Jan schüttelte den Kopf. »Sandra ist längst aus dem Alter raus, wo sie mit Teddys spielt.«
»Deswegen schaue ich doch gar nicht. Aber ich habe da eine merkwürdige Bewegung gesehen. Ha, wusste ich’s doch! Der Kerl da hinten sprüht Farbe auf einen Plüschhasen. Na, dem werde ich was husten.«
Wenn Kira damit droht zu husten, dann ist sie nicht erkältet, sondern stinksauer.
Sie stürmte in den Laden. Jan lief hinterher. Vor einem Regal voller Hasen stand ein Junge, der einen Kopf größer als Kira und von der Kappe bis zu den Turnschuhen ganz in Dunkelblau gekleidet war. Ein paar schwarze Zotteln schauten unter dem Rand der Kappe hervor. Er war gerade dabei, aus einer Spraydose blaue Farbe auf ein rosa Häschen zu sprühen. Das sah gar nicht schlecht aus, jedenfalls nicht mehr so kitschig wie davor.
Kira zog ihn am T-Shirt-Ärmel. »Sag mal, tickst du noch richtig? Du bist ja der reinste Vandale! Jan, geh den Verkäufer suchen.«
Jan wollte Kira nicht mit dem Kerl allein lassen, das merkte ich ihm an, weil er unschlüssig von einem Bein auf das andere wippte, was mich bedenklich ins Schwanken brachte.
»Ey, stress mich nicht.« Der Junge drehte sich um und hielt Kira die Spraydose vors Gesicht. »Sonst verpass ich dir eine blaue Nase.«
Kira blieb ganz ruhig. »Das traust du dich nicht, das wäre Körperverletzung.«
»Und ob ich mich traue, du halbe Portion.« Er bleckte die Zähne, an denen ein kleines Klettergerüst aus Metall befestigt war.
Ich ging sofort in Karategrundstellung: Ich stellte mich auf die Hinterfüße, ballte die Vorderpfoten, fletschte mein Gebiss und machte mich auf einen langen, harten Kampf gefasst.
Endlich sah mich der Kerl. »Oder ich verpasse eurem Goldhamster eine neue Farbe. Dann ist er ein Blauhamster.« Er lachte wie bescheuert und zielte mit der Spraydose auf mich. Er wollte gerade auf den Sprayknopf drücken, da schoss Kiras Fuß hoch und traf ihn am Handgelenk. Die Spraydose flog in hohem Bogen durch den Laden und knallte dem Verkäufer direkt auf die Glatze.
»Aua«, schimpfte der. »Was ist denn hier los?«
Gleichzeitig kam eine Stimme von der Tür. »Ey, komm raus, bevor sie dich hopsnehmen, du Idiot.«
Dort stand noch ein Junge, der auch ganz in Dunkelblau angezogen war. Unter seiner Kappe schauten blonde Haare raus. Seine Nase war so breit, dass Chan gemütlich daraufgepasst hätte. Sogar quer.
Hinter ihm lugte die Kappe von einem dritten Jungen hervor, der sich duckte und hinter Breitnase versteckte, als er uns sah. Das war ja eine ganze blaue Bande! Der Junge mit dem Klettergerüst an den Zähnen spurtete zur Tür. Kira wollte ihn festhalten, doch der Verkäufer stellte sich ihr in den Weg. So konnten der Junge und seine beiden Freunde entkommen. Ich sah sie wegrennen und ärgerte mich, dass ich zu klein war, um sie festzuhalten. Wenn ich wenigstens so groß wäre wie ein Meerschweinchen oder eine Kanalratte!
Jetzt entdeckte der Verkäufer den blauen Hasen. »So eine Sauerei! Den wirst du bezahlen.«
Kira atmete tief durch. »Nein, werde ich nicht. Das war nämlich der Junge, der mit seinen Freunden abhauen konnte, weil Sie mich daran gehindert haben, ihn festzuhalten.«
Der Verkäufer rieb sich die Glatze und starrte erst Jan, dann mich an. Ich stand immer noch in Grundstellung. »Und einen Plüschhamster wollt ihr auch klauen. So eine Frechheit.«
Jan lachte. »Der ist nicht aus Plüsch, der ist echt.«
Der Verkäufer griff nach mir, doch ich holte mit der Pfote aus und verpasste ihm einen astreinen Karatehieb. Erschrocken wich der Verkäufer zurück. »Der lebt ja.«
»Sag ich doch«, meinte Jan grinsend.
»Was ist jetzt?«, fragte Kira. »Können wir endlich gehen und die Täter verfolgen?«
»So leicht kommt ihr mir nicht davon. Erst schreibe ich mir eure Namen auf und dann verständige ich eure Eltern.« Er hob die Spraydose auf. »Die behalte ich als Beweismaterial.«
Kira nannte ihren Namen und ihre Adresse. Ebenso Jan. Nur von mir wollte der Verkäufer nichts wissen. Ich war zwar genauso unschuldig wie Kira und Jan, aber wenn meine beiden Menschen verdächtigt wurden, dann wollte ich auch verdächtigt werden. »Ich heiße Neo Schraubelokker«, rief ich so laut ich konnte. »Und ich wohne in einem Karnickelkäfig.«
»Jetzt haut ab«, sagte der Verkäufer. »Ich kann das Gekreische von eurem Hamster nicht mitanhören.«
Kaum waren wir aus dem Laden, schimpfte Kira: »So ein unfreundlicher Mensch. Bei dem kaufe ich bestimmt nie etwas.«
»Ob der Junge etwas gegen ihn persönlich hatte und deswegen einen Hasen besprüht hat? Oder war das eine Mutprobe? Oder einfach nur blinder Vandalismus?«, überlegte Jan, als wir weitergingen.
»Das fragen wir sie, wenn wir sie geschnappt haben.« Kira sah die Straße hinauf und hinunter. »Irgendwann laufen die uns schon wieder über den Weg.«
Alten Krempel brauch ich nicht, da mach ich lieber ein Gedicht
Vor Petras Geschenke-Shop parkte ein großes Auto, das silbern glänzte, genau wie mein Turbo-Hamsti. Die Fahrertür ging auf, und ein Mann stieg aus, der sehr vornehm aussah. Mit schwungvollen Schritten betrat er den Laden. Kira und Jan folgten ihm.
»Einen schönen guten Tag wünsche ich«, sagte der Mann zu Petra. Er wirkte eine Nummer zu groß für den kleinen Laden, in dem es nach Blüten roch. Ein Springbrunnen plätscherte, und es lief Musik, die aus ganz viel Gebimmel bestand.
Petra kam hinter der Kasse vor. »Guten Tag, kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«
Mir hätte sie sofort behilflich sein können, indem sie Kenny und Mariechen holte. Aber erst musste sie sich wohl um den Kunden kümmern.
Der Mann sah sich um. »Ich brauche ein ganz besonderes Geschenk.«
Na, da war er doch genau richtig. Bei Petra gab es nur besondere Geschenke: Servietten mit aufgedruckten Pizzastücken, lila Seife, die wie Schäfchen geformt war, und Blumen aus Glitzerplastik.
»Für wen soll es denn sein?«
»Für meine Frau zur silbernen Hochzeit. Andere Männer schenken Schmuck oder einen Pelzmantel, aber meine Frau trägt nur den Schmuck, den sie von ihrer Mutter geerbt hat. Und einen Pelzmantel würde sie nicht anziehen, weil sie sehr tierlieb ist. Mechthild würde sich am meisten über etwas Persönliches freuen.«
»Was hat Ihre Frau denn für Interessen?«
»Literatur, Golf und klassische Musik.«
»Kauf doch so eine Bimmel-CD«, schlug ich vor. »Das ist klasse Musik.«
Wirklich schade, dass Menschen die Hamstersprache nicht verstehen, so entgehen ihnen die heißesten Tipps.
»Wie wäre es mit einem süßen Golfschläger?« Petra griff in ein Regal, in dem kleine Sportgeräte aus Schokolade standen: Fußbälle, Tennisschläger, alles Mögliche, nur ein Laufrad war seltsamerweise nicht dabei.
»Ich fürchte, das ist nicht besonders romantisch«, meinte der Mann. »Ach, es fällt mir so schwer, etwas Passendes zu finden.«
Der Mann sah sich noch ein wenig um, dann verabschiedete er sich höflich. Endlich hatte Petra Zeit für uns.
»Wir haben Sommerferien«, rief Kira. »Da können wir faulenzen und ins Freibad gehen.«
Hoffentlich kam Kira nicht auf die Idee, mich ins Freibad mitzunehmen. Ich lande oft genug unfreiwillig im Wasser, ob es nun ein Ententeich ist oder Kennys Wassernapf. Der Springbrunnen hier im Laden war mir auch nicht ganz geheuer. Immer, wenn Jan ihm zu nahe kam, klammerte ich mich an seinem Ohrläppchen fest.
»Kommt mal mit nach hinten. Ich will euch etwas zeigen.« Petra öffnete die Tür zum Lagerraum.
Kenny lag zusammengerollt auf einer Wolldecke. Jetzt hob er die Ohren, und ich konnte sehen, dass Mariechen in seiner Ohrmuschel lag. Wie hinreißend sie im Schlaf aussah!
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