Ich betonte das zweite »i«, damit der Reim stimmte, aber es schien Lee trotzdem nicht zu gefallen. Er vergaß sogar, dass er innerlich total ruhig war.
»Auf Pipi?«, schimpfte er. »Das reimt sich zwar, aber es macht überhaupt keinen Sinn. Und das mir! Der Sinn meines Lebens ist die Suche nach dem Sinn. Das nennt man Philosophie, du Spinner.«
»Wieso regst du dich so auf?« Ich ließ mich neben ihm auf sein Gel-Polster sinken und spürte sofort, wie sich Ruhe in mir ausbreitete. »Pipi reimt sich auch auf Philosophie.«
»Runter von meinem Polster, sonst denke ich mir für dich eine tödliche Krankheit aus. Oder Höhenangst. Genau. Wenn du Höhenangst hättest, könntest du nicht mehr auf Jans Schulter sitzen. So, ätsch!«
Das wäre wirklich entsetzlich. Schnell ließ ich mich vom Polster kullern.
In dem Moment wurde die Tür aufgerissen, Kira platzte ins Zimmer und stolperte über eine Tasche, die seit Wochen neben ihrem Schreibtisch stand.
»Jungs!«, rief sie und beugte sich freudestrahlend über unseren Käfig. »Das Leben hat wieder einen Sinn.«
Wie von einer Schnur gezogen, hoben wir drei unsere Köpfe. Gleich würden wir erfahren, ob Philosophie, Dichten oder Fressen der Sinn des Leben war.
Kira breitete die Arme aus und trällerte: »Sommerferien.«
Alles in Butter auf dem Kutter
»Das ist ja interessant«, sagte ich zu Lee. »Wir brauchen Ferien, damit unser Leben einen Sinn hat. Ferien reimt sich auf Bakterien«, fügte ich hinzu, um ihm Krankheiten wieder schmackhaft zu machen.
»Kira ist noch nicht ausgewachsen«, sagte Lee. »Menschen brauchen länger, bis sie erwachsen sind. Erst dann verstehen sie, worum es im Leben geht.«
»Ferien!«, freute sich Kira weiter. »Wisst ihr, was das bedeutet?«
»Mehr Futter?«, fragte Chan.
»Mehr Auslauf!«, bettelte ich.
»Weniger Ruhe zum Nachdenken«, befürchtete Lee.
»Es bedeutet, morgens lange ausschlafen«, sagte Kira. »Keine Hausaufgaben, kein Lernen auf Tests, kein Stress mit den Lehrern, nur noch Stress mit Sandra.«
Kiras Eltern sind geschieden. Sie lebt bei ihrem Vater und seiner neuen Frau Sandra Putz, die sie ihre Zwangsmutter nennt. Und Sandras Sohn Heiko ist Kiras Zwangsbruder. Das ist so wie bei uns im Käfig: Lee und Chan sind meine Zwangsfreunde, denn eigentlich sind Hamster Einzelgänger.
Kira ließ sich aufs Bett fallen. »Es bedeutet mehr Zeit zum Faulenzen.«
In dem Moment erschien Sandra Putz in der offenen Tür. »Und mehr Zeit, um dein Zimmer aufzuräumen.«
»Ich hasse Aufräumen«, sagte Kira.
»Dann hilft nur die Mülltonne«, meinte Sandra. »Alles, was morgen noch auf dem Boden liegt, werfe ich weg.«
Kira grinste. »Welcher Boden? Ich sehe hier keinen Boden.«
Wie auch? Es lag ja meterhoch Zeug darauf herum. Das fand ich sehr gemütlich und viel praktischer, als alles in Schränke und Regale zu stopfen.
Dazu fiel Sandra nichts mehr ein, also ging sie. So leicht möchte ich es auch manchmal haben. Wenn mir keine Antwort auf eine von Lees Bemerkungen einfällt, möchte ich einfach die Käfigtür öffnen und hinausspazieren, anstatt so tun zu müssen, als hätte ich ihn nicht gehört.
»Ich geh wieder Laufrad laufen«, sagte ich. »Dabei kann ich prima dichten.«
»Du tust gerade so, als wärst du der einzige Hamster, der dichten kann«, sagte Lee.
»Versuch’s doch mal selber«, forderte ich ihn heraus. »Ich wette, du kriegst keinen einzigen Reim zustande. Chan, sag ein Wort. Etwas, woran du immer denkst.«
Ich wusste genau, woran er immer dachte: an seinen Futtervorrat. Und auf Futtervorrat reimt sich überhaupt nichts.
»Futter«, sagte Chan.
Mist!
»Futter, Butter, Mutter, Kutter«, reimte Lee.
»Das ist doch kein Gedicht!«
»Chan findet Futter, alles ist in Butter, danke liebe Mutter, ich fahre mit dem Kutter.« Lee räkelte sich zufrieden auf seinem Polster. » Das ist ein Gedicht, oder nicht?«
»Hallo Jungs«, hörte ich da eine vertraute Stimme. Es war Jan. Mein geliebter, wunderbarer Kumpel Jan! Der beste Menschenjunge von allen. »Na, alles in Butter?«
»Ich mag keine Butter im Futter, schönen Gruß an deine Mutter«, sagte ich schnell, damit Lee mir nicht zuvorkam.
Jan verstand uns sowieso nicht, aber er wusste trotzdem, was ich wollte. Er holte mich aus dem Käfig und setzte mich auf seine Schulter. »Jetzt sind Sommerferien, Neo. Weißt du, was das bedeutet?«
Ich dachte an das, was Kira gesagt hatte. »Wenn ich es mir richtig gemerkt habe, bedeutet es schlafende Hausaufgaben und faulende Lehrer.«
»Es bedeutet, dass ich jede Menge Zeit für dich habe«, sagte Jan. »Wir können viel zusammen unternehmen.«
»Das ist es!«, rief ich triumphierend zum Käfig hinunter. »Ich liebe Unternehmungen. Das ist der Sinn des Lebens.«
»Na schön«, sagte Kira zu Jan. »Was unternehmen wir als Erstes? Ah, ich weiß schon etwas. Ich muss ein Geschenk für meine Zwangsmutter suchen. Sie hat bald Geburtstag. Normalerweise würde ich ihr ja nichts schenken, aber diesmal ist es etwas Besonderes, denn es ist ein runder Geburtstag.«
»He, ich bin auch rund.« Chan wurde ganz aufgeregt. »Heißt das, ich habe auch Geburtstag? Au ja, ihr müsst mir alle etwas schenken. Ich liebe Geschenke.«
»Jetzt beruhig dich wieder.« Lee schüttelte den Kopf. »Ein runder Geburtstag heißt doch nur, dass eine Null am Ende steht. Also wird Sandra vielleicht 100 Jahre alt oder so. Ich hoffe nur, dass Kira und Jan uns nicht mitnehmen wollen. Ich hasse Unternehmungen.«
Jan schlug vor: »Bei der Gelegenheit könnten wir auch mal wieder Petra, Kenny und Mariechen besuchen.«
Schlagartig änderte Lee seine Meinung. Er hopste von seinem Gel-Polster und rüttelte am Laufrad. »Ich will mit. Ich will auch etwas unternehmen. Ich will Mariechen besuchen.«
Auch Chan war sofort zur Stelle und kletterte auf die Rutsche, damit Jan ihn nicht übersah. »He, nicht ohne mich! Mariechen hat bestimmt schon Sehnsucht nach mir.«
Aber die beiden hatten sich auf früheren Ausflügen so unmöglich angestellt, dass Kira sie lieber daheim ließ.
Ich reimte für Lee und Chan zum Abschied: »He, ihr beiden, macht euch nichts draus. Ich richte Mariechen Grüße aus.«
Blaue Farbe auf der Nase – sieht doch super aus, der Hase!
Jetzt, wo ich frische Luft in die Lungen bekam, wurde mir klar, dass Lee vorhin totalen Unfug verzapft hatte, als er sagte: »Der Sinn meines Lebens ist die Suche nach dem Sinn.« Das war wie ein Laufrad im Kopf, das sich immer weiterdrehte und nie irgendwo ankam. So wie wir auch, denn Kira blieb vor jedem Schaufenster stehen.
»Ich habe absolut keine Idee, worüber Sandra sich freuen würde.«
»Ich glaube nicht, dass du in einem Geschäft für Anglerbedarf etwas Passendes finden wirst«, meinte Jan.
Kira zuckte mit den Schultern. »Ich schau mich halt um.«
Jan zog sie weiter. »Die schönsten Sachen gibt es doch bei Petra, und da wollen wir sowieso hin.«
Petra und ihr Hund Kenny haben einen Laden, Petras Geschenke-Shop . Kenny ist groß, braun, schlappohrig und gutmütig. Beim Superhamster-Casting hat er das süße Hamsterweibchen Mariechen vor ihrem fiesen Besitzer gerettet. Jetzt lebt Mariechen bei Petra, das heißt, meistens lebt sie in Kennys rechtem Ohr, so wie ich oft auf Jans Schulter lebe.
Ich konnte es kaum erwarten, Mariechen endlich wieder in die Pfoten zu schließen. Doch vor dem nächsten Schaufenster, in dem lauter Plüschtiere hockten, hielt Kira schon wieder an und ging mit dem Gesicht ganz nah an die Scheibe.
Читать дальше