K.P. Hand - Willenbrecher

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Um dem Kopf einer organisierten Sklavenhändlertruppe auf die Spur zu kommen, schleust sich der Ermittler Norman Koch als Drogendealer in eine Verbrecherorganisation ein. Während er, abgeschnitten von seinen Kollegen und Vorgesetzten, sein Leben in Gefahr bringt um die vielen Entführten zu retten, verschwindet erneut ein junges Mädchen, das gar nicht weit von Normans Reichweite entfernt festgehalten und gefoltert wird.
Um sie zu retten benötigt Norman die Hilfe eines alten Bekannten: dem Auftragskiller Alessandro.
Überraschend möchte sich Alessandro mit Norman verbünden um ihm bei dem Fall zu helfen.
Norman lässt sich darauf ein, doch merkt er schnell, das dieser Verbrecher gar nicht so skrupellos war, wie er sich einen Auftragsmörder vorstellte. Zu der Angst, bei diesem Fall zu versagen, drängten sich Norman nun auch noch Gefühle auf, die er gegenüber diesem Mann keinesfalls zulassen will…
*Warnung: Dieser Roman will keinesfalls Gewalt verherrlichen, jedoch tauchen Szenen und Darstellungen von physischer und psychischer Grausamkeit auf, die auf manche Menschen verstörend wirken können. Außerdem enthält diese Geschichte explizit geschilderte homoerotische Szenen, an denen sich einige Menschen stören könnten. Altersempfehlung: ab 18 Jahre

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Norman hätte gerne das Telefonat belauscht, doch er wusste nicht, ob und wo Kameras in der Nähe waren, deshalb ging er den Flur entlang und verließ die große Villa eilig.

Franklin hatte etwas von Ware gesagt. Zweifellos hatte er damit die Entführten gemeint. Warum sonst sollte er große Mengen Sedativum benötigen? Seine Männer sammelten die Opfer ein, betäubten sie, und Franklin ... verkaufte sie?

War Franklin der Kopf einer Bande von Menschenhändlern?

Wenn dem so war, wollte Norman ganz sicher nicht der Mann sein, der noch mehr Drogen heranschaffte, die die Opfer willenlos machten. Aber wenn er nicht auffliegen wollte, hatte er keine andere Wahl. Und scheitern kam nicht in Frage. Nicht jetzt, wo er langsam begriff, was hier gespielt wurde.

4

Alessandro fuhr in seinem schwarzen Sportwagen, der einige Zeit unbewegt bei seinem großen Bruder untergestanden hatte, gemächlich durch die Straßen der Stadt. Er hatte natürlich ein bestimmtes Ziel, aber das bedeutete nicht, dass er auch jedem zeigen musste, dass er etwas vorhatte. Vielleicht war er paranoid, aber in dieser Stadt konnte man nie genau wissen, von wem man gerade verfolgt wurde.

Seine Rückkehr war kein Zufall gewesen und er hatte diese Entscheidung nicht aus freien Stücken getroffen, auch wenn er seine Heimat stets vermisst hatte, wusste er, dass es hier für jemand wie ihn einfach zu gefährlich war.

Nun, aber da er sowieso schon in der Stadt war, wollte er dann auch nach einem alten »Freund« sehen.

Gedankenverloren rieb er sich über seine Lippen, während seine andere Hand locker das Lenkrad umfasst hielt und das Auto steuerte. Er warf einen Blick in den Rückspiegel und sah, dass der Wagen hinter ihm viel zu dicht auffuhr. Der Mann hinter dem Lenkrad zog ein grimmiges Gesicht und schien ausgiebig zu fluchen.

Alessandro wusste nicht, was der Kerl für ein Problem hatte, immerhin hielt er sich lediglich an die vorgegebene Geschwindigkeitsbeschränkung. Und nur weil so ein Lackaffe im Anzug der Meinung war, ihn bedrängen zu müssen, musste er noch lange nicht darauf eingehen. Im Gegenteil, Alessandro fuhr noch mal extra langsamer, als er an eine Ampel heran fuhr. Sie stand auf Grün, bis er bei ihr ankam, war sie rot.

Der Anzugträger im hinteren Wagen hupte und schimpfte, so laut, das Alessandro ihn teilweise hören konnte. Mit einem provokanten Grinsen sah er in den Rückspiegel und empfand höchste Zufriedenheit über den Ärger des Mannes.

Alessandro brachte gern andere Menschen auf die Palme, das hatte er schon als kleiner Junge immer gern getan, mit seinen mittlerweile vierunddreißig Jahren hatte sich das nicht geändert.

Vierunddreißig ... Alessandro hob den Kopf und betrachtete sich selbst im Rückspiegel. Eingehend betrachtete er sein jung gebliebenes Gesicht. Oft schätzte man ihn höchstens auf achtundzwanzig Jahre, worüber er sehr froh ist. Was sein Aussehen betraf war Alessandro unglaublich eitel, er hatte Angst davor, alt und unattraktiv zu werden. Deshalb pflegte er sich gut. Auch bei seiner Ernähung war er vorsichtig, sein einziges Laster waren die heimtückischen Zigaretten. Dafür ließ er aber die Finger von Alkohol und Drogen; meistens jedenfalls.

Aber er hatte andere Dinge, die für ihn wie Drogen waren. Von denen er süchtig war, wenn nicht sogar geradezu besessen. Ja, besessen traf die Sache ganz gut, dachte er insgeheim als er den Rückspiegel wieder zurechtrückte, weil die Ampel wieder auf Grün umsprang.

Alessandro fuhr wieder an und behielt sein gemächliches Tempo bei. Er hielt kurz bei einem Zebrastreifen und ließ eine Klasse Schulkinder darüber, während der Mann hinter ihm im Wagen wieder kräftig die Hupe betätigte.

Bei der nächsten Gelegenheit überholte der Wagen hinter Alessandro schließlich und zeigte ihm beim Vorüberfahren demonstrativ den Mittelfinger. Alessandro grüßte lediglich freundlich und lächelte nur frech.

Nachdem er genug davon hatte, die anderen Verkehrsteilnehmer in den Wahnsinn zu treiben, indem sie zwang, sich an die Verkehrsregeln zu halten, bog er schließlich in das Viertel, zudem er von Anfang an hatte gelangen wollen.

Es handelte sich um einen Wohnblock aus Hochhäusern mit Mietwohnungen. Hier gab diese eine Person auf Erden, die Alessandro benötigte, wie ein Alkoholiker seinen Alkohol.

Er parkte sein Auto unauffällig auf der gegenüberliegenden Straßenseite unter den kahlen Ästen einer Trauerweide, die am Rande eines kleinen Spielplatzes emporragte.

Alessandro blieb im Wagen sitzen, als er die graue Fassade des Gebäudes hinaufblickte, zu den Balkonfenstern der einen Wohnung, die ihn interessierte.

Oft hatte er sich schon gefragt, wie es wohl darinnen aussehen würde. Vermutlich würde er es nie erfahren, geschweige denn, mit eigenen Augen sehen.

Hier zu sitzen und Stunde um Stunde im Wagen auszuharren war seine ganz persönliche Droge. Na ja, nicht das Rumsitzen, korrigierte er sich, eher das heimliche beobachten der anderen Person, wie ein kleiner, perverser Spanner.

Um genau zu sein, war er aber kein gewöhnlicher Spanner, da er nicht darauf aus, war etwas Intimes aus dem Privatleben der Person zu erfahren. Er wollte den Menschen nur ... sehen. Da er nicht einfach hingehen und die Person treffen konnte, musste er es eben heimlich tun. Seltsamerweise gab ihm das stets ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, dabei schwebe er umso mehr in Gefahr, je näher er sich an die Person heranwagte.

Doch heute stimmte etwas nicht. Während Alessandro hinauf starrte, erkannte er, dass hinter den Fenstern kein Licht brannte. In der Wohnung gab es kein Leben.

Grübelnd hob er seinen Arm um dessen Handgelenk eine Armbanduhr hing und las die Zeit davon ab. Es war spät und der andere müsste eigentlich schon zu Hause sein.

Nun, aber er schien mal wieder länger zu arbeiten. Seltsam war aber, dass dessen Wagen auf dem Parkplatz stand, der für ihn bestimmt war.

Vielleicht war er mit dem Dienstwagen unterwegs, überlegte Alessandro und startete seinen Wagen.

Auf direktem Weg fuhr er zur Arbeitsstelle seines »Stalking-Opfers« und parkte auch davor auf der gegenüberliegenden Seite. Von dort aus hatte er einen guten Blick in das Büro, indem der andere für gewöhnlich arbeitete. Dort brannte wie üblich Licht, aber er war nicht zu finden.

Enttäuscht lehnte Alessandro sich zurück, er hatte gehofft, einen kurzen Blick auf ihn erhaschen zu können. Er war neugierig darauf gewesen, wie er sich verändert hatte.

Seufzend startete er wieder den Motor und lenkte den Wagen auf die Straße. Da er sonst nichts weiter zutun hatte, fuhr er enttäuscht und niedergeschlagen wieder nach Hause. Oder besser gesagt, in Enios Zuhause; er selbst hatte nichts Eigenes.

Noch nicht!

Nach zwanzig Minuten betrat er wieder die prunkvolle Eingangshalle der Villa. Es war warm und es roch nach frischgebackenem Kuchen, allerdings war Alessandro die Lust auf Süßspeisen für heute vergangen. Er wollte lieber in sein Zimmer und schmollen.

Aber seltsam war es schon, überlegte er, während er die Treppe hinauf schlurfte. Es gab in dieser Stadt eigentlich nur zwei Orte an dem er ihn antreffen konnte. Alessandro hatte ihn Jahrelang beobachtet und wusste genau, wo er, wann hinging. Morgens ging er joggen, meistens außerhalb der Stadt, er lief einige Kilometer, kam zurück und duschte, dann machte er sich auf zur Arbeit, dann war er im Büro oder mit seinem Wagen unterwegs, nach der Arbeit fuhr er in seine Wohnung und blieb dort, einkaufen ging er stets Samstags nach seiner Schicht. Er hätte also in seiner Wohnung sein müssen!

Gut, es war natürlich möglich, dass er beruflich unterwegs war, er saß ja nicht ständig im Büro, allerdings war es dennoch seltsam, das sein Wagen vor der Wohnung geparkt hatte.

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