Gewöhnlich war er es, der als Geschäftsführer die neuen Abschlüsse vor versammelter Mannschaft verkündete. Da er aber beharrlich schwieg, ergriff Clara das Wort. Die Bestellung von dreihundert Kilogramm Sprossen, die fristgemäß rausgegangen war, hatte den Hof für eine Zeit vor dem wirtschaftlichen Ruin gerettet. Das musste wenigstens gesagt werden. Schließlich ging das Leben weiter und die Existenz von einer Familie und fünf einzelnen Mitgliedern der Gemeinschaft hing davon ab.
„Marie hätte sich sehr gefreut, diesen Tag mitzuerleben“, sagte Clara unter Tränen. „Sie hat bis zu ihrem letzten Tag mit uns an dem Auftrag, der unseren Hof gerettet hat, gearbeitet“.
Alle murmelten und nickten zustimmend, aber keiner fand ein offenes Wort, um Clara zu unterstützen. Zu sehr spürten alle die Krise, die Maries Tod in der Beziehung zwischen Jan und Clara aufgerissen hatte. Als Clara sich im Meer des Schweigens, das auf ihre Worte folgte, nach Jan umdrehte, war er gegangen. Nach einer Weile meinten die anderen, es sei doch recht spät geworden und alle müssten morgen wieder früh raus. Die Hofversammlung löste sich auf. Clara blieb allein an dem großen runden Tisch, der von vielen leeren Stühlen umgeben, wie ein Symbol ihrer Einsamkeit wirkte. Clara wusste nicht, was sie falsch gemacht haben konnte.
M. L. und der 16. März 1989, das waren Maries Initialen und ihr Geburtsdatum, hatte es in Haralds Kopf gedröhnt, als er wie im Fieber aus Sybilles Labor gerannt war. Zu viele Übereinstimmungen, um zufällig zu sein! Er musste jetzt unbedingt wissen, was mit ihr war. Wie oft hatte er versucht, sie in den vergangenen Tagen zu erreichen, aber es gab kein Lebenszeichen und ihr Handy blieb ausgeschaltet. Dieser Jan von ihrem Ökohof hatte gesagt, Marie sei krank. Das Erste, was Harald getan hatte, war, im städtischen Krankenhaus anzurufen. Schließlich kam der EHEC von der Patientin mit Maries Initialen von dort. Aber so sehr er sich bemühte und auf die Schwestern einredete, er bekam keine Auskunft und als offizieller Vertreter von Jörgs Labor anzufragen, hatte er sich nicht getraut.
Jetzt blieb ihm nur noch übrig, wieder den Biohof anzurufen. Er hatte es gestern Abend versucht, aber niemand hatte abgehoben. Er hoffte inständig, er würde auf jemanden anderes treffen, als auf diesen Jan, der ihn das letzte Mal so abgefertigt hatte. Wenn es wirklich Marie war, die im Krankenhaus an EHEC verstorben war, dann musste es eine Verbindung zwischen ihr und Jörg geben. Jörgs Stuhlprobe war EHEC-positiv gewesen. Sybille hatte gesagt, dass die EHEC von Jörg und der Patientin ähnlich waren. Er dachte an das zufällige Zusammentreffen zwischen den beiden, als Marie im Institut auf ihn gewartet hatte.
„Ne süße Freundin hast du dir da aufgegabelt, Harald!“, klangen ihm Jörgs Worte noch in den Ohren. Aufgegabelt! Wahrscheinlich hatte er sich mit Marie hinter seinem Rücken getroffen, um sie sich selbst einmal aufzugabeln. Eigentlich hatten die Unstimmigkeiten mit Marie seit der Zeit begonnen, als sie ihn im Institut abgeholt hatte. Jörg hatte Marie bestimmt in sein Bett gekriegt. Sie war von Jörg beeindruckt gewesen, das hatte er gleich gespürt. Jörg hatte gewusst, dass er EHEC-infiziert war. Wenn er Marie angesteckt hatte, war das nicht nur rücksichtslos, sondern kriminell. Harald fühlte, wie Eifersucht und Ohnmacht gleichzeitig von ihm Besitz ergriffen. Jetzt gab es kein Wenn und Aber mehr, nicht auf dem Hof anzurufen. Nachdem er es eine ganze Weile klingeln lassen und gerade auflegen wollte, meldete sich eine abgehetzt klingende Frauenstimme.
„Clara Schmidt, Hofgemeinschaft Keim und Sprosse “.
Harald war erleichtert, dass er diesmal an jemanden anderes geraten war. Nachdem er Clara von sich und Marie erzählt hatte, wurde ihre Stimme mitfühlend. Sie sagte, es täte ihr so leid, denn es war tatsächlich seine Marie gewesen, die im Krankenhaus verstorben war.
Hinter der anonymen Patientenakte, die er bei Sybille gesehen hatte, verbarg sich seine Freundin. Harald war wie versteinert. Es stimmte also. Jörg musste sich mit Marie getroffen und sie angesteckt haben. So groß konnte der Zufall gar nicht sein, dass beide unabhängig voneinander sich die gleiche EHEC-Infektion geholt hatten und …
„Komm uns doch mal besuchen“, hörte er Clara wie von weit entfernt sagen, „auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen.“
Harald wollte spontan ablehnen, aber ihm fiel ein, dass er in Maries Zimmer vielleicht etwas finden würde. Einen Beweis dafür, dass Jörg mit ihr zusammen gewesen war. Dann konnte sich Jörg nicht so einfach mehr aus der Sache herausreden.
Hastig erwiderte er: „Gerne! Ich hatte Marie vor einiger Zeit zwei CDs geborgt, vielleicht kann ich die bei der Gelegenheit auch wieder abholen?“
Clara versprach es und sie verabredeten sich für den Samstag nach Ostern auf dem Hof.
Harald überkam ein Hochgefühl, es seinem arroganten Chef endlich heimzahlen zu können. Aber es verflog schnell und machte dem Gefühl einer tiefen Verlorenheit Platz. Der winzige Funken Hoffnung, dass die Patientin mit den Initialen M. L. doch nicht Marie gewesen war, war erloschen. Er drückte sich ein Kissen in seine Augen, um seine Tränen nicht spüren zu müssen.
Harald hatte kein Auto. Da er sich sonst nur in der Kieler Innenstadt bewegte, brauchte er eine Weile, um herauszufinden, wie er mit dem Bus zum Hof Keim und Sprosse in der Nähe von Boksee südlich von Kiel gelangen konnte. Der Bus fuhr am Sonntag nur alle paar Stunden und Harald verstand jetzt, warum Marie immer Wert darauf gelegt hatte, sich mit ihrem eigenen Fahrrad unabhängig zu machen. Aber selbst, wenn Harald ein Fahrrad gehabt hätte, wäre ihm das zu weit gewesen. Er hatte sich daran gewöhnt, alle seine Wege zu Fuß, oder falls es nicht anders ging, mit dem Bus zurückzulegen.
Der Bus hatte schon seit einer Weile die Stadtgrenze passiert, als der Fahrer an einer verlassenen Haltestelle stoppte und ihm zunickte. Harald lief die Landstraße etwa hundert Meter weiter, bis er auf einen Feldweg stieß. Dort stand ein Schild, das den Weg zum Hof Keim und Sprosse wies. Er hoffte, dass sie keine Hunde hatten. Kläffende Köter, die aus dem Hinterhalt hervor stürmten und ihn womöglich ansprangen, machten ihm Angst. Marie hatte nie von Hunden gesprochen, doch als er sich dem Hof näherte, wurde er eines Besseren belehrt. Aber der große, etwas zottelige Hund, der durch die offene Gartenpforte zielgerichtet auf ihn zu schlenderte, blieb friedlich. Erst als er dicht vor Harald stand, setzte er sich vor ihm hin und bellte.
Eine Frau erschien aus der Flügeltür des lang gestreckten, roten Backsteinhauses. „Ist brav, Charly, brav!“, rief sie, worauf der Hund mit dem Schwanz wedelte und begann Harald intensiv zu beschnüffeln. Als er damit fertig war, machte er kehrt und trollte sich.
„Bist du Harald?“, fragte die Frau, während sie auf ihn zuging.
Sie trug eine blaue Schürze, ihre langen, schwarzen, lockig herunterfallenden Haare umrahmten ihr ebenmäßig geformtes Gesicht. Als sie ihn anlachte, formten sich kleine Grübchen auf ihren Wangen.
Sie passt eigentlich nicht auf einen Bauernhof, dachte er. In seinen Vorstellungen über das Landleben passten eher verhärmte, sorgenzerfurchte Gesichter, obwohl Marie auch nicht so ausgesehen hatte.
„Ich bin Clara“, sagte sie. An dem festen Druck ihrer schlanken Hand spürte er, dass sie körperliche Arbeit gewohnt war. Was für ein Unterschied zu den Leuten im Labor, deren handschuhbewehrte Finger sich selten berührten, staunte er, während Clara ihn am Arm fasste und mit ihm ins Haus ging.
„Die anderen sind alle auf den Feldern oder in den Gewächshäusern“, sagte Clara. „Wir haben im Moment alle Hände voll zu tun. Weißt du, wie es auf einem Bauernhof zugeht?“
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