den Proviant zuständige Gardist zauberte eine ordentliche Brotzeit aus seinem Rucksack hervor, mit Brot und Speck und Käse, und trug sie in der annektierten Senke auf einer mitgebrachten Picknickdecke auf. Ludwig und seine drei Begleiter langten herzhaft zu und stießen mit goldenem bayrischen Bier auf die goldene bayrische Zukunft des Kleinwalsertals an.
Eine halbe Stunde später war es an der Zeit, wieder den Rückweg ins Tal anzutreten. Ludwig nahm seine Krone ab und reichte sie zusammen mit dem Zepter dem Gardisten zwecks Aufbewahrung und Transport. Das Gedränge vor und in der Gondel war bei weitem nicht so schlimm wie am Vormittag, als sie heraufgefahren waren. Mit leisem Surren rollte die Gondel auf ihrem Tragseil von Pfeiler zu Pfeiler. Gottseidank, dachte Ludwig, würde dieses Tal bald ihm gehören, dann musste er sich nicht mehr unters Volk mischen, schon gar kein fremdes Volk, sondern hätte seine eigene angemessen möblierte Gondel, oder flöge gleich mit dem Helikopter auf den Gipfel. Ludwig hatte das Wort Gipfel kaum zu Ende gedacht, als die Fahrt abrupt stoppte. In der nächsten Sekunde telefonierte der Gondelführer mit der Leitstelle, brummte ein paar missmutige Worte in den Apparat, legte dann auf und sagte zu den Passagieren:
„Glei geht’s weiter. Oben am Berg hat wohl der Blitz eigeschlaga. Isch aber koi große Sach.“
Von wegen koi große Sach, dachte Ludwig. Bis noch vor ein paar Minuten war er da oben gestanden mit einer Aluminiumkrone auf dem Kopf. Als royaler Blitzableiter. Aber schließlich konnte man als König von übergeordneter Stelle schon eine gewisse Vorzugsbehandlung erwarten. Trotzdem merkte sich Ludwig vor, für künftige Ausflüge in derart exponierte Lagen eine Kunststoffkrone anfertigen zu lassen, und natürlich ein Kunststoffzepter.
Zwei Minuten später ging es tatsächlich weiter. Unten angekommen, stieg die königliche Reisegruppe in einen bereitstehenden dunkelblauen VW Touran mit dem amtlichen Kennzeichen OA-KL 4. Das Kennzeichen war der Minimalkompromiss, auf den sich Ludwig eingelassen hatte. Schweren Herzens, aber durchaus einsichtig, hatte er auf Standarten und Wimpel am Fahrzeug verzichtet, ebenso wie auf das üblicherweise per Außenlautsprecher übertragene Pferdegetrappel, das dem Volk das Nahen ihres Königs signalisieren sollte.
Gleich hinter der Grenze, auf bayrischem Staatsgebiet, wartete ein Helikopter und brachte die Reisegruppe zurück ins Schloss Neuschwanstein.
Es war Zeit zu handeln.
Schon in seiner vorköniglichen Zeit als Abgeordneter der Bayernpartei hatte sich Ludwig IV., damals noch Ludwig Karl Otto von Bayern, für eine Einverleibung des Kleinwalsertals ausgesprochen. Er ließ kaum eine Parlamentssitzung vergehen, in der er nicht in wenigstens einem Zwischenruf diese Forderung wiederholte. Die meisten verdrehten nur noch die Augen, wenn er wieder mal versuchte, den Redner mit seinem Spruch „Das Kleinwalsertal muss bayrisch werden“ zu unterbrechen. Von allen Parteien außer seiner eigenen wurde er dafür verlacht und mit dem Titel ‚Der Cato vom Chiemgau‘ dekoriert, auf den Ludwig sogar ein wenig stolz war. Irgendwann wurde es dem Landtagspräsidenten aber zu bunt und er schloss den Abgeordneten Ludwig Karl Otto von Bayern wegen Missachtung des Parlaments von den nächsten 20 Sitzungen aus. Das half.
Nur wenige hatten zu jener Zeit ernsthaft damit gerechnet, dass Bayern jemals wieder ein Königreich werden könnte. Aber die Bayernpartei, vehemente Fürsprecherin einer Monarchie, war von Landtagswahl zu Landtagswahl stärker geworden und konnte schließlich ein entsprechendes Bürgerbegehren durchsetzen, welches sie haushoch gewann. Und Ludwig Karl Otto von Bayern wurde König Ludwig IV. von Bayern. Als eine seiner ersten Amtshandlungen nach seiner Inthronisation ließ Ludwig prompt die ehemals lautesten Spötter einschließlich des missliebigen Landtagspräsidenten verhaften und für ein halbes Jahr wegsperren. Die Zeit im Karzer bot ihnen ausreichend Gelegenheit, sich für ihr unwürdiges Verhalten gegenüber ihrem späteren König eimerweise Asche aufs Haupt zu streuen.
In seiner ersten Rede ans bayrische Volk nach seinem Ausflug auf den Großen Widderstein schwadronierte König Ludwig IV. davon, eines seiner wichtigsten Anliegen wäre die Herstellung der territorialen Vollständigkeit Bayerns. Die Bürger hatten zwar nicht das Gefühl, als würde etwas fehlen, aber ihr Regent würde schon wissen, wovon er sprach, schließlich war er nicht umsonst König, da konnte man ein ordentliches Quantum Weisheit ohne weiteres voraussetzen.
In seiner zweiten Rede ans bayrische Volk sprach Ludwig dann von herrlichen Tälern, über denen bald die weißblaue Fahne wehen möge. Das war schon konkreter, aber immer noch nicht so, dass man ihn in allen Ecken des Königreichs verstanden hätte. Vielleicht, so fragte sich manch wohlmeinender Untertan, meinte Ludwig das ja metaphysisch, auf einer Ebene, die einem normal begabten Bayern nicht zugänglich war. Immerhin hatte sich Ludwig IV. bei seiner Krönung ausdrücklich zu den Lebensprinzipien Ludwigs II. bekannt, also konnte man eine gewisse Seelenverwandtschaft getrost unterstellen.
Doch in seiner dritten Rede ans bayrische Volk blieb für Metaphysik kein Platz mehr. Ludwig IV. sagte wörtlich:
„Das Kleinwalsertal muss bayrisch werden.“
Erleichtertes Aufatmen im Land der Bayern. DAS meinte Ludwig also. Das verstand nun wirklich jeder.
Entsetztes Einatmen in Österreich. Das verstand nun wirklich niemand.
In Wien beschloss man, erst einmal Ruhe zu bewahren und die seltsamen Anwandlungen des bayrischen Königs nicht weiter zu kommentieren. Man wusste ja von seinen Ausfällen als Abgeordneter, die damals auch niemand ernst genommen hatte. Wahrscheinlich würde in Kürze sowieso kein Mensch mehr davon reden.
Natürlich kam es anders.
Es dauerte nicht lange, bis die Rhetorik des Königs erste Früchte trug, indem nämlich in nächtlichen Aktionen die Grenzsteine zwischen Bayern und dem Kleinwalsertal ausgegraben und fein säuberlich und mit weißen und blauen Rauten bemalt vor dem Rathaus zu Mittelberg aufgestapelt wurden. Von wem, war nicht festzustellen, beziehungsweise wollte auch niemand feststellen. Auf Neuschwanstein freute man sich unverhohlen über diese Aktion. Schön, wenn das Volk sich so engagiert und ideenreich mit der eigenen Sache identifizierte. Aber daran hatte Ludwig von vorne herein nicht gezweifelt.
Die Nadelstiche häuften sich. Graffitis fanden sich bald überall im Kleinwalsertal, an Buswartehäuschen, an Liftstationen, selbst an Kirchen. Das Kleinwalsertal ist bayrisch stand da zum Beispiel zu lesen oder Österreich raus! Mit der Rechtschreibung nahmen es die Sprayer dabei nicht so genau, ob aus Unwissen oder absichtlich. Kleinwallsertal, Kleinwalserthal, Klein-Walser-Tal, alles was die Dose hergab, wurde gesprüht.
Die Bevölkerung des Tales war macht- und hilflos. Man organisierte zwar private Wachtrupps, aber außer dass mal ein besoffener Jugendlicher aus Oberstdorf dabei erwischt wurde, wie er eine drei Meter lange Schablone auf dem Fahrrad zu seinem Tatort transportieren wollte, oder jemand sich bei einem Anschlag in mondloser Nacht versehentlich selbst in die Augen sprayte und anschließend greinend und blind einem Wachtrupp in die Arme stolperte, waren die Einsätze in der Regel nicht sehr erfolgreich.
Parallel zu diesen unkoordinierten Aktionen arbeitete Ludwigs Generalstab an Plänen, auf welchem Wege man am ehesten des Kleinwalsertals habhaft werden könnte. Leider liefen sämtliche Vorschläge auf eine unfriedliche Lösung hinaus. Ludwig quittierte das mit einem Achselzucken. Wenn es halt nicht anders ging, dann sollte es so sein. Gott mit dir, du Land der Bayern. Immerhin stand es schon so im Bayernlied, welches Ludwig nach dem Ausscheiden Bayerns aus der Bundesrepublik Deutschland als Nationalhymne für sein Königreich übernommen hatte, und an dieser Aussage gab es beim besten Willen nichts zu rütteln. Und darüber hinaus: War weiß-blau nicht die Farbe des Himmels? Zeichen über Zeichen.
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